Franz
Grillparzer: Der arme Spielmann
Erzählung (1847) – Online siehe:
Links – Literatur
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In der
Rahmenerzählung von Der arme Spielmann zieht der
Ich-Erzähler in Wien in die Brigittenau. Dort findet das jährliche
zweitägige Kirchweihfest statt, Brigittenkirchtag, ein sommerlichen
Volksfest, an dem alle Schichten teilnehmen. Die "besseren" Kreise
bestaunen wohl die Ausgelassenheit des "gemeinen" Volks. Der
Ich-Erzähler wird von mit einem alten Geigenspieler fasziniert, der ihn
mit einem Spruch von Horaz
überrascht: "sunt certi denique fines!" (
Grenzen und deren Überschreitung). Er sucht
dessen nähere Bekanntschaft, da er als Schriftsteller immer an
aussergewöhnlichen Charakteren interessiert ist und erfährt, in der
langen Binnenerzählung die Lebens- und Liebesgeschichte des Musikanten
Jakob. |
Est
modus in rebus, sunt certi denique fines,
quos ultra citraque nequit consistere rectum.
Horaz: Sermones
I, 1, 106-07 – Zitate Horaz
Es gibt ein rechtes Maß in allen Dingen, kurz, es gibt feste Grenzen
Und diesseits wie jenseits liegt das Unhaltbare. |
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Jakob stammt
aus einem berühmten und reichen Elternhaus. Die rigorosen
Gelehrsamkeitsanforderung des Vaters kann das Kind Jakob nicht
erfüllen. Er fällt in Ungnade und es ist elektrisierend, wie er
allmählich von der eigenen Familie ausgegrenzt wird. Beruflich wird er
in eine Kanzlei als Abschreiber gesteckt.
| »Ich kam nun in die
Kanzlei unter die Abschreiber. Da war ich recht an meinem Platze. Ich
hatte immer das Schreiben mit Lust getrieben, und noch jetzt weiß ich
mir keine angenehmere Unterhaltung, als mit guter Tinte auf gutem
Papier Haar- und Schattenstriche aneinanderzufügen zu Worten oder auch
nur zu Buchstaben.« |
Hier dachte ich an den berühmten und kauzigsten Abschreiber der
Weltliteratur, an Bartleby,
the Scrivener ( Rezension)
von Herman Melville.
Diese Erzählung erschien fünf Jahre nach Grillparzers Spielmann,
1853. Jakob verliebt sich in die Tochter eines knorzigen
Gemischtwarenhändlers, die als Kuchenverkäuferin in der Kanzlei und in
Jakobs Wohngegend auftritt. Zunächst wird er von einem Lied angezogen,
das sie singt, später ist er heillos in Barbara verknallt. Ihr Vater
will nichts von Jakob wissen, bis er von seiner exzellenten Herkunft
erfährt. Die Szenen im Haus des Händlers lassen Franz Kafka
vorausahnen ( Franz
Kafka). Dies gilt auch stilistisch für gewisse
Passagen. Die Annäherung an die geliebte Kuchenverkäuferin in der
Kanzlei gestaltet sich schwierig und Grillparzer beschreibt es so:
| »Zu schnell anfragen
schien mir unhöfliche Zudringlichkeit, allzu langes Warten konnte für
Gleichgültigkeit ausgelegt werden. Mit dem Mädchen auf dem Gange zu
sprechen, getraute ich mir nicht, da unsere erste Zusammenkunft bei
meinen Kameraden ruchbar geworden war und sie vor Begierde brannten,
mir einen Streich zu spielen.« |
Für das praktische Krämer- und Handelsleben ist der Musikus Jakob
ungeeignet: er kümmert sich weder um seinen Stand, seine Rechte, noch
seine Erbschaft und verliert diese durch zu grosse Vertrauensseligkeit.
Barbara heiratet einen Fleischermeister. |
Jakob hat seine
eigene Vorstellung vom Geigenspielen, so dass er manchmal himmlisch
klingt, für manche aber nur ein unausstehliches Gefiedel produziert. Er
selbst fühlt sich als Improvisator, er spürt den Unterschied zwischen
einem bloßen Geigenspieler und einem begnadeten Künstler: »Als ich nun
mit dem Bogen über die Saiten fuhr, Herr, da war es, als ob Gottes
Finger mich angerührt hätte.« Dieser Unterschied, der den eigentlichen
Wert der Kunst ausmacht, wird auch im Gedicht "Touch of the Master's
Hand" von Myra Brooks Welch
ausgedrückt (in etlichen C&W Songs besungen, so von Tex Ritter und 1963
von Walter Brennan,
Musik von Tex Ritter und ? Allsup).
The people cheered, but
some of them cried,
»We do not quite understand. What changed its worth?« Swift came the
reply:
»The touch of the Master's hand.«
Myra Brooks Welch: "Touch of the Master's Hand" |
Eigentlich hat der Ich-Erzähler nur ein berufliches Interesse an Jakob,
doch kehrt er nach einiger Zeit nach Wien zurück und sucht wieder das
Haus Jakobs auf, der dort in der Leopoldstadt im oberen Stock wohnt:
zusammen mit zwei Handwerksburschen. Ihre Wohnbereiche sind durch eine
Kreidestriche getrennt (vergleiche die zwei Kanzlei-Kumpanen in
Melvilles Bartleby). Der Erzähler glaubt Jakob vor
der kürzlichen Überschwemmung in Wien sicher. Doch er erfährt anderes.
Gleich dem Big Bad John (Jimmy
Dean: "Big Bad John", 1961) unternahm Jakob
heroische Rettungstaten und erliegt kurz darauf seiner Erkältung, da
aufgrund des anhaltenden Hochwasser der Arzt zu ihm nicht durchkommt.
Hier im Haus Jakobs, der gerade zu Grabe getragen wird, lernt der
Erzähler auch Barbara und deren zwei Kinder kennen. Er will ihr die
Geige des Verstorbenen abkaufen. Doch Barbara erkennt ihren ideellen
Wert (durch den "Touch of the Master's Hand") und hängt die Geige an
der Wand auf, zwischen Spiegel und Kruzifix.
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Franz Grillparzer
(1791-1872) begann mit der Erzählung bereits 1831 und arbeitete viel
autobiografisches Material hinein. Die Beziehung zwischen Jakob und
Barbara soll Grillparzers Verhältnis mit Katharina Fröhlich
widerspiegeln. Einige Motive aus Der arme Spielmann
findet man wieder in Adalbert
Stifters Erzählungen Turmalin
und Katzensilber (
Adalbert Stifter: Bunte Steine).
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Anfang |
| Grenzen
und deren Überschreitung |
| Der Horazspruch
"sunt certi denique fines!" (Kurz: es gibt feste Grenzen) gibt das
Leitmotiv für die Erzählung. Der Ich-Erzähler befasst sich mit einer
scheinbar gescheiterten Existenz, die für wenig Geld an öffentlichen
Plätzen fiedelt. Jakob selbst wird zwischen seinem gut bürgerlichen
Elternhaus und dem Krämerhaushalt seiner geliebten Barbara hin- und
hergerissen: sie küssen sich durch eine Glasscheibe! Man begegnet den
Grenzen und ihrer Überschreitung an zahlreichen Stellen der Erzählung.
Lesen und prüfen! |
| Links |
Online
verfügbar: Die freie digitale Bibliothek
– Projekt Gutenberg
|
Franz Grillparzer: Grillparzer-Gesellschaft
– Biographie, Werkverzeichnis
– Wikipedia
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K. Dautel und Zentrale für
Unterrichtsmedien (ZUM)
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Linksammlung der UB der FU Berlin
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| Literatur |
| Porter, James (1981): "Reading Representation in Franz Grillparzer's Der arme Spielmann". Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 55, S. 293-322. |