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Marie
Marie von Ebner-Eschenbach: Ausgewählte Erzählungen
Berlin: Rütten & Loening, 1981. In 2 Bänden. Gebunden, 551 + 561 Seiten
Marie LinksMarie Literatur
Wenn nicht anders vermerkt wird nach der 2-bändigen Ausgabe Ausgewählte Erzählungen. Berlin: Rütten & Loening, 1981 zitiert.
Marie Er lasst die Hand küssen
marie Der gute Mond
Marie Krambambuli
marie Oversberg
Resel Die Resel
marie Die Spitzin
marie Die Totenwacht
marie Die Sünderin
Er lasst die Hand küssen (1885) Bd. 1
In der Binnenerzählung erfährt der Feldarbeiter Mischka zunächst die Gunst der Gräfin. Er wird von ihr als Gartenarbeiter eingestellt. Seine heimliche Liebschaft erregt die Moralapostelin. Sie sorgt dafür, dass seine Freundin (Mutter eines gemeinsamen Kindes?) entfernt wird. Als Mischka seine Mutter vor den Schlägen des Vaters schützt hat er – nach den seltsamen Moralvorstellungen der Gräfin – das Gebot der Vaterliebe verletzt. Sie verhängt eine Strafe von 50 Stockhieben. Ein Arzt setzt sich für Mischka ein... Weiter verrate ich nichts: unbedingt selbst lesen.
Hier vereint die Autorin auf wenig Seiten eine tüchtige Portion Sozialkritik nach vielen Seiten. Die kaltblütige Haltung des Adels wird scharf angegriffen, dafür Mitleid mit den Untergebenen hervorgerufen. Dazwischen steht Fritz, der devote Diener, der Sklave, der erst den Tyrann ermöglicht (dazu: Johann Gottfried Seume, "Die Sklaven haben Tyrannen gemacht...", Marie Zitate Johann Gottfried Seume). Die rigorosen, kleinlichen, christlich dominierten Moralvorstellungen, die mehr bedeuten als die einzelnen Menschen, bilden den thematischen Unterbau.
Anmerkungen
jus gladii: die Blutgerichtsbarkeit, die es der Gräfin erlaubte, Mischka auspeitschen zu lassen
Heiduken: ungarische Hirten; Söldner. handWikipedia
Kindlers Literaturlexikon S. 3206-3207
Links zu "Er lasst die Hand küssen"
handOnline im Projekt Gutenberg
Der gute Mond
Zwei Vetter und eine Frau; meist wird das Motiv mit Brüdern in der Literatur präsentiert, (z. B. Marie Eugene O'Neill: Beyond the Horizon). Hier kommt es zu der komischen Situation, dass Franz die Hochzeit seines Vetters Franz im letzten Moment absagen soll (Marie Johnnie Ray: "No Wedding Today"). Doch um der Braut und ihrer Mutter die Schande zu ersparen heiratet er sie. Es kommt zu einigen Verwicklungen, die in einem großen Feuer mit Rettungsaktion (ein beliebtes Motiv der Ebner-Eschenbach) gipfeln.
Eine Erzählung von hoher Qualität und grossem Lesevergnügen.
Links zu "Der gute Mond"
mondOnline im Projekt Gutenberg
Krambambuli (1883) Bd. 1
Hier die Geschichte zu erzählen, hieße Eulen nach Athen zu tragen. Deshalb meine Überlegung, die sich als Nachgedanke einstellte. Obwohl der Hund Krambambuli seinen beiden Herren treu ergeben ist, kann man weder dem Revierjäger Hopp, noch dem Ex-Forstgehilfen, dem späteren Wildschütz "der Gelbe", Tierliebe bescheinigen.
• Bei Hopp leuchtet das den meisten Lesern ein, verstößt er seinen Hund doch brutal: „Du warst meine Freude. Jetzt ist's vorbei. Ich habe keine Freude mehr an dir.“ Ihm geht es also nur um seine Freude und seine Aufwertung durch einen klugen Hund.
• Der Gelbe zischt kurz vor seinem Tod Krambambuli mit „Bestie“ an und gibt ihn in der Eingangsszene für seine Alkoholsucht, wenn auch schweren Herzens, her.
Für mich ist Krambambuli also keine Geschichte um Tierliebe, sondern im Gegenteil: die Gegenüberstellung eines ergebenen Tieres, das von beiden Herren ausgenutzt wird. Ähnlich wie in "Die Spitz" ist das Tier der bessere Lebewesen.
Im KLL wird bedauert, dass sich die Autorin nicht von Hopps Obrigkeitshörigkeit und Herrschaftsanspruch über Krambambuli distanziert. Wieder opponiere ich: gerade diese Enthaltsamkeit fordert vom Leser es selbst zu bemerken und Stellung zu beziehen (ohne literarische Vorgabe). Nicht jede Kumpanerei mit einem Tier entspringt echter Tierliebe; sprichwörtlicher Beleg dafür ist der Schäferhund der Nazis.
Zurecht ist Krambambuli in jedem besseren Deutsch-Lesebuch
.
Kindlers Literaturlexikon S. 5361-5362
Verfilmungen
1940 "Krambambuli", Regie: Karl Köstlin, Darsteller: Rudolf Prack
1955 "Heimatland" (A), Vorlage war die Novelle von Marie Ebner-Eschenbach. Regie: Franz Antel Darsteller: Adrian Hoven, Rudolf Prack, Marianne Hold; Krambambuliim BFS
1971 "Sie nannten ihn Krambambuli", Regie: Franz Antel
1998 "Krambambuli" (D/A), Regie: Xaver Schwarzenberger, Buch: Felix Mitterer, nach der Novelle von Marie-Ebner-Eschenbach. Darsteller: Tobias Moretti, Gabriel Barylli, Christine Neubauer
KrambambuliAdolf-Grimme-Preis für "Krambambuli"
Links zu "Krambambuli"
KrambambuliKrambambuli von Marie von Ebner Eschenbach
KrambambuliOnline im Projekt Gutenberg
Oversberg
Oversberg erbt zwar Gut Siebenschloß, muß jedoch feststellen, dass es hoch verschuldet ist. Auf seine geplante Heirat muss er verzichten. Statt seiner ehelicht Robi, der Sohn des Käufers von Gut Siebenschloß die Lene. Oversberg bleibt aber in einem merkwürdigen Verhältnis dem Gut verbunden. Je mehr es Robi vernachlässigt, desto mehr verwaltet es Oversberg. Lene stirbt, Robi heiratet wieder und ist oft auf Reisen.Dann stirbt auch der Sohn aus erster Ehe. Oder war er das Kind von Oversberg? Das wird nur zart angedeutet. Es bleibt offen, was am gleichlautenden Gerücht wahr ist.
Manchmal blitzt der Humor (der Zynismus?) der Autorin durch. Robi lässt sich nicht blicken, als sein Kind erkrankt. "Dabeisein, wenn sein Kind leidet – unmöglich; das konnt er nicht, so grausam ist er nicht" (S. 368).
"Oversberg" trägt zum hohen Niveau der Dorf- und Schloßgeschichten bei
.
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oversbergOnline im Projekt Gutenberg
Die Resel (1884) Bd. 1
Das Grab der Selbstmörderin Resel ist der Auslöser für den Grafen einer bekannten Gräfin die Geschichte von Toni und der Resel zu erzählen. Bemerkenswert an der Erzählung sind drei Umstände.
Ebner-Eschenbach fährt eine Breitseite auf die Jägerei ab. Über die Jagdgesellschaft berichtet sie: „Je blutiger der Tag gewesen, je vergnügter kehrten die Jäger heim“ (S. 253).
Obwohl Resels Tod mehr ein Unfall als ein Freitod war, wird ihr kein christliches Begräbnis zugestanden, sondern nur ein Grab weit weg von den anderen. Soviel zur Menschenwürde und Toleranz unter Christen.
Die Liebesgeschichte zwischen Resel und Toni wirft ein Licht auf die Techtelmechtel der Gräfin, die nur zweimal zart angedeutet werden. Den Wunschpartner Resels Eltern, den Wirtssohn Andreas scheint die Gräfin gut zu kennen. Sie wird rot und vergewissert sich, dass ihr Ehemann während des Gesprächs schläft (S. 259). Ganz am Ende der Erzählung erinnert sie sich nochmals an eine besser zu vergessende, flüchtige Bekanntschaft. Wir erfahren nichts Näheres.
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reselOnline im Projekt Gutenberg
Die Spitzin (1888) Bd. 2
Zigeuner kommen und ziehen lassen ein kaum zweijähriges Kind zurück. Es „hatte eine sehr weiße Haut und spärliche hellblonde Haare“ (S. 208). Es konnte also von den Zigeunern nur gestohlen und dann doch auch zurückgelassen worden sein. Doch das Kind wird nicht vermisst. Der Findling ist den Dorfbewohnern lästig. Die christliche Reaktion: „Wen um Gottes willen ging das halbverhungerte Geschöpf etwas an, von dem man nicht einmal wußte, ob es getauft war?“ (S. 209) Es wird provisorisch Provi genannt, denn einen christlichen Namen darf man so einem Balg nicht geben. Kurzum: Provi wird geächtet, verstoßen und er wird unter schlechten Bedingungen gross. Nur die  Schoberwirtin erbarmt sich seiner und gibt ihm täglich Milch, bis dass der versoffene Wirt das unterbindet: Provi solle zuerst mal "bitte, bitte" sagen. Doch Provi hat seinen Stolz und verzichtet fürderhin.
Als Taglöhner beim Wegemacher ist Provi an eine rohe, gewalttätige Familie gebunden. Er lebt im Ziegenstall mit einer Spitzin zusammen. Durch sie wendet sich sein Lebenslauf.
Eingangs bedient die Geschichte alle gängigen Klischees über die "Zigeuner" des ausgehenden 19. Jhdts. Allerdings wird der Verdacht auf Kindsraub sauber entlarvt. Die Brutalität – besonders fremden (vermeintlichen) Nichtchristen gegenüber – ist ebenfalls entlarvend. Die Barmherzigkeit war im Dorf nicht zu Hause (S. 209).
Die unbekannte Mutter Provis wird der Hündin und ihrem verblieben Sprössling gegenübergestellt. Mit gutem Druck auf die Tränendrüse schließt die Autorin eine grossartige Geschichte ab.
Bemerkenswerterweise ist der Titel der Geschichte "Die Spitzin" und nicht "Provi" oder "Das Findelkind". Er betont damit die Mutterschaft der Hündin, die man dann mit der anderen, abwesenden Mutter vergleichen kann, der Mutter von Provi. Die Spitzin schneidet haushoch überlegen ab.
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spitzinOnline im Projekt Gutenberg
spitzinAntiziganismus
Die Totenwacht (1894) Bd. 2
Vom Dorf im Marchfeld fällt der Blick des Lesers auf „das ärmlichste Haus“ (S. 302), also einen Superlativ an Armut und von dort in die Kammer in der am offenen Sarg ihrer Mutter die dreißigjährige Anna die Totenwacht hält. Am nächsten Tag schon wollte Anna ihre Heimat verlassen. Nach dem Tod ihrer Mutter hält sie nichts mehr. Da gesellt sich der wohlhabende Huber Georg zu ihr. Zwischen ihnen entspannt sich für die gesamte Erzählung ein Dialog, in dem sie über ihr Verhältnis von Kind auf resümieren. Trotz des gewaltigen sozialen und finanziellen Unterschieds hatte sich eine Art Freund-Feindschaft entwickelt. Sie gipfelte in einer Vergewaltigung durch Georg und seiner Leugnung der Vaterschaft. Jetzt aber will er sie heiraten. Zu spät. Anna hat sich anders entschieden.
Der Titel der Erzählung erhält durch Annas Entschlossenheit eine zweite Bedeutung: sie wacht auch über die tote Liebe und verteidigt ihre Position. Sie zieht ein arbeitsreiches aber selbstbestimmtes Leben der möglichen Heirat vor. Ein Zusammenleben mit Georg hätte einen Verlust ihrer Würde und ihre Unterwerfung zur Folge.
Der Dialog läßt die Vergewaltigung vergangen erscheinen, obwohl es Anna deutlich ausspricht:
„Damaln hast dich an mir versündigt, schrecklich, fürchterlich ... nicht zum Sagen! Just wie ich Vertrauen g'faßt hab, just wie ich g'meint hab: so arg bös is er doch nicht, bist über mich herg'fallen wie ein wildes Tier, daß ich mir nicht hab helfen können, mich nicht hab retten können vor dir und deiner Kraft, deiner verfluchten Kraft, Verfluchter!“ (S. 313)
Dieses Erzählmittel hat aber auch den Nachteil, dass vieles Geschehen in der Vergangenheit liegt und damit nicht unmittelbar präsent ist.
Am Ende des Gesprächs verzeiht sie ihm, doch weist seinen Heiratsvorschlag endgültig zurück: „Aus is mit jeder Lieb und Freundschaft, und mit unserer Feindschaft auch. Du hast's g'hört, jetzt steh auf und geh!“ (S. 318)
Vergleichsliteratur
Thomas Hardy: Tess of the d'Urbervilles
Heinrich von Kleist: "Die Marquise von O ..."
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Die Sünderin (1913) Bd. 2
Eine wohltätige Baron erhält Besuch von Fanka, einer zweifachen ledigen Mutter, die erneut schwanger ist. Die "Sünderin" sucht um Arbeit nach, doch die Baronin (die sie erst gar nicht eintreten lassen wollte) verweigert ihr dies aufgrud ihres Lebenswandels. Im Gespräch der beiden Frauen stellt sich aber heraus, dass Fanka eine gute Mutter ist. Sie wird zwar weggeschickt, doch die letzte Bemerkung der Baronin läßt Fanka und die Leser hoffen, dass Hilfe gewährt werden wird.
Die Geschichte beginnt mit einem Zitat der inzwischen vergessenen Erzählerin Louise von François (27. Juni 1817 Herzberg (Elster) – 25. September 1893 Weißenfels):
„Das Schreiben, selbst an meine liebsten Menschen, ist mir eine Qual“ (S. 555). Statt Briefe zu schreiben sehnte sich die Baronin vom Schreibtisch in den Garten hinaus. Man kann das als Hinweis darauf deuten, dass das Leben der freien Fanka in diesem Punkt sogar angenehmer – da ohne Pflichten – ist. Dem scheinbar so einengenden Leben der Baron wird durch den Bericht Fankas deren  echt hartes Leben gegenübergestellt. Vielleicht erkennt die Baronin am Ende den Unterschied zwischen der Lage der armen Tagelöhnerin und der ihren als wohlhabende Adelige. Am Schreibtisch vier Briefe zu schreiben scheint doch angenehmer als 24 Stunden Kampf ums Überleben.
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SünderinOnline im Projekt Gutenberg
SünderinLouise von François
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Marie Marie von Ebner-Eschenbach
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Marie MarieMarie von Ebner-Eschenbach: Meistererzählungen. Zürich: Manesse, 1997. Gebunden. Ebner-Eschenbach
Marie von Ebner-Eschenbach: Dorf- und Schloßgeschichten. Frankfurt: Insel, 1991. Joseph Peter Strelka, Nachwort. 389 Seiten Marie
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 15.12.2011