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Stefan Zweig: Meistererzählungen + Die Mondscheingasse. Gesammelte Erzählungen.
Frankfurt: S. Fischer, 2006. 490 Seiten – 1989. 797 Seitenzweig Linkszweig Literaturzweig Stefan Zweig
Brief einer Unbekannten
Der Romanschriftsteller R. erhält an seinem Geburtstag (den er fast übersehen hätte) einen langen Brief einer Unbekannten. Er liest ihn und der Hauptteil der Erzählung ist genau dieser Brief.
Er ist von einer Dame, deren Kind gerade gestorben ist und die selbst zum Zeitpunkt des Lesens gestorben sein wird. Eine beklemmende Konstellation. Die Briefschreiberin betont, dass der Schriftsteller sie nicht kannte. Es stellt sich heraus, dass das in einem gewissen Sinne keineswegs zutrifft. Schon als Dreizehnjährige verfiel sie in eine leidenschaftliche Liebe zu ihm, offenbarte sich aber nie. Da er – etwa zwölf Jahre älter  – eine geschäftigte Weltläufigkeit zeigte, kannte und erkannte er sie tatsächlich nie, traf sie aber mehrmals.
Zweig erhält über die gesamte Distanz des langen Briefes die Spannung und vor allem die Leidenschaft der Briefschreiberin aufrecht. Seine stilistische Brillanz zeigt sich in sehr guten Vergleichen. Ich nenne nur: "... müde von den vier Schritte, als ob ich stundenlang durch tiefen Schnee gegangen sei" (S. 166). Eindringlich ist auch die Entbindung in der Gebärklinik (S. 181-182).
In den wenigen Treffen der beiden behandelte R. sie wie irgendeine seiner flüchtigen Bekanntschaften. Wie sie sich ihm nähert und warum sie sich nie offenbart teilt uns die Unbekannte in liebesverzehrenden Worten mit. Bei allem Mitgefühl fragt man sich aber, warum weder sie dem Geliebten reinen Wein einschenkte noch anscheinend ihr Kind je nach seinen Vater fragte.
Stefan Zweig ist Spezialist für hörige Liebhaber und einseitige, unerwiderte Liebe. Das lässt die Leser vergessen, dass zunächst eine umgekehrte Lolita-Situation (Liebe einer Dreizehnjährigen!) beschrieben wird und es später um eine Prostituierte geht.
Die flammende Liebe macht die Briefschreiberin ein kurzes Leben lang blind für die einfachste Erfordernis: eine Klarstellung, auch auf die Gefahr hin verlacht und verstoßen zu werden. Stattdessen hielt sie ihr "Geheimnis verbissen hinter den Zähnen" (S. 169). Sie klagt Gott an und nicht den Liebhaber (S. 182), kommt aber nicht auf die Idee, ihr eigenes Verhalten zu prüfen. Dagegen nennt sie Gott einen Mörder (S. 180), was anzeigt, dass ihre Leidenschaft krankhaft war.
Eigentlich ist die Erzählung eine Anklage an alle, die immer den Verstand ausschalten und das Gefühl bevorzugen wollen.
Hervorragende, immer lesenswerte Erzählung; ein typischer Stefan Zweig.
1948 von Max Ophüls unter Zweig„Letter From An Unknown Woman“ verfilmt. 
TV-Verfilmung: Regie: Jacques Deray; mit Irène Jacob, Christopher Thompson, Karlheinz Hackl, Joachim Bissmeier
Weitere Verfilmungen siehe unter zweig Links.
Vergleichsliteratur
Franz Kafka: "Brief an den Vater"
Heinrich von Kleist: Die Marquise von O...
Vladimir Nabokov: Lolita
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Die Mondscheingasse
Mit dieser Erzählung wurde ich durch die geniale Verfilmung bekannt. Dazu wußte ich lange weder Film- noch Erzählungstitel. Mir war nur klar: das muss ein Stefan Zweig sein. Über die Beschreibung des Hauptdarstellers brachte mich ein Filmfan im Internet auf Michel Piccoli. Dann war es nicht mehr schwer.
Ein Namenloser versäumt seinen Zug nach Deutschland und lernt in einer französischen Hafenstadt eine deutsche Animierfrau kennen. Bald darf kommt ein heruntergekommener Mann in die Kneipe, den die Deutsche hochmütig behandelt; er reagiert unterwürfig. Am Nachhauseweg erzählt der Mann die Geschichte seiner Ehe mit eben jener Frau. Zwar war und ist er restlos in sie vernarrt konnte aber nie seinen Geiz ablegen. Sie verachtete ihn daher maßlos. Er will das zerstörte Verhältnis, das ihn sein gesamtes Vermögen gekostet hatte, beenden ...
Die Mondscheingasse erschien erstmals 1914 und ist ein voll ausgereifter Zweig. Er baut eine geschickte Rahmenhandlung, in der – für die insgesamt kurze Erzählung – breit die Verirrung des Reisenden im Hafenviertel geschildert wird (zweig Motiv: Umherirren in der Stadt in der Literatur).
Die stockende Erzählweise bei der Lebensbeichte ist dem Liebeshörigen angemessen stört aber mit der Zeit: Stefan Zweig hält sie (zu) streng durch.
Den Ausgang der Erzählung läßt der Autor geschickt offen.
Vielleicht weil ich sie zuerst sah: die Verfilmung beeindruckte mich noch stärker als die sehr gute Erzählung.
Hörspiel
Die Mondscheingasse nach Stefan Zweig.
Sprecher: Werner Jantsch, Hermann Menschel, Elisabeth Kuhlmann, Kurt Strehlen, Brigitte Reiche, Herbert Fleischmann. - Regie: Inge Möller - Produktion Radio Bremen 1947
Verfilmung
Die Mondscheingasse. Frankreich/Italien/BR Deutschland/Österreich, 1988.
Darsteller: Niels Arestrup - Michel Piccoli - Marthe Keller; Regie: Edouard Molinaro
Erstaufführung:     13.11.1989 ZDF
ZweigMichel PiccoliZweigMarthe Keller
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Vierundzwanzig Stunden aus dem Leben einer Frau 
In einer Pension an der Riviera kommt es zu einem fast rabiat ausartenden Tischgespräch. Henrietta, 33 Jahre alt, untadelig verheiratet, zwei Töchter, brannte mit einem erst einen Tag zuvor angekommenen jungen Schönling durch. War es Liebe auf den ersten Blick? Oder eine hirnlose Leidenschaft, die bald zur Trennung führen wird? Der Ich-Erzähler zeigt Verständnis für Henrietta, verteidigt sie sogar. Das veranlasst die alte englische Lady C. ihm ein ebenso leidenschaftliches (aber platonisches !?) Verhältnis zu einem Spieler in ihrem Leben zu gestehen und ausführlich zu berichten. Sie rettete einst einen jungen, fanatischen  Spieler in Monte Carlo, der alles verspielt hatte. Dabei – und das schildert Zweig überzeugend – gelangte Mrs. C. mit dem Spieler für eine Nacht in ein Hotelzimmer. Man kann vermuten, dass es eine Liebesnacht wird. Sie selbst beschreibt es so: "Was in jenem Zimmer, was in jender Nacht geschah, ersparen Sie mir zu erzählen; ich selbst habe keine Sekunde dieser Nacht vergessen und will sie auch niemals vergessen" (S. 363). Das ist eine maßlose Übertreibung, aber sei es darum: Mrs. C opfert sich für ihr Ziel, den Jüngling vom Freitod abzuhalten und vom Spielen abzubringen.
Innerhalb eines Tages bezahlt sie seine Schulden, drängt ihm eine Abschwörung vom Spiel ab ...
Doch Mrs. C. erreicht ihre beiden Ziele nicht. Sie erkennt, dass ihr "ganzes Leben hingeworfen hat" (S. 390) und wird von ihm doch nur als Fliege behandelt, die er "lässig mit der lockeren Hand wegscheucht" (S. 391).
Ich meine, man kann (u.a.) unter diesen beiden folgenden Konsequenzen wählen:
  • Manche Leute, z.B. Süchtige, verdienen unsere Hilfe nicht: sie ist vergebens
  • Trotzdem Mrs C. scheitert, hat sie (im Sinne von Viktor Frankl, siehe zweig weiter unten) Sinnstiftung für ihr Leben erreicht.
Für den brillanten Stil (ich wiederhole mich, aber mir fällt kein treffenderes Attribut als "brillant" ein) mag Zweigs Vergleich des Spielcasinos früherer Jahre mit der Gegenwart seiner Erzählung dienen:
"Und dabei war ja das Kasino vor zwanzig Jahren, als noch bares sinnlich sichtbares Geld umrollte, die knisternden Noten, die goldenen Napoleons, die patzigen Fünffrankenstücke durcheinanderwirbelten, unendlich anziehender als heute, da in der modisch neugebauten pomphaften Spielburg ein verbürgertes Cook-Reisepublikum seine charakterlosen Spielmarken langweilig verpulvert." (S. 341)
Besonders die letzten vier Worte kann man sich auf der Zunge zergehen lassen. Irgendwie drücken sie alle dasselbe aus (die triviale, dekadente Nichtigkeit), doch Zweig vermag ihm viermal einen anderen Dreh zu geben.
Besonders intensiv schildert Zweig jedoch die Hände (S. 341-344) des jungen Spielers und die süchtige  Spielatmosphäre selbst. Zu den Händen fallen dem Leser die berühmten Hände Dürers Mutter ein, doch sie passen nicht. Jedoch:
"Streck deine Hände aus von der Höhe und erlöse mich und errette mich von den großen Wassern, von der Hand der Kinder der Fremde, ..." Psalm 144,7
Es freute mich, dass Zweig zu einer ähnlichen Einsicht kommt wie Viktor Frankl: "... alles Leben ist Irrtum, das nicht zu einem bestimmten Zweck lebt" (S. 368).
Eine der besten Erzählungen Zweigs und damit der gesamten deutschsprachigen Literatur. 
Vergleichsliteratur
Fjodor Dostojewski: Der Spieler. Aus den Aufzeichnungen eines jungen Mannes; (zweig Dostojewski)
Hans Fallada: Wolf unter Wölfen
Somerset Maugham (zweig William Somerset Maugham)
Arthur Schnitzler: Spiel im Morgengrauen (1926)
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Die Mondscheingasse.
Gesammelte Erzählungen.
1989
Meistererzählungen. 2006.
Der AmokläuferXX
AngstX
Brennendes GeheimnisXX
Brief einer UnbekanntenXX
BuchmendelX
Episode am Genfer SeeX
Die Frau und die LandschaftXX
Geschichte in der DämmerungX
Die gleich-ungleichen SchwesternX
LeporellaX
Die MondscheingasseX
Phantastische NachtX
SchachnovelleXX
Die unsichtbare SammlungX
Untergang eines HerzensX
Verwirrung der GefühleXX
Vierundzwanzig Stunden aus dem Leben einer FrauXX
Links
zweig Stefan Zweig
"Brief einer Unbekannten": ZweigTheaterinszenierungZweigVerfilmung in ChinaZweigWikipedia
ZweigTV Film 2001
"Vierundzwanzig Stunden aus dem Leben einer Frau": Zweig Alfred Ohswald: buchkritik.at, 10.06.2000 – Verfilmungen: 1931, 1944, 1952, 1961, 1965, 1968
Zweig Die ausdrucksvollen Hände. St. Zweig: Aus dem Leben einer Frau. Ps 144, 7
zweig Viktor Frankl
Zweig Leszek Dziemianko: "Gefühlsleben und sittliche Normen. Zur bürgerlichen Moral in den Novellen Stefan Zweigs". Orbis Linguarum 15, 2000. S. 1-12.
Literatur
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zweigZweigStefan Zweig: Meistererzählungen. Frankfurt: S. Fischer, 2006. Gebunden, 490 Seiten Zweig
Stefan Zweig: Brief einer Unbekannten. Frankfurt: Fischer, 2006. Taschenbuch, 92 Seiten Zweig
zweigZweig Stefan Zweig: Vierundzwanzig Stunden aus dem Leben einer Frau. Frankfurt: Fischer, 1995.  Gebunden zweig
Stefan Zweig: Vierundzwanzig Stunden aus dem Leben einer Frau. Brief einer Unbekannten. Hörbuchproduktionen, 2000. 4 CDs. Sprecher: Reiner Unglaub, Hans Eckardt Zweig
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 11.5.2007