| Erich
Hackl: Abschied von Sidonie Zürich: Diogenes, 1991. 127 Seiten – |
| Ein
Findlingskind wird 1933 hin und her geschoben und landet beim Ehepaar
Hans und Josefa Breirather für 30 Schilling monatlich in
Pflege.
Das dunkelhäutige, schwarzhaarige Zigeunerkind
Sidonie Adlersburg wird in dieser Familie mit dem eigenen Kind Manfred
und dem späteren zweiten Pflegekind Hilde trotz Armut gut
aufgenommen. Knapp aber bewegt schildert Hackl die politischen Aktivitäten des Hans Breirath, der derenthalben für ein paar Monate ins Gefängnis muss. Er betätigt sich aber wieder im Untergrund. Während der Kriegsjahre braut sich die "Bekämpfung des Zigeunerunwesens" zusammen. Zu Sidonies leiblichen Mutter laufen behördliche Nachforschungen. Im März 43 ist es soweit: Sidonie soll zu ihrer leiblichen Mutter. Die Einstellung zu dem schwarzen Kind und der Familie Breirath war immer schon durchwachsen, jetzt fallen auch die letzten Unterstützer um. Die Behörden reagieren paragraphengemäss. Bestenfalls halb-lauwarm wird die Bemühung des Pflegevaters und das Flehen der Pflegemutter, Sidonie soll bei ihnen bleiben dürfen, befürwortet. Ende März 1943 wird Sidonie nach Hopfgarten, Tirol, zu ihrer vermutlich leiblichen Mutter überstellt. Da ist das Kind fast zehn Jahre alt. Noch am selben Tag werden die Zigeuner aus den Baracken geholt und mit Lastwagen abtransportiert. Später wird den Breirathers berichtet, dass Sidonie in einem Eisenbahnwagon auf dem Linzer Bahnhof gesehen wurde. Nach dem Kriegsende wird Hans Breirather zum Bürgermeister gewählt. Er erfährt, dass Sidonie in Ausschwitz an Flecktyphus gestorben ist. Jahrzehnte später erzählt ein Bruder Sidonies, dass sie im Lager jedes Essen verweigert hatte und so starb. Der Chronist Hackl spielt am Ende der Erzählung den Fall nochmals durch und merkt an, wie wenige Leute mit Rückgrat vermutlich genügt hätten um Sidonie zu retten. An einem ähnlichen Fall aus der Steiermark zeigt er ausserdem, dass es einen märchenhaften Fall der Aufrechten gegeben hat. |
| Die
Erzählung beruht auf einer wahren Begebenheit. Sie
erinnert daran, dass nicht nur Juden von der Nazi-Ideologie das
Lebensrecht aberkannt bekamen: auch Behinderte, Zeugen Jehovas, Roma
und Sinti, Kriegsdienstverweigerer und und und. Da es auch heute – leider muss man es sagen – weit verbreitet, – wenn auch nicht in jener Härte – Diskriminierung Andersfarbiger, Andersdenkender und Personen anderer Nationalität gibt, sollte die Erzählung manchem zu Denken geben. Es ist zu befürchten, dass genau jene, das Buch nicht einmal zur Hand nehmen. |
| Neben der
untersten Ebene der personalen Emotionen hat die Erzählung
noch zwei Schichten. Da ist der aktive Hans Breirather, der mitdenkt und handelt. Das Geschehen auf lokaler, kommunaler Ebene mit der Bürgermeistereinsetzung von Breirather erinnert stark an Josef Estermann aus Wasserburg am Inn, siehe: Die dritte Schicht ist das Schicksal der Sinti und Roma. Es setzt natürlich lange vor dem Beginn der Handlung dieser Erzählung ein. Die Auswirkungen davon werden ab der ersten Seite mit der Kindsaussetzung akut. Mit der erzwungenen Rückgabe wird Sidonie wieder in die Schicksalsgemeinschaft aufgenommen und geht mit dieser in die Lager und den Tod. Klug ist die Erzählhaltung. Der Leser bleibt am Geschehen, das heisst der Erzähler hat ihm nichts voraus. Von Mitdiskutanten wurde bemängelt, dass die Handlung zu wenig hart sei; man vergleiche dazu Thomas Toivi Blatt: Nur die Schatten bleiben. Der Aufstand im Vernichtungslager Sobibór ( 1) die Handlung spielt im Oberösterreich der damaligen Zeit und bewusst nicht in einem Nazi-Gefängnis oder gar KZ. Offensichtliche Grausamkeiten im Alltag waren nicht verbreitet. 2) der Autor lässt den Leser nur das wissen, was er aus der Perspektive "Oberösterreich vierziger Jahre" berichten kann. Durch diese Beschränkung wird dem Leser die häufig zu hörende »Entschuldigung«: "Das haben wir nicht gewusst" verbaut. Die Breirathers (und viele andere) handeln so wie sie handeln gerade aus demselben Wissenshintergrund heraus wie der Leser. |
| Ausgezeichnete Erzählung (auf den angepassten Stil – nüchtern, dokumentarisch – und die gelungene Komposition bin ich noch nicht mal eingegangen), die sich aufgrund der Kürze auch hervorragend als Schullektüre eignet. |
| Verfilmung Sidonie - Österreich 1991, 87 Min. - Drehbuch: Erich Hackl; Regie: Karin Brandauer |
| Vergleichsliteratur |
| Ilse Aichinger: Die größere Hoffnung |
| Jurek Becker: Bronsteins Kinder |
| Robert Domes: Nebel
im August. Die Lebensgeschichte des Ernst Lossa – |
| Elisabeth Reichart: Februarschatten |
| Links |
| Erich
Hackl: |
| Preise 1987 Aspekte-Literaturpreis für Auroras Anlaß |
| Fotos
von |
| Am
23. Septemper 2000 wurde in Sierning-Letten unweit der ehemaligen
Wohnung von Familie Breirather der neue Gemeindekindergarten
eingeweiht.
Er trägt den Namen |
| Jenkins,
Eva-Maria, Hg. (1998): Erich Hackl, Abschied von Sidonie -
Erzählung - Didaktische Bearbeitung für den
Unterricht Deutsch als Fremdsprache mit fortgeschrittenen Jugendlichen
und Erwachsenen. |
| Literatur |
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|
| Erich
Hackl, Ursula Baumhauer: Abschied
von Sidonie. Materialien zu einem Buch und seiner Geschichte.
Zürich:
Diogenes, 2000.
Taschenbuch, 334
Seiten |
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