| Peter
Handke: Kali.
Eine Vorwintergeschichte Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2007. Broschiert, 152 Seiten – |
| Während der Lektüre überlegte ich manchmal: Gefällt mir das Buch oder gefällt es mir nicht? Für beide Urteile gäbe es gute Argumente. Ich wollte weiterlesen, denn Handke bietet in jedem Satz Neues, oft Überraschendes. Daher: Ja, Kali ist anregend, aufregend und gut. |
| Eine Sängerin begibt sich nach Abschluss
ihrer Tournee auf eine private Reise. Diese Reise wird von einem
distanzierten
Ich-Erzähler aus der Ferne beobachtet. Das bewirkt, dass er
sie manchmal aus den Augen verliert, sie nur schemenhaft sieht. Alles
wird in Frage gestellt, ist bezweifelbar. Zunächst
fährt sie in die Gegend ihrer Kindheit, wohl irgendwo in
Europa, eine "Auswanderer-Gegend" (S. 30; vergleiche: Winfried G.
Sebald: Die Ausgewanderten, • Hinter der Bühne fand sie etwas "Entfallenes, einen Knopf? eine Münze?" (S. 9). • Sie findet ein Buch (S. 25), das sich als Chrétien de Troyes: Lancelot ( • Eine Gruppe von Frauen sucht einen verlorenen Ring. Die Sängerin fischt ihn aus dem Schotter (S. 41) und ermahnt: "Alles, was verloren und endlich doch wiedergefunden wurde, ist in Gefahr, ein zweites Mal verloren zu gehen, und zwar gleich. Und das, was dann in zweites Mal verloren geht, ist nimmermehr wiederzufinden" (S. 42; siehe Anmerkungen dazu unter Stil). • Ihre Mutter verliert die Kontaktlinsen. Die Sängerin benötigt nur einen Augenblick um sie zu finden (S. 53). Nebenbei: Verloren wird noch an vielen Stellen in Kali. Die Sängerin ist daher gut geeignet bei der Suche nach Andreja oder Andrea mitzuhelfen (S. 83; S. 135). Das vermengt Handke zu einem fulminanten, mythischen Schluß. Zuvor aber lässt er eine Pastorin noch der Menschheit die Leviten lesen: "Nur noch Gesindel seid ihr auf Gottes Erde, Desperados. Vernichtet gehört ihr. Weg mit euch" (S. 156). |
| Stil |
| Handke schreibt in
anstrengendem Stil. Der Leser muss
mitdenken. Das zeigt sich schon beim Einstieg: "Auch mir hat sie Angst
gemacht, macht sie Angst. Aber ich möchte mich ihr stellen"
(S. 7). Mysteriös ist das Subjekt "sie" und das "ihr" im
zweiten Satz. Man stellt sich üblicherweise einer Stimmung
oder einem Gefühl, hier also der Angst. Grammatikalisch
müßte es aber das Subjekt aus dem ersten Satz
sein. Erst auf der nächsten Seite wird die
Musikantin (Sängerin, Ruferin; S. 8) genannt. Alle Personen
bleiben aber namenslos. So muß der Autor neue Namen und Begriffe erfinden. Er tut es reichlich und bereichernd: "Toter Winkel" als Name der Gegend um das Bergwerk; "Salzkathedrale" und "Salzdom" für das ins Innere der Erde reichende Kalibergwerk. Dabei stellt er gleich die Dinge buchstäblich auf den Kopf. Eine Kathedrale oder ein Dom strebt aufwärts, himmelwärts. Auffallend sind Handkes theatermässige - drehbuchartige Anweisungen. Beispiel: "Das Salzbergwerk und die Siedlung im Frühmorgenlicht" (S. 105). Oft lässt Handke scheinbare Weisheiten einfliessen, die sich näherem Hinsehen als Krampf (ich schwäche ab: Halluzination; Wunschdenken) erweisen. Sie tragen aber zur märchenhaften Stimmung des Textes bei (siehe das oben Zitierte zum 2. Mal verlieren). Das verstärkt der Autor durch nur in Märchen gebräuchliche Wort, wie "nimmermehr" (im gerade erwähnten Zitat; S. 42). Zum Märchenhaften paart sich ein lyrischer Ton, wie bei der Suchaufforderung durch die Mutter: "Finde mir die Kontaktlinse, die mir vorhin ausgefallen ist, dort in dem Flausch" (S. 53). Die gesamte Handlung und Fahrt erhält auch einen mythischen Anstrich durch Stil, Geschehen und Anspielungen. Der mythische Charakter der Erzählung wird durch die apokalyptische Stimmung betont. Dazu charakterisiert der "Grubenherr" die Flüchtlinge, die im Toten Winkel des Kalibergwerks leben: "Sie sind auf Dauer unter Schock. Sind, ein jeder für sich, in diese Landschaft gestolpert und gepurzelt wie auf offenem Meer von einem Schiff gestoßen und dabei fast ertrunken. Und der Schock weicht nicht. Sie sind auf ewig Schiffbrüchige, ..." (S. 110). Eine zeitkritische Analyse der heutigen Flüchtlingssituation. Der Grubenherr weiter: "Manchmal scheint mir, sie sind die Überlebenden des Dritten Weltkriegs, der rund um uns schon seit langem wütet, unerklärt, wenig sichtbar, aber umso böser" (S. 111). Auch das ein bitterer Vorwurf an die derzeitige Weltsituation. Bemerkenswert wieder, dass es dem Grubenherr nur so scheint, obwohl man ja annehmen kann, dass jeder Mensch den Dritten Weltkrieg mitbekommen würde. Dieses Thema ging der Pulitzerpreisträger Cormac McCarthy in Die Straße [The Road] noch sehr viel düsterer an ( |
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Meine erste Begegnung mit einem Text von Peter Handke fiel so aus, wie
ich es nach den konträren Stellungnahmen zu
Handkebüchern und seiner politischen Haltung erwartete:
zwiespältig. Ich kann durchaus verstehen, dass manche Kali
als Gefasel ablehnen. Wenn man sich darauf einlässt ist
Handke-Land wie eine Welt von J.R.R. Tolkien (habe ich nie gelesen) und
man kann es ausschlachten wie einen Tintenklecks im Rorschachtest. Man
kann die enthaltene Zeit- und Gesellschaftskritik als
überbordend
ansehen. Dank Handkes Kunst ist sie aber nie platt und holzhammerartig.
Dafür sorgen die surrealen Elemente (man möge nur mal
zählen, wie oft Lichter in den Häusern angehen, nur
im ersten
Stock funzeln usw.) Mich zog die Erzählung in ihren Bann und je mehr ich darüber nachdenke, desto lohnenswerter scheint mir die Lektüre. Sehr empfehlenswert für alle Leser, die bereit sind ihre Synapsen auf Empfang zu stellen. |
| Assoziationen |
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Der Autor zieht einige Register an Bezugnahme und Anleihen bei anderen. Schon mit dem Titel stellt er sich in eine Reihe mit dem Österreicher Adalbert Stifter und schreibt ein Kapitel zu seinem Erzählband Bunte Steine ( Novalis wurde trotz abgeschlossenem Jurastudium 1795 Akzessist an der Salinendirektion in Weißenfels an der Saale. 1797 begann Novalis das Studium an der Bergakademie in Freiberg. 1799 wurde er dort zum Salinenassessor und Mitglied des Salinendirektoriums ernannt. Mit der Romantik und der Suche nach der Blauen Blume hat Kali • das Suchmotiv gemein. Vieles wird verloren und wiedergefunden, sogar ein Kind. • die Bergwerkmetapher gemeinsam, siehe das Bergwerkmotiv in Novalis: Heinrich von Ofterdingen und in E.T.A. Hoffmann: Die Bergwerke zu Falun ( Die ausführlich beschriebene Begehung und Fahrt im Bergwerk erinnert an Dante: La Divina Commedia – Göttliche Komödie. Etwas gesucht ist meine Assoziation: Kali - Sängerin, "Die kahle Sängerin", Eugène Ionesos Einakter "La cantratice chauve". |
| Kali |
| Wikipedia führt sieben verschiedene
Bedeutungen auf: • Salzmineralien mit einem hohen Gehalt an Kaliumverbindungen ( • Göttin im Hinduismus; des Todes, der Zerstörung und der Erneuerung ( • geografische Orte, wie ein Dorf in Kroatien ( |
| Chrétien de Troyes: Lancelot |
| Im Fernzug blättert die Sängerin im gefundenen, stark angekohlten Buch und stößt auf die Überschrift »Un pays dont nul ne revient«. Das Buch ist Chrétien de Troyes: Lancelot und Handke lässt sie freundlicherweise übersetzen: "Ein Land, aus welchem keiner wiederkehrt" (S. 36). Das soll auch ihrer Reise beschieden sein. |
| Freddy Quinn: "Heimweh" (1956) |
| Die in
Rezensionen genannte Bezugnahme
auf John Lennon fiel mir nicht auf, dafür die auf Freddy
Quinn: "Heimweh". Ein Riesenhit für ihn
und schon zuvor
für Dean Martin:
"Memories Are Made of This" (1956); original
von den Easy Riders
(Terry Gilkyson, Richard Dehr, Frank Miller). Hier die Textpassage aus "Heimweh" von den Textern Ernst Bader und Dieter Rasch: Brennend heißer Wüstensand,Peter Handke zitiert nur die beiden Zeilen des Solisten und verändert in: "so fern vom Heimatland" (S. 26-27). |
| Links |
| Rezensionen |
| Willi
Winkler: "Das ist kein Säuseln des Windes, das ist das
Säuseln der Hölle", SZ, 3.2.2007, online bei |
| Vergleichsliteratur |
| Peter
Handke: |
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| Literatur |
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