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Bernhard
Thomas Bernhard: Der Keller. Eine Entziehung
Salzburg: Residenz 1976. 167 Seiten – garcia Linksgarcia Literatur
Kennt man Prosa von Thomas Bernhard so hat man die richtige Voreinstellung für diesen schier endlos kreisenden Monolog des etwa 17-jährigen Ich-Erzählers, der wohl Thomas Bernhard selbst ist. Vieles im Roman stimmt mit Bernhards Biografie überein.
Zur Inhaltsbeschreibung gibt es bei Bernhard im Wesentlichen nur entweder eine kurze Schilderung in wenigen Sätzen oder eine, die schon fast den Roman selbst wiederholen müßte.
Eines Morgens – etwa 1947 – entscheidet der Gymnasiast in Salzburg nicht zur Schule zu gehen, sondern zum Arbeitsamt. Dort besteht er auf einer Arbeitsstelle, die dem verhaßten Gymnasium entgegengesetzt liegt. So kommt er in einer Kehrtwendung seines Lebens zum Lebensmittelgeschäft von Karl Podlaha in der Scherzhauserfeldsiedlung. Obwohl auch das kein Zuckerschlecken ist, findet es der Ex-Gymnasiast aber haushoch besser als die Schule. Das beschreibt er etwa zur Halbzeit des Monologs so: "Lieber bin ich in die Vorhölle oder, besser, in die Hölle gegangen, als im Gymnasium zu bleiben und auf die Meinigen angewiesen zu sein" (S. 70). Die eigenverpasste Entziehung hatte Erfolg.
Die zweite Entgegensetzung entsteht durch die Isolierung zuhause: der Großvater lernte dem Schüler die Introvertiertheit, der verhinderte Musiker Podlaha aus Wien lehrt ihm den Umgang mit den Menschen.
In einer typischen Bernhardschen Redefigur wird durchgehend erzählt. Dabei wird in ineinander übergehenden Kreisen das Geschehen variiert und immer wieder durchgekaut. Auf Seite 35 flehte ich: Bloß nicht mehr zum Arbeitsamt, aber – hurra! – auf Seite 124 kommt es noch einmal.
Es geht ohne die geringsten (Superlativ, wie bei Bernhard selbst keller) Absätze oder anderweitige Einteilungen durch. Nur kurz vorm Ende, auf Seite 160, leistet sich Bernhard eine Leerzeile für einen zeitlichen Sprung von 25 Jahren.
Der Autor verwendet reichlich Superlative, auch wenn sie nicht angebracht sind: "kinderreichste Familien" (S. 38); manchmal in lustiger Weise: "Die Zeit war schon die längste eine unerträgliche" (S. 71). Auch Pleonasmen, wie die "hunderprozentige Kehrtwendung" (S. 26), streut Bernhard zuweilen ein.
Da der Leser zugelabert wird, muß er aufpassen wichtige Nachrichten des Autors (wenn es die denn gibt) nicht zu überlesen.
Bernhard setzt sich immer wieder für die Underdogs ein; die Schuldenmacher und Alkoholiker der Armensiedlung (in der es die Besten allenfalls bis zur Anstellung bei der Bahn bringen) zieht er den Dünkelhaften im Gymnasium vor. Im Gegensatz zum Gymnasium ist die Scherzhauserfeldsiedlung "keine tödliche Institution" (S. 120; Kursivsetzung durch Bernhard). Doch auch dieses Viertel, auf das ganz Salzburg nur verächtlich herunterschaut, will man nur verlassen: zur Fremdenlegion, Auswanderung oder Selbstmord.
Die Asozialen in der Siedlung sind ihm auch lieber als die Nazis. "Die Ausgestoßenen sind auch die Ausgestoßenen der Politik" (S. 118). Schon kurz nach dem Zweiten Weltkrieg hat in der Siedlung die Minderheit wieder Angst (S. 117). All dies ist heute (wieder?) aktuell.
Seine pessimistische Einschätzung gibt der Ich-Erzähler nochmals – fast nüchtern – ganz am Ende kund: "Es gibt keine hohen und höheren und höchsten Werte, das hat sich alles erledigt. Die Menschen sind, wie sie sind, und sie sind nicht zu ändern [...] Die Natur kennt keine Wertunterschiede" (S. 166). Darin liegt Reibung, da es anscheinend eine Werteordnung gab: sie hat sich erledigt. Durch was? Den Nationalsozialismus?
Durchgehende Metapher ist der Weg und die Entscheidung für die Richtung, die man treffen muß. Das läßt an die Endzeilen des Gedichts "The Road Not Taken" von Robert Frost denken:
"Two roads diverged in a wood, and I —
I took the one less traveled by,
And that has made all the difference."
Siehe auch: Keller Von den zwei Wegen und der Wegegabelung
Manchmal (oder immer?) sollte man den beschwerlicheren Weg gehen. Oder zumindest bewußt eine Entscheidung über den Weg treffen. Der Gymnasiast traf ihn, nachdem er jahrelang dem Großvater folgte und "keinen Weg gegangen" ist (S. 156).
Zu Bernhards Autobiografie zählen fünf Romane:
Die Ursache – im Internat, Salzburg
Der Keller – Lehrling in der Scherzhauserfeldsiedlung, Salzburg
Der Atem – Lungenkrankheit
Die Kälte – sein Sanatoriumsaufenthalt im Pongau
Ein Kind – Kindheit in Oberbayern nahe Traunstein – Keller Rezension
Die virtuosen Sätze und der Rhythmus der Sprache machen das Lesen zeitweilig zum Vergnügen. Sie geben andrerseits keine Chance zum Atemholen. Dies und die aus meiner Sicht überzogene Kritik (wenn hier auch nicht so mächtig wie z.B. in Frost) strengen aber auch an.
Links
Thomas Bernhard: bernhardWikipedia
bernhardThomas Combrink: "Der dunkle Dunst des Scheiterns", Titel Magazin
Keller Thomas Bernhard: Ein Kind
Keller Thomas Bernhard: Der Untergeher
Literatur
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bernhard bernhard Thomas Bernhard: Der Keller. Eine Entziehung. München: Dtv, 1979. 119 Seiten bernhard
Thomas Bernhard: Autobiographische Schriften. Die Ursache / Der Keller / Der Atem / Die Kälte / Ein Kind: 5 Bde. Residenz 2004. Gebunden, 532 Seiten bernhard
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