| Arno
Geiger: Es geht uns gut München: Hanser 2005. 389 Seiten – |
| Philipp, der jüngste Spross der
Sterk-Erlach-Familie, erbt von der Grossmutter Alma ein Haus. Er mistet
aus. Im Speicher liegt hoher Taubendreck. Mit dem Haus werden die
Ereignisse in der österreichischen Familie seit 1938 wach. Arno Geiger in einem Interview: „Ich wollte dem Phänomen nachspüren, dass Österreich sich nach dem Krieg als Gesellschaft etabliert hat, deren Organisation und Wohlstand unter anderem darauf basieren, dass Mittelmäßigkeit, Klischees und schöne Illusionen zur nationalen Identität erhoben wurden“ (siehe Sebastian Fasthuber, Falter, unter |
| Die Jahrzehnte werden in zwei
Strängen
vorgeführt. Philipp und seine Freundin Johanna aus der
Gegenwart (Jahr 2001) wird der Vergangenheitsstrang entgegen gestellt,
der in den 30-er
Jahren beginnt und in etwa chronologisch sich der
Gegenwart nähert. Geschickt wird der
Nachkriegs-Kassenschlager "Hofrat
Geiger" (Arno Geiger!?) mit der Familie verknüpft ( Der einstige Minister Richard dämmert inzwischen im Alzheimer-Vergessen. Der Trick des Autors: er greift sich aus cirka einem Jahrzehnt jeweils einen Tag heraus. • Eingeschoben sind in kursiver Schrift kurze Schlagzeilen des jeweiligen Jahres (Tages). Das erleichtert den zeitlichen Bezug. • Für die Literaturkenner verwebt Geiger Bezüge zu Joseph Roths Radetzkymarsch (S. 54, siehe • Ob man sich 1955 bei der Autonutzung schon überlegte, ob man die Luft verpesten soll (S. 166), bezweifle ich. |
| Geiger schreibt angenehm lesbar. Nur zu selten
beschreibt er eine Landschaft, dann aber ausgezeichnet (z.B. S. 257). Gelegentlich räsoniert er zu lange, so beispielsweise S. 198-201. Ein aufgesetzter Dialog Richards mit dem Kind Otto verdirbt wenig. Warum er aber (wie so viele andere Autoren) auf Anführungszeichen für die wörtliche Rede verzichtet und er diese nur mit einem "–" einleitet, ist rätselhaft. Besonders wenn nach einem "sagt Richard" der Text weiter geht, ist oft unklar: wird die wörtliche Rede fortgesetzt oder spricht der Romanerzähler. Überhaupt ist "sagen" Geigers Lieblingsverb bei Dialogen. Das Dreierhakeln im Auto am 30. Juni 1978 läuft farbig ab. Obwohl solche Szenen in modernen Romanen nicht selten sind trifft Geiger eine unterhaltsame Note. |
| Charaktere Während Philipp in weiten Teilen des Romans präsent ist, bleibt er blaß, vielleicht auch deshalb, weil er selbst unentschlossen und blaß ist. Dagegen treten Richard und Alma klar hervor. Ein literarisches Klischee scheint zu sein: hilflose Alte waren früher beruflich bedeutend oder/und privat Scheusale. Die Fallhöhe wird dadurch erhöht, die Glaubwürdigkeit nicht. Alma ist eine starke Frauenfigur. Sie behält in den Jahren den Überblick. Ihre rational-skeptische Haltung führt Geiger so ein: "Vor allem ist Almas Bereitschaft, Dinge vor allem deshalb zu glauben, weil sich darin Trost finden läßt, eher gering. Wäre ja auch blödsinnig" (S. 38-39). Abgesehen vom zweimaligen "vor allem" kann man em nur freudig zustimmen. Noch konkreter wird dies sieben Jahre später (1989): "Sie fragt sich, warum man der abenteuerlichen Idee von Gott und dem ewigen Leben mehr Wahrscheinlichkeit zuspricht als der sehr viel einfacher, wenn auch nicht leichter zu denkenden Variante, daß es mit dem Tod aus und vorbei ist und daß wir (wir) nicht wieder auf die Füße fallen. Schon im Leben immer der Wunsch, auf die Füße zu fallen und noch zum Tod hin das sich Klammern an die durch nichts bestärkte Hoffnung, daß es ewig so weitergehen wird" (S. 369-370). |
| Das
eigentliche Manko von Es geht uns gut
war
für mich die Durchschnittlichkeit der dargestellten
Generationen (der ja Geiger nachspüren wollte, siehe Der Literaturkritiker Robin Detje brachte es auf den Punkt: "kitschselige Erzählung von mittlerem Glanz" – "Die Anerkennung für Arno Geigers Buch zeigt uns, mit wie wenig wir Menschen oft schon zufrieden sind", Süddeutsche Zeitung, 13.10.2005. Das erste Urteil scheint mir überzogen, dem zweiten pflichte ich bei. |
| Die Kritiken, die ich las
bezeugen auch, dass
ich nicht etwa was Hintergründiges im Roman nicht mitbekommen
hätte. Nein, es passiert zwar einiges (nicht "nichts", wie
manche Kritiker schreiben), aber wenig Aufregendes, das eines langen
Romans wert ist. |
| Ich
geb's ja zu: Familienromane sind bei mir selten ein Hit. Es
müssen schon außergewöhnliche Familien
sein. Unfälle, Krankenheiten und zerbrochene Beziehungen
genügen nicht. So ist Es geht uns geht ein
lesbarer Roman von einem klugen Autor, er
langweilt selten, doch unbedingt lesenswert? Nein. Und mit
dem ersten Deutschen Bücherpreis bedacht wirft das ein fahles
Licht
auf die abgeschlagenen Konkurrenten (darunter Daniel Kehlmann!) oder auf die Jury.
|
| Anmerkungen |
| »Hofrat
Geiger« 1947 Österreich,
Kinostart 1948; Regie: Hans Wolff Darsteller: Maria Andergast, Waltraut Haas, Paul Hörbiger, Hans Moser Vorspann des Films: "Dieser Film spielt im heutigen Österreich, das arm ist und voller Sorge. Doch - haben Sie keine Angst - davon zeigt er Ihnen wenig. Er geht an der Zeit nicht vorbei, er erzählt nur, dass vieles - wenn man will - auch eine heitere Seite haben kann". Das im Film mehrmals eingesetzte Lied "Mariandl" war mit Maria Andergast und Hans Lang (zahlreiche Coverversionen, beispielsweise Orchester Kurt Hohenberger) der erfolgreichste Schlager des Jahres 1947, also noch bevor der Film die Kinos stürmte (1948). |
| „Analphabeten
des Gefühls“ (S. 147) hatte Günter Anders nach der Katastrophe von Tschernobyl Innenminister und Atomexperten genannt, die die Folgen ignorieren und herunterspielen wollten. Zitiert nach der Rede von Rebecca Harms, MdEP: Der Begriff wird freilich auch Ingmar Bergmann zugeschrieben: "Unsere Kinder verlassen die Schule als Analphabeten des Gefühls". |
| Schloße,
die (S. 334) meist im Plural; landschaftlich für Hagelkorn. Interessant ist die Verwendung beim Vorarlberger Arno Geiger und beim Dessauer Wilhelm Müller in dessen "Rückblick" aus "Die Winterreise": "Die Krähen warfen Bäll und Schloßen |
| Vergleichsliteratur (Erinnerungs- und Familienromane; Schwerpunkt: neuere) |
|
John von Düffel: Hotel Angst – |
| John von Düffel: Houwelandt |
| Jonathan
Franzen: Die Korrekturen [The Corrections]
– |
|
Michael Frayn: Spies [deutsch:
Das
Spionagespiel] – |
| Reinhard Jirgl: Die Unvollendeten |
| Harriet Köhler: Ostersonntag |
| Dagmar Leupold: Nach den Kriegen. Roman eines Lebens |
| Sibylle Lewitscharoff: Consummatus |
|
Thomas Mann: Buddenbrooks – |
|
Eva Menasse: Vienna – |
| Anna Mitgutsch: Familienfest |
| Hans Joseph Ortheil: Abschied von den Kriegsteilnehmern |
| Arno Orzessek: Schattauers Tochter |
| Joseph Roth: Radetzkymarsch
– |
| Philip Roth:
American Pastoral [deutsch: Amerikanisches
Idyll] – |
| Hermann Schulz: Zurück nach Kilimatinde |
| Thomas von Steinaecker: Wallner beginnt zu fliegen |
| Marlene Streeruwitz: Morire in Levitate |
| Links |
| Rezensionen |
| Literatur |
| Assmann, Aleida (2007): "Geschichte im Familiengedächtnis. Private Zugänge zu historischen Ereignissen". Neue Rundschau 118.1 (Historische Stoffe), S. 157-176. |
| Jahn, Bernhard (2006): "Familienkonstruktionen 2005. Zum Problem des Zusammenhangs der Generationen im aktuellen Familienroman". Zeitschrift für Germanistik 16.3 S. 581-596 |
| Vedder, Ulrike 2007: "Erblasten und Totengespräche. Zum Nachleben der Toten in Texten von Marlene Streeruwitz, Arno Geiger und Sibylle Lewitscharoff". Amsterdamer Beiträge zur neueren Germanistik 15 (Literatur im Krebsgang Totenbeschwörung und memoria in der deutschsprachigen Literatur nach 1989). S. 227-241 |
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| Arno
Geiger: Es geht uns gut. München:
Hanser 2005. Gebunden, 389 Seiten |
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| Peter von
Matt: Verkommene Söhne, mißratene
Töchter. Familiendesaster in der Literatur.
München: Dtv, 1999. Taschenbuch, 391 Seiten |
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