| Franz
Werfel: Der Abituriententag Frankfurt am Main: S. Fischer, 1987. 238 Seiten – |
| Ernst Sebastian wird bombastisch eingeführt: "Der Untersuchungsrichter Landesgerichtsrat Doktor Ernst Sebastian tötete die erst halb genossene Zigarre" (S. 7). Er verhört noch einen des Prostituiertenmords Verdächtigen. In ihn vermeint er seinen Schulkameraden Franz Adler wiederzuerkennen. Am Abend ist 25 Jahre nach dem Abitur ein (erstes?) Treffen der Übergebliebenen: der Erste Weltkrieg hat ein Drittel hingemäht. |
| Nachts drängt es Sebastian seine
Jugenderlebnisse niederzuschreiben. Zusammen besuchten sie eine Schule
in einer ungenannten österreichischen Stadt (nicht Wien). Der
begabte, häßliche, unsportliche Adler wird anfangs
bewundert. Durch kleine Lügen, Intrigen und immer schwerer
wiegende Taten wird Adler abgedrängt und lächerlich
gemacht. Es stellt sich die Frage in wieweit Sebastians Machenschaften
ursächlich für Franz Adlers Lebensbahn verantwortlich
sind. Darüber will sich auch der Untersuchungsrichter durch seine Niederschrift klarer werden. Wenn er nüchtern denkt kommt er zur richtigen Ansicht: "So hatte ich es einer ehrlosen Handlung zu verdanken, daß ich im Ansehn emporstieg und mich wohl zu fühlen begann" (S. 87). Dabei war das erst der Anfang seiner unkameradschaftlichen Laufbahn. Sebastian gewinnt an Ansehen, Rang und Einfluß einerseits durch seinen Vater (der höster Richter im Lande ist) und seiner Skrupellosigkeit, die Schuld anderen zuzuschieben. |
| Im vierten Abschnitt des Romans wird am nächsten Tag Adler zum zweiten Male vor den Untersuchungsrichter geführt. Werfel baut noch geschickt eine Überraschung ein. Ernst Sebastian merkt, dass ein Schuldbekenntnis werde gesellschaftlich erforderlich ist noch irgendjemand etwas bringt. Wie weit es moralisch geboten wäre kann der Leser entscheiden. |
| Sehr eindrücklich zeigt Werfel, wie Ernst
Sebastian mit kleinen Plagiaten beginnt. Er gibt Gedichte des jüdischen Dichters mit nationaler Begeisterung Jeiteles, Pseudonym: Justus Frey ( Auch heute gilt im politischen Raum oft das Verfahren: Ausgrenzen, draufhauen, wegsperren oder vertreiben ( |
| Der
Roman gliedert sich in vier Teile: 1) Erstes Verhör 2) Abituriententreffen 3) Niederschrift der Erinnerungen (Ich-Erzähler Ernst Sebastian) 4) Zweites Verhör Eigentlich ist die Niederschrift eine Gewissenserforschung und auch ein Verhör. Doktor Ernst Sebastian verhört sich selbst. |
| Franz Adler trägt stark autobiographische
Züge und verarbeitet auch Jugenderinnerungen Hermann
Sudermanns ( Ob in Der Abituriententag der Schuldige durch ein unglückliches Leben büßt – wie manche Besprechungen feststellen – bezweifle ich. (Genau diese Zweifel gegen die gängige Lesart habe ich auch beim späteren Werfel-Roman: |
| Der
1928 erschienen Roman behandelt spannend und anspuchsvoll das Thema der
Schuld in jungen Jahren. Bemerkenswert ist Werfels eindringliche
Schilderung der fast automatisch sich ergebenden
Steigerung und die Gruppendynamik innerhalb der Klasse. Zeitlos und sehr empfehlenswert. |
| Anmerkungen |
| S. 24: "... dreht er den alten Spruch
um: »Non vitae, sed scholae discimus.«"
(S. 24) Durch die vermeintliche Umdrehung stellte der Schauspieler Schulhof das Seneca-Zitat richtig; siehe |
| S. 101: Galimathias
(frz.), sinnloses Geschwätz, wirres Gerede – |
| S. 112: Perisprit (lat.), spiritus "Geist": (veraltet Astralleib, Ätherleib |
| S.
166: "Si fractus inlabatur orbis, impavidum ferient ruinae" Wenn zerbrochen die Welt einstürzte, träfen die Trümmer einen Unerschrockenen. Horaz, Carmina III,3,7-8, siehe |
| S.
183: "Homo sum, nil humani a me alienum puto" – Ich bin ein
Mensch; nichts Menschliches ist mir fremd. – Terenz: Heauton
timorumenos 77, siehe Dieser Spruch wird ähnlich auch bei Cicero: De officiis 1,9,30 und bei Seneca: Epistulae morales 95,53 genannt. |
| Vergleichsliteratur |
| Links |
| Hermann
Sudermann: |
| Literatur |
| Christa Bianchi (1986): "Der Abituriententag. Geschichte einer Jugendschuld". KLL S. 722 |
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| Franz
Werfel: Der Abituriententag. Die Geschichte einer
Jugendschuld. Frankfurt: Fischer, 2006. Gebunden,
177 Seiten |
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