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Jacobowsky
Franz Werfel: Jacobowsky und der Oberst. Komödie einer Tragödie in drei Akten
Frankfurt: Fischer, 2004. 161 Seiten – werfel Linkswerfel Literatur
Menschen auf der Flucht vor den Nazis, den Deutschen, den "boches". Werfel packt in Baron Rothschilds Limousine: Jacobowsky, ein Jude auf fünften Station seiner Flucht vor den Nazis und
Oberst Tadeusz Boleslaw Stjerbinsky mit seinem Adjutaten Szabuniewicz. Dazu kommt später Marianne, die Geliebte des Oberst mit ihrem Hündchen Coco.
Der Reiz der Komödie entsteht aus dem Zusammenspannen des geschäftstüchtigen, wortgewandten Juden Jacobowsky und dem katholischen, antisemitschen Oberst, der geheime Papier zu den Engländern bringen soll. Dazu die betont französische Marianne mit ihrem verhätschelten Coco. Die beiden Männer eint der Hass auf die Nazis und der Wille, das eigene Leben zu retten. Wobei der Lebenswille Jacobowskys am Ende auf eine Probe gestellt wird.
Die Tragik liegt in darin, dass die Nazifront unmittelbar hinter den Flüchtenden ist: Begegnungen sind unausweichlich.
Einsatz von Vorurteilen und negativen Stereotypen
Werfel setzt reichlich stereotype Vorurteile ein. Vom Gegensatz Jude Jacobowsky – antisemitischer polnischer Oberst lebt das Stück.
Oberst Stjerbinsky: "Was habe die Jacobowsky zu tun außer Coupons von Aktien zu schneiden [...] Filme zu finanzieren mit hübschen Stars und den ganzen Tag in den Zeitungen nachzuschaun, ob sie drinstehn" (S. 85). Siehe auch S. 100-101.
Nationalen Vorurteile kommen durch Ginette, einem Dienstmädchen von Marianne, zur Sprache: "Diese Ungeheuer [die Deutschen] halten jede Französin für eine Kokotte. Ihre Professoren mit den zerhackten Gesichtern behaupten, daß wir uns alle von alten Juden aushalten lassen, mit syphilitischen Negern schlafen und keine lebende Jungen mehr zur Welt bringen ..." (S. 61).
Spott auf die Bürokratie
der auch Werfel zum Opfer fiel ist ein häufiges komödiantisches Mittel in Jacobowsky und der Oberst: S. 78-81. Jacobowsky, der in vielen für den Autor steht, hat Probleme mit der Reihung der nötigen Vias für die Einreise in Fluchtländer (S. 128-129). Das Problem besteht immer noch: Flüchtlingen wird die Einreise vielerorts verweigert, so besonders in der abgeschotteten EU; siehe werfel Europäische Gemeinschaft.
Im 2. Akt verdeutlicht Werfel die Diskrepanz, aber auch die Übereinstimmung von Judentum und Christentum indem er den Ewigen Juden (siehe werfel Links) und den Heiligen Franziskus direkt und gemeinsam auftreten lässt (S. 101-105).
Erstaunlich:
• deutsche Uraufführung am 17. Oktober 1944 in Basel.
• Einsatz des Radios für die dramaturgische Gestaltungen; das beginnt mit dem ersten Satz, der Stimme des Ministerpräsidenten Reynaud aus dem Radio: "La situation est grave mais pas désespéré ... Die Lage ist ernst aber nicht hoffnungslos" (S. 7-8). Die Umkehrung ist ebenso bekannt: "Die Lage ist hoffnungslos aber nicht ernst"; siehe werfel Erster Satz.
1938 floh Werfel von Wien aus nach Frankreich, blieb dort zwei Jahre und floh dann weiter über Spanien in die USA.
Die französische Kultur und Sprache spielt eine wichtige Rolle (siehe Michaels 2005, werfel Literatur) in Werfels Werken, sowohl im 1933 erschienenen Die vierzig Tage des Musa Dagh als auch in dem späteren Das Lied von Bernadette und dem hier besprochenen Jacobowsky und der Oberst.
Dem setzt Werfel aber auch ein Lob der deutschen Kultur, insbesondere der Musik: Franz Schubert: "Ich hört ein Bächlein rauschen", 1818, nach Wilhelm Müller, aus: Die schöne Müllerin (S. 99). Siehe werfel Erika von Borries: Wilhelm Müller: Der Dichter der Winterreise. Eine Biographie.
Selten gelang es aus so einer ernsten und tragischen Zeit eine so herrliche Komödie zu fabulieren, die trotzdem den Ernst erkennen läßt und allen Tabus zu Trotz doch zu Vergleichen mit der Gegenwart veranlasst. Sehr lesenswert; der Film ist ebenso sehenswert!
Verfilmung
"Jakobowsky und der Oberst" [Me and the Colonel, USA 1958] mit Curd Jürgens, Danny Kaye. Regie: Peter Glenville
Links
Werfel Franz Werfel – mit weiteren Links
Paul Reynaud, vom März bis Juni 1940 Regierungschef und verschiedene Ministerposten in Frankreich: JacobowskyDeutsches Historisches MuseumJacobowskyWikipedia
werfel Erster Satz
werfel Ahasver, der Ewige Jude
werfel Der Ewige Wanderer als Thema in der Weltliteratur
JacobowskyJacobowsky und der Oberst (Bühnenstück)
JacobowskyJakobowsky und der Oberst (Film)
Literatur
"Jacobowsky und der Oberst. Komödie einer Tragödie in drei Akten". Kindlers Literaturlexikon. S. 4940-4941
Klarmann, Adolf M. (1959): "Franz Werfel und die Bühne". The German Quarterly 32, S. 98-104.
Michaels, Jennifer (2005): "Franz Werfel's Reception of France and French Culture". Austrian Studies 13.1, S. 142-157
Pachmuss, Temira (1963): "Dostoevskij and Franz Werfel". The German Quarterly 36.4, S. 445-458.
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werfel JacobowskyFranz Werfel: Jacobowsky und der Oberst. Komödie einer Tragödie in drei Akten. Frankfurt: Fischer, 2004. 161 Seiten werfel
Franz Werfel: Jacobowsky und der Oberst. Darsteller: Danny Kaye, Curd Jürgens, Nicole Maurey.
 Regie: Peter Glenville. DVD Jacobowsky
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