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Horváth
Ödön Horváth: Jugend ohne Gott
Frankfurt: Suhrkamp, 1994. Taschenbuch, 182 Seiten – Ödön LinksÖdön Literatur
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Ödön von Horváth konfrontiert in diesem kurzen Roman, der 1937 erschien und – trotzdem der Autor schon im Exil in Paris war – sogleich erfolgreich war (etliche Übersetzungen), einen Lehrer mit seiner Klasse. Dass es etwas komplexer ist, wird sich im Laufe der folgenden Besprechung ergeben.
Während der 34-jährige Lehrer als Ich-Erzähler noch manchen humanistischen Idealen nachhängt, sind die Schüler und fast alle Personen darüber hinaus schon von der NS-Propaganda vereinnahmt. Im Aufsatz „Warum müssen wir Kolonien haben?“ (schon die Frage legt eine Antwort fest) schreiben die Schüler das Infiltrierte (das Radio als Propagandainstrument wird noch behandelt werden) in die Hefte. Es strotzt vom Volke und Volksganzen.
Die Situation im Lande ist schon fortgeschritten. Der Lehrer bringt nicht mehr den Mut auf, richtungweisend einzugreifen, „denn was einer im Radio redet, darf kein Lehrer im Schulheft streichen“ (S. 13). Er ist ein Opportunist; allerdings einer, der über die Situation noch einigermassen kritisch reflektiert. Eine Schülerprügelei fünf gegen einen tadelt der Lehrer als feige. Im Geographieunterricht korrigiert der Lehrer den Schüler N.: „Auch die Neger sind doch Menschen“ (S. 17). Unmittelbar davor (und an anderen Stellen) zeigt auch der Lehrer die erfolgreiche Wirkung der von oben vorgebeteten Anschauungen. Seine Neger-Bemerkung bringt dem Lehrer ersten Tadel ein.
Die Lage eskaliert bei einer Jugendfreizeit mit paramilitärischem Anstrich. Arme Heimarbeiterkinder rotten sich zusammen und stehlen in der Umgebung: Vermeintlich auch im Jugendlager: zur Abwehr werden Wachen aufgestellt. Zwischen dem Schüler Z. und Eva aus der Jugendrotte bahnt sich etwas an; der Lehrer beobachtet. Dann wird N. ermordet und Z. verdächtigt, da er kurz vorher Streit mit ihm hatte. Den Anlass für den Streit lieferte allerdings der Lehrer, da er einen Brief von Z. heimlich las und dessen Schatulle erbrch um das Tagebuch des Z. zu lesen. Der Lehrer wirft sich daher ein Mitschuld am Mord vor.
Es kommt zur Gerichtsverhandlung und zu manch verblüffender Wendung. Der Lehrer sucht aktiv den wirklich Schuldigen und will ihn überführen. Dabei wird er von einer Art Untergrund (Julius Cäsar; der Klub) unterstützt. Der Kriminalfall wird genre-gerecht aufgelöst, aber die Stellung des Lehres – der zwischenzeitlich vom Dienst suspendiert wurde –  ist nicht mehr haltbar. Mit Hilfe des Pfarrers flieht er als Missionslehrer nach Afrika. Am Ende resigniert und kneift der Lehrer. Zuvor hat er sich aber vor Gericht zur Wahrheit bekannt und damit ein Zeichen gesetzt, dass zur Nachahmung einlädt.
Der Lehrer
Horváth zeigt die faschistische Klasse und den wenig dagegen ausrichtenden, 34-jährigen Lehrer. Dieser will auch nicht korrigierend eingreifen, da er berufliche Nachteile fürchtet und diese höher einschätzt als charkterliche Lauterkeit. Kurzum: er ist feige. Übrigens ähnlich wie der Schuldirektor.
Zudem schildert Horváth einen Menschen in seiner Verstrickung mit dieser politisch-gesellschaftlichen Fehlentwicklung und auf der persönlichen Ebene mit seinem Ringen um die Integrität. Der Lehrer zeigt sich dabei nicht künstlich idealisiert (wie das KLL meint; S. 5069), sondern menschlich und zum Teil auch auf der „schiefen Bahn“.
Nur weil er einmal die Neger in das Menschsein einschloss – genauer: weil er gegen die vorherrschende Lehrmeinung seine Meinung kundtat – ist seine Position als Lehrer in Gefahr. Er überreagiert im Urteil über die Klasse: „Ihr seid keine Menschen, nein!“ (S. 23). Und resigniert wieder: Aus Angst vor Disziplinarstrafe und Schlimmeren, will er künftig den Schülern (und dem NS-Staat) nach dem Maul reden (S. 23).
Bei der Beraubung der Blinden greift er viel zu spät ein (S. 42); er liest einen fremden Brief; er erbricht ein Schatulle und liest das Tagebuch von Z. Seine Klasse (sie übergeben ihm eine von allen außer W. unterzeichnete Resolution, in dem sie ihm ihr Misstrauen aussprechen) hält er pauschalierend für „eine schreckliche Bande“ (S. 23), „Alles Denken ist ihnen verhaßt“ (S. 24). Für die Liebelei des Z. mit Eva hat er kein Verständnis: „Kinderei, elende Kinderei!“ (S. 69). Dabei fragt sich, wie weit hier Eifersucht mitspielt. Bei der nächtlichen Beobachtung zeigt er doch Begehren für Eva.
Bezeichnend ist, dass der Lehrer nach der Beutejagd der Jugendrotte keine Entrüstung bei sich feststellt (S. 43). Im Lager geht er zur Tagesordnung über. Nachdem er selbst aber den Vertrauensbruch (um den es beim Brieflesen und Kästchenaufbruch zumindest geht) begangen hat, will er Z. und Eva zur Verantwortung ziehen: „Nicht nur Eva, auch Adam [gemeint: Z.] hat sich zu verantworten. Man müßte Z. sofort verhaften“ (S. 70). Diese harsche Aburteilung ist sehr bedenklich und kann viele Ursachen haben:
• allgemeine Umwertung: jugendliche Streunertaten werden überbewertet
• Selbstgerechtigkeit: Ablenkung seines Schuldbewusstseins auf Z. und Eva
• Eifersucht auf Eva gegenüber Z.: er will beide treffen.
Kurz darauf gefällt er sich wieder in der Richterrolle: „Und ich werde Z begnadigen. Und auch das Mädel“ (S. 71).
Der Lehrer wird zunächst als einer der wenigen Aufrechten an der Schule gezeigt. Dann aber wird er selbst als moralisch anfällig, selbstgerecht, das eigene Wohlergehen bevorzugend und verlogen bloßgestellt.
Doch der Lehrer wächst bei der Gerichtsverhandlung über sein Schwanken hinaus. Als es eigentlich nicht mehr nötig ist, bekennt er seinen Schatullenaufbruch, wirkt als Vorbild und löst damit auch bei Eva einen Ehrlichkeitsschub auf.
Andere Charaktere
Außer vielleicht die Schüler N. und T. und deren Eltern geraten Horváth alle Personen kantig und vielseitig, kurzum: stimmig. Dass die Genannten – N., T. und deren Eltern – recht typisch ausfallen ist keinesfalls nachteilig.
Parallel zur Wandlung des Gottesbilds beim Lehrer wandelt sich die Metapher der Augen von kalt bis still und dunkel zu den anderen Augen.
Auffallend ist, dass zwei Personen, die ähnlich wie der Lehrer mehr oder weniger nachdenklich gegenüber dem System sind – Julius Cäsar und der Pfarrer –  etwas auf dem Kerbholz haben.
Julius Cäsar war ein geachteter Kollege am Mädchenlyzeum bis er sich mit einem minderjährigem Mädchen einließ (S. 27). Der Pfarrer (trinkt gerne, S. 48; Köchin ist fett, S. 47; etwas übertypisch?) wurde strafversetzt (S. 50, S. 124).
Damit sind drei auf der „Gegenseite“ (inklusive Ich-Erzähler) Charaktere mit Kanten und damit glaubwürdig.
Mit Julius Cäsar  und dem Pfarrer hat der Lehrer bedeutsame und fruchtbare Diskurse. Julius beispielsweise erzählt von einem Schüler, der „Über die Würde des menschlichen Lebens“ las, das streng verboten sei (S. 29). Nach einer Erläuterung handelt es sich vermutlich um Pico della Mirandola: Über die Würde des Menschen [De dignitate hominis], 1487 (Ödön Links). Es wurde von Papst Innozens VII. 1492 verboten, „weil darin der Mensch als Abbild Gottes und für sich selbst verantwortlich geschildert wird“ (S. 166).
Wandlung des Gottesbildes – Teil 1
Vielleicht meinte die KLL-Redaktion mit dem idealisierten Lehrer dessen sich wandelnde Gotteseinstellung. Nach völliger Ablehnung: „Es war im Krieg, da habe ich Gott verlassen“ (S. 46; im Ersten Weltkrieg) übernimmt er nach Diskussion mit dem Pfarrer dessen: „Gott ist das Schrecklichste“ und kommt dann später zu „Gott ist die Wahrheit“. Damit verfällt der Lehrer in eine ähnliche Befangenheit wie seine Schüler und deren Eltern. An die Stelle des Radios tritt die heilige Schrift und ihr Interpretationsorgan.
Dazu passt, dass ein Bild an der Wand, von dem ich spontan annahm, es zeige den Gröfaz (bei Horváth in Jugend ohne Gott und auch sonst: der Oberplebejer) tatsächlich die Kreuzigungsszene darstellt (S. 46-47). Im Vordergrund steht ein römischer Hauptmann (Mt 27,54). Manche sehen in ihm den ersten nach und durch Jesus Tod Bekehrten, andere deuten sein: „Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn“ eher ironisch.
„Gott ist die Wahrheit“
nach Joh 14,6: „Jesus sagt zu ihm [Thomas]: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“. Das ist – Bibel-direkt-Auffassern zu trotz – extrem auslegungsbedürftig. Schließlich kann weder Jesus als Mensch noch als Gott identisch mit einem Abstraktum wie der Wahrheit sein. Wäre Gott alles das, was zutrifft, also das Universum, so wäre dies ein Pantheismus (Ödön Links).
Im Roman Jugend ohne Gott wird die an einigen Stellen eingeführte Gottesimagination zum Anlass das Gewissen des Lehres zu wecken und führt ihn dazu – reichlich spät – die Wahrheit zu sagen. Der Begriff Gott ist ein Leitmotiv in Horváths Werk (Heil S. 46).
Ist es wirklich eine Jugend ohne Gott?
Ich lese es nicht so. Die Jugend und die Nazis haben einen Ersatzgott, eine Ideologie. Insofern ist nicht richtig, dass die faschistische Erziehung keinerlei moralische Werte vorgibt (Keufgens S. 235).  Doch! Sie tut es überreichlich, nur nicht die „richtigen“. Dem Befund des Lehrers kann man eher zustimmen (und er widerspricht in gewisser Weise dem vorherigen Befund: „keinerlei Moral“): Die Orientierung ist nicht individuell entwickelt sondern von außen vorgegeben (Keufgens S. 235).
Horváth baut merkwürdige Parallelisierungen zwischen der NS-Jugend und der Jugend mit Gott – allgemeiner: zwischen den Kulten – ein.
Der Bilderkult wurde oben schon angesprochen.
Die Märsche zum Anlass des Geburtstags des „Oberplebejers“ bestehen aus Gläubigen und nicht-gläubigen Mitläufer: „Divisionen der Charakterlosen unter dem Kommando von Idioten. Im gleichen Schritt und Tritt“ (S. 112).
Die Demonstration der Macht und des Glaubens (sie wird in den Gesprächen zwischen Pfarrer und Lehrer thematisiert) kennt man auch von Prozessionen in den Städten oder dem Petersplatz in Rom. Damit drängt sich der Diskurs über die Kirche und die Mächtigen und Reichen auf.
Die Kirche auf der Seite der Reichen
Der Dialog zwischen Pfarrer und Lehrer (S. 48- 52) wirft einige Schlaglichter darauf, dass und warum die Kirche immer (ich würde sagen: meist) auf der Seite der Reichen ist. Dieser Dialog übertüncht Ungereimtheiten oder gibt Antworten, die nur für jemanden, der sich die Meinung von außen vorgeben lässt, zufriedenstellend sein können.
Die erbärmliche Rolle der Kirchen im NS-Staat begründet der Pfarrer mit ihrer Pflicht, „immer auf Seiten des Staates zu stehen“ (S. 49).
Den Vorwurf des Lehres, dass die Kirche nicht für die Armen kämpft, weist der Pfarrer zurück. Sie tut es „an einer anderen Front“ (S. 51). Auf Nachfrage wird er genauer: an der himmlischen Front. Sie vertröstet die Armen hier auf ein besseres Jenseits. Ja, so war es oft: die Slaven werden nicht befreit sondern auf das nächste Leben vertröstet. Die armen Heimarbeiterkinder werden nicht gesättigt sondern zum Konfirmandenunterricht geleitet.
Die Diskussion gipfelt in des Pfarrers Weisheit: „Gott ist das Schrecklichste auf der Welt“. Auch wenn wir nicht wissen, wofür er uns straft: wir müssen nur an ihn glauben, dann wird alles gut; im Jenseits. Versprochen.
Die Auftritte Gottes (Wandlung des Gottesbildes – Teil 2)
In vielen Besprechungen des Werks wird darauf verwiesen, dass im Laufe des zweiten Teils der Lehrer zurück zur Wahrheit und Gott findet. Dabei hatte Gott schon am Ende des Zeltlagers einen mysteriösen Auftritt. Halt, zuvor noch ein erwarteter Nicht-Auftritt. Als Z. feststellt, dass sein Kästchen aufgebrochen wurde, kommt es zum Streit mit N. Und der Lehrer „befragt“ Gott, ob er die Wahrheit sagen soll: „Unwillkürlich blick ich empor. Aber der Himmel ist sanft“ (S. 71). Keine Antwort, folglich bekennt der Lehrer nicht, dass er der Täter ist, dass N. zu unrecht geschlagen wurde.
Nun kommt es zu einem merkwürdigen Durchbruch des eigenständigen Urteils.
Der Lehrer beschließt, den N. freizusprechen, Z. und das Mädel zu begnadigen (für den Diebstahl an der Blinden? S. 71).  Obwohl sich Gott nicht gezeigt hat (und er deshalb eigentlich – so die krumme Folgerung – die Wahrheit nicht zu bekennen bräuchte), macht der Lehrer das Richtige: er will Gott „einen Strich durch die Rechnung machen. Mit meinem freien Willen“ (S. 72).
Nun aber zum ersten Gottesauftritt.
Das Kapitel „Der letzte Tag“ beginnt mit: „Am letzten Tag unseres Lagerlebens kam Gott. Ich erwartete ihn bereits“ (S. 80). Das wird nicht näher ausgeführt. Man kann diesen Gottesauftritt mit der Berichterstattung über den ermordeten N. annehmen, also der Wahrheit über N.s Tod. Dann wäre das Bekanntwerden/Aussprechen der  Wahrheit Gott oder zumindest seine Anwesenheit. Allerdings ist der Lehrer und der Leser mit ihm noch weit von der vollen Wahrheit entfernt.
Dieser erste Auftritt Gottes bewirkt noch nicht, das der Lehrer die Wahrheit über seinen Kästchenaufbruch erzählt.
Zum zweiten Mal tritt Gott im Wendekapitel „In der Wohnung“ auf.  Er redet dem Lehrer ins Gewissen. Zum Schluss wird er dringlich aufgefordert, die Wahrheit zu sagen und zwar um Gott zu gefallen und nicht zu kränken. Der Lehrer tut das moralisch Gebotene um  Gott nicht zu kränken.
Der Lehrer erfährt dabei Gott als Stimme des Gewissens, als imaginierte Person, durch den Zigarettenverkäufer, ... Erst dadurch wird die Wandlung seiner Haltung zur Wahrheit bewirkt (Heil S. 56). Für viele mag das in Ordnung gehen. Ich finde es schade, dass er es nicht aus eigenen Stücken, aufgrund eigener Erkenntnis macht. Letztlich ist er fremdbestimmt wie die NS-Mitläufer. Er hat nur das Glück, dass ihm das aus unserer Sicht „Richtige“ eingeredet wird.
Dazu gilt – etwas weiter gedacht – die Bemerkung von Sigmund Freud:
"Wenn man seinen Nebenmenschen nur darum nicht erschlagen darf, weil der liebe Gott es verboten hat und es in diesem oder jenem Leben schwer ahnden wird, man erfährt aber, es gibt keinen lieben Gott, man braucht sich vor seiner Strafe nicht zu fürchten, dann erschlägt man ihn gewiß unbedenklich und kann nur durch irdische Gewalt davon abgehalten werden."
Sigmund Freud: „Die Zukunft einer Illusion“ (1927). In: Studienausgabe Fischer Bd. IX, S. 173.
Anstelle der plumpen, primitiven, brutalen und bescheuerten Nazis tritt das von Gott beeinflusste und gelenkte Gewissen. Der Lehrer bleibt im Wesentlichen fremdbestimmt; das manifestiert sich auch am Romanende in seinem Exil nach Afrika.
Zur Einordnung der Gottesauftritte (die vielleicht nur des Lehrers innere Stimme darstellen): der Lehrer hat öfters Imaginationen. Im Kapitel „Das Gespenst“ spricht er mit dem toten N. (S. 139-142).
Konstruktion
Der Roman besteht aus 44 kleinen Kapiteln, die mit kurzen, aber bedeutsamen Überschriften versehen sind. Die Bedeutung geht dabei oftmals über den Inhalt hinaus. Ein zentrales Kapitel ist beispielsweise „In der Wohnung“ (S. 93-96).
„Die Zeit, in der ich an keinen Gott glaubte, ist vorbei“ (S. 94). Wird das begründet oder für den Leser nachvollziehbar gemacht? Immerhin meint der Lehrer noch, dass Gott nicht gerecht ist (S. 94).
„Wenn man nur wüßte, wo Gott wohnt“ fragt der Lehrer für sich (S. 95). Die Antwort des Zigarettenverkäufers: „Er wohnt überall, wo er nicht vergessen wurde“, ist allegorisch zu interpretieren.
Handlungsmässig sind drei Teile zu unterscheiden.
• Schule: „Neger“ (S. 11) – „Der Tormann“ (S. 34)
• Zeltlager: „Der totale Krieg“ (S. 34) – „Der letzte Tag“ (S. 82)
• Prozess: „Die Mitarbeiter“ (S. 82) – „Besuch“ (S. 149)
Der Prozess erinnert fern an Heinrich Kleist: „Der zerbrochene Krug“. Statt dem Krug wurde hier das Kästchen aufgebrochen. Der Lehrer muss sich überwinden, seine Schuld öffentlich einzugestehen.
Die Personen bleiben alle namenlos. Die Schüler werden nur durch das Initial des Familiennamens (?) gekennzeichnet. Auch der Ich-Erzähler bleibt ohne Namen. Adolf Hitler ist bei Horváth immer – so auch hier – der Oberplebjer.
Nazi-Jargon
Horváth setzt den Nazi-Jargon reichlich aber umsichtig ein.
„Es ist eine Pest. Wir alle sind verseucht“ (S. 24). Damit verwendet er Nazi-Ausdrücke (mit „pest“ waren die Juden gemeint), schließt sich aber gleich im nächsten Satz mit ein.
Lehrer über seine Klasse: „...ich will es euch so lange erzählen, bis euch die Neger rösten!“ (S. 23)
Ein Bauer über die marodierenden Jugendlichen: „Sie stehlen wie die Raben“  (Tiervergleiche waren damals und sind auch heute entlarvend) und „Es ist Unkraut und gehört vertilgt“ (S. 42).
Propaganda
Horváth hebt die Bedeutung des Radios für die Beeinflussung der Menschen mehrmals hervor. In einer Rede am 25. März 1933 erklärte Joseph Goebbels, Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, in Berlin, Haus des Rundfunks: „Ich halte den Rundfunk für das allermodernste und für das allerwichtigste Massenbeeinflussungsinstrument, das es überhaupt gibt“. (In der hier zugrunde gelegten Suhrkamp-Ausgabe ist dies auf S. 162 ungenau zitiert; Ödön Links).
Den diskriminierenden Propagandasatz im Aufsatz des N.: „Alle Neger sind hinterlistig, feig und faul“ läßt der Lehrer durchgehen, „denn was einer im Radio redet, darf kein Lehrer im Schulheft streichen“ (S. 13) .
Das Wort Neger verwendet Horváth als allgemeineres Synonym für Außenseiter. Das zeigt sich im allerletzten Satz: „Der Neger fährt zu den Negern“ (S. 149). Gemeint ist hier der Lehrer, der sich nach Afrika verabschiedet.
Gedanken von Blaise Pascal (1623-1662)
in Jugend ohne Gott werden bei Röttger 1986 (S. 85; S. 95-103) diskutiert. Man findet dort auch Anmerkungen zu den Einflüssen von Friedrich Nietzsche und Sigmund Freud.
Orts- und Zeitbestimmung
Ort und Zeit werden nicht exakt genannt. Doch dürfte die Zeit des Romans sich mit den Jahren unmittelbar vor dem Erscheinen decken. Das Zeltlager findet in den Osterferien statt, die Fahnen wehen am 20. April (S. 112-113).
Das Dorf des Zeltlagers soll nach Sekundärliteratur Walchensee sein. Der Lehrer legt es auf 761 Meter und in die Nähe „der großen Berge, lauter Zweitausender“. Das Dorf Walchensee liegt allerdings auf 803 m ü. d. M. und die Zweitausender sind einiges entfernt. Die nächsten Zweitausender sind Krottenkopf, 2086m, im Estergebirge und Schafreiter, 2100m, Schöttlkarspitze, 2050m, beide im Karwendel.
Walchensee
Walchensee;
der Ort ist durch den Herzogstand im Vordergrund verdeckt
Kernaussage
Für mich ist die Kernaussage des Romans: man soll sich nicht klanglos in die Gesellschaft einfügen und auf bessere Zeiten – durch wen oder was auch immer – hoffen; man soll weder  Meinung noch Moral von außen beziehen, sondern muss eigenständig denken. Nicht den Parolen glauben, sondern Kritik wagen, solange es geht.
Diese Kernaussage kommt im Laufe des Romans durch die Kritik am faschistischen Beeinflussungsapparat und das Mitläufertum heraus. Auch derjenige, der schweigt, wird mitschuldig. Schon derjenige, der korrekt die gesellschaftlichen Konventionen einhält, nur damit er keine abweichende Position einnehmen muss, wird zum Kollaborateur. Beispiele: Schuldirektor, Lehrer bis zu seinem Wahrheitsbekenntnis vor Gericht.
Hier noch ein paar ergänzende, untermauernde Punkte.
Der Lehrer reflektiert seine Situation kritisch, ist aber – wie gezeigt wurde – nicht jargon- und propagandafrei. Er kritisiert bei den Schülern, dass sie seine Ideale (Fairness, Antike) ablehnen ohne sie zu kennen (S. 23). Als eine Ursache dafür erkennt er: „Alles Denken ist ihnen verhasst“ (S. 24). Statt dessen werden Konflikte mit Gewalt bis zur Kriegs- und Opferbereitschaft ausgetragen.
Jugend ohne Gott strotzt von Prügelszenen, Todesdrohungen, Hassgefühlen und Feindbildern bis zur Idiotisierung der Anderen.
Der Vater von N. hält des Lehres Meinung, dass auch Neger Menschen sind für „Sabotage am Vaterland“ und „Humanitätsduselei“ (S. 19). Beides sind auch heute Drohschlagwörter; zu Gutmensch siehe unter Ödön Links.
Zudem dreht sich Jugend ohne Gott auch um religiös motivierte Klarwerdung der eigenen moralischen Position und Gewissenserforschung. Diese wurde oben unter Ödön Wandlung des Gottesbildes – Teil 1 und Ödön Die Auftritte Gottes (Wandlung des Gottesbildes – Teil 2) thematisiert.
Fazit
Ödön von Horváth und besonders sein Roman Jugend ohne Gott ist – zumindest in Österreich – an den Schulen Pflichtlektüre. Ich meine völlig zurecht. Konzentriert – ohne überladen zu wirken oder den Leser zu überfordern – bringt der Autor zahlreiche grundsätzliche Probleme, die auch heute noch höchst aktuell sind, an den Leser. Und das in weniger als 150 spannenden Seiten.
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Links
HorvathÖdön von Horváth
HorvathJugend ohne Gott
HorvathSchulprojekt zu Jugend ohne Gott
HorvathWolfgang Wallner-F.: Ödön von Horváth: Jugend ohne Gott
Sarah Åkesson: „Die Darstellung von Erziehungsidealen des Dritten Reiches in Ödön von Horváths Roman Jugend ohne Gott“. HorvathOnline (Pdf)
HorvathJoseph Goebbels: Zwei Reden über die Aufgaben des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda (15. / 25. März 1933)
Ödön Gutmensch
Ödön Giovanni Pico della Mirandola
HorvathÖdön von Horváth: Sekundärliteratur
HorvathPantheismus
HorvathBlaise PascalHorvathWikipedia
Ödön Ödön von Horvath: Geschichten aus dem Wiener Wald: Volksstück in drei Teilen
Literatur
Heil, Stefan (2003): „»Wenn man nur wüßte, wo Gott wohnt«. Strukturuelle und didaktische Überlegungen zur Wandlung der Gottesrede im Werk Ödön von Horváths“. In: Markt Murnau am Staffelsee, Hg.: Leben ohne Geländer. Internationales Horváth-Symposium Murnau 2001. Murnau. S. 46-69.
Keufgens, Norbert (1996): „Ödön von Horváth: Jugend ohne Gott“. In: Interpretationen. Erzählungen des 20. Jahrhunderts. Band 1. Stuttgart: Reclam. S. 231-249.
Potter , P. M. (1979): „Death and Guilt in the Works of Ödön von Horvath“. German Life and Letters 32.2 S. 148-152.
Redaktion KLL (1986): „Jugend ohne Gott“. In: Kindlers Literatur Lexikon. München: DTV. S. 5069-5070.
Röttger, Brigitte (1986): "Auf der Suche nach den Idealen der Menschheit." Ödön von Horváths Roman "Jugend ohne Gott". In: Text und Kontext. Zeitschrift für germanistische Literaturforschung in Skandinavien 14. S. 70 – 119.
Speirs, Ronald (2006): „The German novel during the Third Reich“. In: Philip Payne, Graham Bartram, Hg.: The Cambridge Companion to the Modern German Novel. Cambridge, Cambridge UP. S. 152-166.
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Horvath Horvath Ödön von Horvath: Jugend ohne Gott. Frankfurt: Suhrkamp, 2007. Taschenbuch, 195 Seiten
Horvath
Ödön von Horvath: Jugend ohne Gott. Frankfurt: Suhrkamp, 2007. Traugott Krischke, Hg. Gesammelte Werke Bd. 13. Taschenbuch, 182 Seiten Horvath
Horvath Horvath Georg Patzer: Ödön von Horvath: Jugend ohne Gott. Lektüreschlüssel. Ditzingen: Reclam, 2006. Broschiert, 92 Seiten Horvath
Frauke Bohlen, Rosemarie Zölle: Ödön von Horvath: Stundenblätter: Jugend ohne Gott. Stuttgart: Klett, 2000.  Taschenbuch, 72 Seiten Horvath
Horvath Horvath Ödön von Horvath: Jugend ohne Gott. Erläuterungen und Materialien. Bange 2004. Taschenbuch, 109 Seiten 3. Aufl.  Horvath
Ödön von Horvath: Jugend ohne Gott. Oldenbourg Interpretationen, Bd.65. Oldenbourg 1997. Broschiert: 128 Seiten 2., überarb. u. korr. Aufl. Horvath
Horváth Horváth Markt Murnau am Staffelsee, Hg.: Leben ohne Geländer: Internationales Horváth-Symposium. Murnau 2001. Murnau 2003. Redaktion: Gabi Rudnicki-Dotzer, Matthias Kratz. Gebunden, 285 Seiten ödön
Dieter Hildebrandt: Ödön von Horvath: Mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbek: Rowohlt, 1975. Taschenbuch, 142 Seiten Horváth
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 15.8.2008