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Glattauer
Daniel Glattauer: Gut gegen Nordwind
Wien: Deuticke 2006. Gebunden, 224 Seiten – Daniel LinksDaniel Literatur
In Interviews betonte der Autor, dass er zu Gut gegen Nordwind keine Forsetzung schreiben wollte. Aufgrund des überragenden Erfolgs tat er es doch: Alle sieben Wellen wurde gerade in der Presse besprochen, als ich mit  Gut gegen Nordwind fertig war. Ach, hätte er doch schon vor Gut gegen Nordwind den Vorsatz gefasst, es nicht zu schreiben, und seinen Vorsatz eingehalten.
Eine fehladressierte E-Mail führt zu einem monatelangen E-Mail-Wechsel. Natürlich zwischen einer Frau, Emma bzw Emmi Rothner und einem Mann, Leo Leike, der gerade mit der langjährigen Freundin gebrochen hatte. Soweit beschränkt originell: eine moderne Art des Briefromans
Emmi lebt mit ihrem Mann Bernhard und zwei übernommenen Kindern glücklich zusammen. Nach allem, was Sie schreibt, muss man das ihr abnehmen. Für ihr Festhalten am Mailkontakt müssen dann andere Gründe herhalten: Neugier, Abwechslung vom Familientag, ...
Der Übergang dazu, dass sich Emmi in ihren Mail-Partner verliebt, wurde mir als Leser nicht so recht vermittelt.
Die allerletzte Mail allerdings passt und überraschte mich. Ob sie zum Charakter Leos passt, bezweifle ich.
Die Anbahnung der Bekanntschaft (mit einer kleinen Einschränkung, die gleich genannt werden wird) traf der Autor gut. Ein gelungener (wenn auch winziger) Einfall ist die Kennzeichnung der Emmi-Antworten mit „RE“, die von Leo mit „AW“.  Einiges fiel dem Autor schon ein: Treffen im Cafe Huber ohne Kennenlernen; Verkuppeln mit Emmis Freundin. Mir war  es zu dürftig und zu oberflächlich.
• Einige Möglichkeiten zu Wenden, Entwicklungen, Eskalationen oder witzigen Drehs versäumte der Autor. Als Emmi ihrem Mailpartner ein Treffen mit ihrer Freundin (war es Mia?) vorschlug und Leo zögernd mitmachte, dachte ich an den Clou: sie selbst geht als Mia. Das hätte tolle Wendungen herbeigeführt. Doch Glattauer wälzt den Vorspann dazu so aus, dass er sich diesen Weg verbaute.
• Leo tönt mit seiner Behauptung, er könne Emmi leibhaftig erkennen. Das könnte von einem guten Autor gut ausgebaut werden. Nicht so bei Glattauer. Der Dialog nach dem Treffen im Cafe Huber (S. 47-53) ist zwar durchaus spritzig, doch dass sich die beiden nicht erkannten bedürfte zumindest seitens Leos eine Erklärung. Erst Stunden später (S. 55) windet sich Leo heraus.
• Emmi fädelt das Treffen mit Mia ein. Was interessiert sie dann wohl? Wie es war! Richtig! Doch zunächst nichts davon. Sie schreiben in viermaligem Wechsel (also 8 E-Mails) über Belangloses. Erst dann fragt Emmi nach (S. 121). Emmis spätere Begründung für das Anbahnen (S. 128) ist unglaubhaft.
• Nur in einigen Mails genügen die Protagonisten dem üblich Mail-Jargon und – Gebrauch. Die teilweise langen, orthografisch und grammatikalisch einwandfreien Texte sind sachfremd.
• Insbesondere vermeidet man in Mails (die man meist unter Zeitdruck schreibt) Wiederholungen ( 5 x „Bitte“, S. 100) oder Verzierungen (wie: „... Ihr B. (Be, Ber, Bern, Bernh ...)“, S. 84). Aber auch rhetorische Wendungen und Vorbereitungen erspart man sich. Nach langem E-Mail-Wechsel mit Fragen und Antworten ist die Wendung Leos „Darf ich Ihnen bei dieser Gelegenheit auch einmal eine Frage stellen?“ (S. 214) schlicht krampfig. Er hat schon viele gestellt ohne vorher um Erlaubnis zu bitte.
• Ziemlich am Ende trifft Leo einige Entscheidungen, die erste ist, dass er nach Boston übersiedelt. Er bedauert, dass ihm Emmi fehlen wird! (S. 192) Nun, bei einem ausschließlichen E-Mail-Kontakt ist es völlig egal, wo Leo ist: Boston, Bochum oder Berlin. Erst seine zweite Entscheidung, den Kontakt abzubrechen, erhellt sein Bedauern. Dann aber passt beides nicht zusammen.
• Manche der folgenden Kritikpunkte mag man zurückweisen: Kann ja durchaus vorkommen! Zugestanden, doch nicht in dieser Häufung.
• Wenn jemand dreimal eine höflich formulierte, offensichtlich wichtige, aber fehladressierte Mail schickt, antwortet man sofort. Der Sender kann sonst wichtige Fristen verfehlen; vertippen kann sich jeder mal.
• Generell ist die lange Sie-Phase (erst auf S. 219 kommt das „du“) ist unglaubwürdig. Erschwerend kommt hinzu, dass man im E-Mail-Verkehr ziemlich schnell (wenn nicht gleich) zum „du“ kommt. Aufgrund des besonderen „Anbandelns“ im Roman ist zwar die erste Phase mit „Sie“ passend, doch spätestens wenn man sich Bettgeschichten etc. erzählt, wird's kurios.
• Bei Zufallsbekanntschaften im Netz hakt man wohl kaum hartnäckig nach. Emmi macht es mehrmals (S. 30, 37, 42).
• Wer druckt E-Mails (außer in Ausnahmefällen, wo man den Text zur Behörde oder ... mitnehmen muss) aus? Emmi tut's (S. 184). Das ist wie Zeitung abschreiben.
• Bernhards Eingreifen über ein und denselben E-Mail Account ist ein netter Einfall aber inhaltlich ohne Substanz: er fordert Leo auf sich mit Emmi zu treffen!? Wenn ich es richtig erinnere, war Leo es, der zu diesem Zeitpunkt ein Treffen wollte, sie hielt ihn hin.
Gut gegen Nordwind ist inhaltlich dünn, handwerklich schwach, kurzum: belanglos. Eine gute Idee wurde wieder einmal vermurkst. Das beste an diesem Roman: man kann ihn schnell lesen (manche E-Mail-Wechsel auch quer). Den großen Erfolg, den er hatte, ist unverdient. Aber Tausende von Leser(innen) sehen es offensichtlich anders.
Vergleichsliteratur
Aravind Adiga: The White Tiger [Der weiße Tiger, Ingo Herzke, Übs.] – E-Mail-Roman, ohne Dialog: es schreibt nur der Ich-Erzähler. Dem hier besprochenen unbedingt vorzuziehen!
Daniel Rezension
Cecelia Ahern: Für immer vielleicht, 2005 [Where Rainbows End, 2004] – Brief-, E-Mail- und Chatroman
Paul Auster: Im Land der letzten Dinge, 1989 [In the Country of Last Things, 1987] – Briefroman
Nicholson Baker: Vox [Vox, 1992] – Telefonsexroman
Thommie Bayer: Singvogel. E-Mails spielen eine wichtige Rolle.
Nora Ephron: Email für dich, 1998 [You've Got Mail] Film mit Meg Ryan und Tom Hanks; Regie: Nora Ephron
Choderlos de Laclos: Gefährliche Liebschaften [Les Liaisons dangereuses, 1782]
Feridun Zaimoglu: Liebesmale, scharlachrot. Die neuen Leiden des jungen Ali, 2000 – Briefroman
Links
glattauerDaniel Glattauer
glattauerBriefroman
glattauerSabine Dengscherz: „Daniel Glattauer: Gut gegen Nordwind“. 13. September 2006
glattauerEnnka: "Daniel Glattauer: Gut gegen Nordwind". 23.8.2006
glattauerDorothea Gilde: „Die KaMAILiendame oder die Leiden des Leo Leike“. 7.9.2006
glattauerPerlentaucher
Daniel Aravind Adiga: The White Tiger [Der weiße Tiger, Ingo Herzke, Übs.]
Literatur
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glattauer glattauer Daniel Glattauer: Gut gegen Nordwind. München: Goldmann, 2008. Broschiert, 224 Seiten glattauer
Daniel Glattauer: Gut gegen Nordwind. Wien: Deuticke 2006. Gebunden, 224 Seiten glattauer
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