| Olga
Flor: Talschluss Wien: Zsolnay, 2005. Gebunden, 171 Seiten – |
| Grete wird 60 jahre alt. Dazu lädt sie Verwandte auf
einen im Talschluss gelegenen Bauernhof ein. Katharina, die 34-jährige
Eventmanagerin („Bald bin ich 35“) und entfernt mit Grete verwandt,
arrangiert alles professionell. Auch Gretes Kinder Thomas und Sabine
mit ihren Kindern kommen, doch
deren jeweiligen Partner, Gudrun und Bert, sind verhindert. Der Talschluss wird auch zur Welt vollzogen: wegen einer akuten Tierseuche darf vorerst niemand das Tal verlassen. Diese Situation ist in der Literatur bekannt (siehe Von Anfang an gibt es freilich manche Zurückhaltungen, Aversionen und Gegensätzliches zwischen den wenigen Personen. Den meisten gemeinsam ist der Zwang erfolgreich zu sein, den Körper dafür in Schuss zu halten, sei es esoterisch angehaucht wie bei Grete oder durch Sport- und Fitnessstudio. Sabine hat ihre drei Kinder dabei, zwei Namen davon Joschua und Lea, werden von ihrem Bruder Thomas als jüdisch kritisiert. Sabine kontert überraschend, dass schließlich auch Thomas jüdisch sei. Übers Alter wird räsonniert, besonders durch Katharina. Dazu zeigt sich ein typische Zeiterscheinung. Dem oft erhobenen Vorwurf, dass man zusehr verplant und auf die Zukunft ausgerichtet lebt (was bei einigen Protagonisten zutrifft), setzen manche den Lob des Augenblicks entgegen, der besonders beim Sonnenuntergang beschworen wird. Aber das erweist sich als aufgesetzt: Man genießt den Augenblick, weil man ein „bisschen Erinnerung für später“ (S. 164) haben will. Mir fiel einst auf, dass man sich zur Erinnerung gerne neben und mit dem „Yellowstone National Park“-Schild fotografieren läßt. Der gleich daneben fließende reißende Bach hat nicht diesen Erkennungs- und Erinnerungswert für künftige Stunden. Katharina fühlt zu drei anwesenden Jugendlichen angezogen und zieht den Geiger Artur zu sich ins Bett. Danach giert sie weiter nach dem „süßen Vogel der Jugend“ und hat es schwer dabei die Balance zu wahren. Sie fühlt sich zu Artur hingezogen und liegt am Ende bei ihm im Bett, will fliehen, doch begegnet im Morgengrauen einer Kuh. Dabei hat gerade Katharina eine merkwürdige Furcht vor Kühen (weicht ihnen schon in den Tagen zuvor aus) und außerdem könnte sie ja erkrankt sein. Damit endet ein recht merkwürdiger Roman. |
| Der Stil ist nicht nur gewohnungsbedürftig, sondern auch überflüssig gekünstelt. Keinsfalls kann so die Ich-Erzählerin denken. Der nahtlose Übergang zwischen gesprochener Rede, Gedanken anderer und Katharinas bringt literarisch wenig, jedoch Verwirrung beim Leser. Die Zeit- und Ortssprünge kommen erschwerend hinzu. Ein Beispiel gleich vom Beginn: „Ein kleiner Spaziergang wäre doch ganz nett, sage ich, später, solange es nicht regnet, es sieht so aus, als ob es halten würde. Ja, sagt sie, der Weg zum See ist nicht lang, was meinst du?“ (S. 8). Diese beiden Sätze stehen – wie alles – ohne Anführungzeichen. Man weiß nicht, ist das „später“ die Fortsetzung der wörtlichen Rede oder sagt Katharina das später oder sagt sie nur den zweiten Teil später. Wo die Entgegnung von Grete beginnt ist ebenfalls nicht einwandfrei klar. |
| Woher gewinnt der Roman dann – wenn nicht durch
aufregende Handlung
oder packende Sprache – seinen Sog? Es sind die winzigen,
unterschwelligen Kritikpunkte an der ökonomisierten Welt. Die von allen
als bedrohend angesehene Abgeschiedenheit (sie führt zu einer
Diskussion des Überlebens, obwohl nicht mal die geplante Zeit
abgelaufen ist) ist die menschliche Situation per se. Das Raumschiff
Erde ist begrenzt in vieler Hinsicht. Hohle Phrasen – vornehmlich von Grete, die zu ihrem Sechzigsten ein Sippschaft eins mit dem Kosmos haben will – werden nicht lächerlich gemacht oder entlarvt: zu fein sind sie gesät. Vielleicht wirken sie gerade dadurch länger nach. Für mich selbst kaum hinzu, dass ich die Grundsituation in vielen Bergwochenenden selbst bewusst herbeigeführt habe. Der Zwang alles Notwendige in einem Rucksack zu haben gibt ein Gefühl der Unabhängigkeit von der Zivilisation, wenn es auch nur für wenige Tage ist. |
| Die Begründung, warum dieser Roman lesenswert ist, fällt mir schwer. Vordergründig spricht wenig dafür. Wer sich mit dem Stil anfreundet und keine harsche Zivilisationskritik, keinen Spiegel der eigenen Unzulänglichkeit erwartet, sondern ein merkwürdiges Psychogramm einer Geburtstagsgesellschaft, der wird wie ich Talschluss mit Vergnügen lesen. |
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