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Musil
Robert Musil: Die Verwirrungen des Zöglings Törleß
In: Die Verwirrungen des Zöglings Törleß - Drei Frauen (Grigia - Die Portugiesin -Tonka). Ottobrunn: Franklin, 1983. S. 1-190 – Musil LinksMusil Literatur
Nach einigen Verirrungen erschien Die Verwirrungen des Zöglings Törleß im Jahre 1906 und wurde inzwischen zum Adoleszenzklassiker. Wie Johann Wolfgang Goethe: Die Leiden des jungen Werthers und Friedrich Schiller: Die Räuber ist es ein Erstlingswerk und wie die beiden Vorläufer schockierend. Der Titel klingt nach Goethes Bestseller.
Inhaltlich liegt Die Verwirrungen des Zöglings Törleß aber eher bei Hermann Hesse: Unterm Rad, Robert Walser: Jakob von Gunten, Thomas Mann: Tonio Kröger und William Golding: Lord of the Flies [Herr der Fliegen] (Musil Links und Musil Vergleichsliteratur).
In einem Schülerkonvikt zu W. (Musil selbst war in Mährisch Weisskirchen) irgendwo in Österreich-Ungarn treffen vier Schüler aufeinander: Törleß, Basini, Beineberg und Reiting. Im Mittelpunkt stehen weder Schule, noch Unterricht oder die Lehrer sondern die Spannungen zwischen den als Freunde eingeführten Vier. Hier eskaliert die Gewalt, Homoerotik, Abhängigkeit und Beherrschung des anderen.
Musil betont das Erwachsenwerden des Zöglings Törleß. Die Hure Božena und der unterjochte Basini sind die erotischen Figuren an seiner Seite. Am Ende nimmt er den parfümierten Geruch aus der Taille seiner Mutter wahr.  
Die Lehrer spielen eine Randrolle. Von den Vorgängen im Konvikt haben sie anscheinend wenig Ahnung. Der Besuch beim Mathelehrer bringt Törleß wenig. Am Ende stellen die Lehrer das Tribunal. Sie glauben den Peinigern Beineberg und Reiting: Basini wird entlassen, Törleß geht freiwillig.
Ein weiteres Thema "Das Unaussprechliche" erschließt sich aus den zwischengeschobenen Reflexionen und dem vorangestellten Motto:
„Sobald wir etwas aussprechen, entwerten wir es seltsam. Wir glauben in die Tiefe der Abgründe hinabgetaucht zu sein, und wenn wir wieder an die Oberfläche kommen, gleicht der Wassertropfen an unseren bleichen Fingerspitzen nicht mehr dem Meere, dem er entstammt. Wir wähnen eine Schatzgrube wunderbarerer Schätze entdeckt zu haben, und wenn wir wieder ans Tageslicht kommen, haben wir nur falsche Steine und Glasscherben mitgebracht; und trotzdem schimmert der Schatz im Finstern unverändert.“
Maurice Maeterlinck: Le Trésor des humbles (1896)
Neben der Grenze der Sprache weist das Motto auch darauf hin, dass eine Situation oft ins Unaussprechliche und Irreale umschlagen kann.
• Der blaue Himmel öffnet sich für Törleß zur Unendlichkeit (S. 80).
• Die Zahlen schlagen durch eine harmlose Operation ins Imaginäre um und werden, zusammen mit "normalen" Zahlen, zu den komplexen oder irreellen Zahlen. Beineberg erweist sich als echter Mathematiker, der sich um den ontologischen Status oder die Philosophie der Mathematik (werden Zahlen und ihre Theoreme entdeckt oder erfunden?) nicht kümmert: „Das ist doch gar nicht so schwer. Man muß nur festhalten, daß die Quadratwurzel aus negativ Eins die Rechnungseinheit ist.“ (S. 97) Doch Törleß ist nicht überzeugt: „Es kann daher gar keine wirkliche Zahl geben, welche die Quadratwurzel von etwas Negativem wäre.“ (S. 97)
• Ganz konkret schlägt der langweilige Schulalltag in grausame Tyrannerei um.
Die Langweile drückt sich in Gleichgültigkeit aus und die legt sich auf alles:
„Dieselbe furchtbare Gleichgültigkeit, die schon den ganzen Nachmittag über allerorts gelegen war, kroch nun über die Ebene heran, und hinter ihr her wie eine schleimige Fährte der Nebel, der über den Sturzäckern und bleigrauen Rübenfeldern klebte.“ (S. 16)
Törleß ist oft in besonderen Stimmungen und befremdlichen Aufmerksamkeitssituationen: sexuelle Exkstase, religöse Verzückung. Er kann darüber nicht berichten.
Zur ödipalen Situation, in der sich der Törleß befindet: Goldgar (1965), Musil Literatur.
Törleß zwischen Kind und Jugend, zwischen West und Ost:
„Er fühlte sich gewissermaßen zwischen zwei Welten zerrissen: Einer solid-bürgerlichen, in der schliesslich doch alles geregelt und vernünftig zuging, wie er es von zu Hause her gewohnt war, und einer abenteuerlichen, voll Dunkelheit, Geheimnis, Blut und ungeahnter Überraschungen.“ (S. 52)
Deshalb fühlt er sich auch vom slawischen Dorf und Božena so angezogen.
Romananfang
„Eine kleine Station an der Strecke, welche nach Rußland führt. Endlos gerade liefen vier
parallele Eisenstränge nach beiden Seiten zwischen dem gelben Kies des breiten
Fahrdammes.“
Der erste Satz führt in eine Station Richtung Rußland. Mit der gesamten folgenden Abschiedsszene denkt man an eine russische Erzählung Anton Tschechows. Der zweite Satz erinnert an Musil mathematische Neigung und läßt die kommende mathematische Problematik aufblitzen. Der Erzähler erweist sich – im Gegensatz zum ersten Satz – sofort als intellektueller Beobachter. Eigentlich müßten sich die Gleise zu beiden Seiten einander annähern. (Diesen ausgezeichneten Hinweis verdanke ich Kurz 2004.)
Musil durchsetzt den Roman mit essayistischen Reflexionen. Sie erhellen oft die Situation des jungen Törleß. Er hat es nötig, da er oft in einem dunklen Traumstatus scheint. Der Mond sorgt häufig für die Beleuchtung.
Selbstverständlich hat der Roman auch ein politische Komponente. Sie hängt mit der schnellen Abwertung des vermeintlich Minderwertigen und der Eskalation der Gewalt zusammen. Die moralische Minderwertigkeit, die der Erzähler am Törleß feststellte, wird mit einem allmählichen Giftmord an Gatten verbunden (S. 65-66). Der Peiniger Beineberg sinniert: „Gerade daß es mir schwer fällt, Basini zu quälen, – ich meine, ihn zu demütigen, herabzudrücken, von mir zu entfernen, – ist gut. Es erfordert ein Opfer.“ Das klingt sehr nach Heinrich Himmler am 4. Oktober 1943 zum "Ruhmesblatt unserer Geschichte" (Musil Links). Gleich darauf will Beineberg an Bassini lernen, „daß das bloße Menschsein gar nichts bedeutet, – eine bloße äffende, äußerliche Ähnlichkeit.“ (S. 77): ein um 1900 übliches Abgleiten in einen Sozialdarwinismus (Musil Links). Jedes Abweichen von der Normalität wird als krank empfunden. Deshalb ist es nur konsequent, wenn sich Törleß an Beineberg und Reiting hält und einfach mitmacht. Drei Jahrzehnte später machten es Millionen so.
Allerdings ahnte Musil Anfang des 20. Jhdt.s noch nichts vom Faschismus. Er stand jedoch der Philosophie Friedrich Nietzsches nahe.
Die Verwirrungen des Zöglings Törleß
wurde in die Zeit-Bibliothek der 100 Bücher aufgenommen.
Ein komplexer, lohnender Internatsroman, der gerade derzeit (2010-11) durch Skandale an Internatsschulen (Ettal, Odenwald) und in Ausbildungseinheiten (Gorch Fock) hoch aktuell ist.
Vergleichsliteratur
Johann Wolfgang Goethe: Die Leiden des jungen Werthers (1776)
Karl Philipp Moritz: Anton Reiser (1785-1790)
Arno Holz: Der erste Schultag (1889)
Emil Strauss: Freund Hein (1902)
Thomas Mann: Tonio Kröger (1903)
Rainer Maria Rilke: Turnstunde (1904)
Hermann Hesse: Unterm Rad (1906) – Musil Rezension
Friedrich Huch: Mao (1907)
Robert Walser: Jakob von Gunten (1909) – Musil Rezension
Alain-Fournier: Der große Meaulnes (1913) [Le Grand Meaulnes] – Musil Rezension
Hermann Hesse: Demian (1919)
J. D. Salinger: The Catcher in the Rye (1951) [Der Fänger im Roggen] – Musil Rezension
William Golding: Lord of the Flies (1954) [Herr der Fliegen] – Musil Rezension
John Knowles: A Separate Peace (1961) [In diesem Land]
Links
Die Verwirrungen des Zöglings Törleß:
MusilBildungsserver HessenMusil Deutsch OnlineMusil e-teaching-austria (Power Point) –
MusilHamburger BildungsserverMusilWikipedia
Text online: MusilProject GutenbergMusilebook
MusilHeinrich Himmler über die "Endlösung"
MusilSozialdarwinismus
MusilMichael Opitz: Folterstunde im Internat, DLF 2.5.2014
MusilHörspiel von Robert Musil. Der Geruch ihrer Bauchfalte. taz 6.3.2014
Musil Zeit-Bibliothek der 100 Bücher
Literatur
Genno, Charles N. (1986): "The Nexus Between Mathematics and Reality and Phantasy in Musil's Works". Neophilologus 70, S. 270-278.
Goldgar, Harry (1965): "The Square Root of Minus One: Freud and Robert Musil's "Törless"". Comparative Literature 17, S. 117-132.
Heftrich, Eckhard (1996): In: Interpretationen. Erzählungen des 20. Jahrhunderts. Band 1. Stuttgart: Reclam, S. 99-119
Kimmich, Dorothee (2000): "Kleine Dinge in Großaufnahme: Bemerkungen zu Aufmerksamkeit und Dingwahrnehmung bei Robert Musil und Robert Walser". In: Jahrbuch der deutschen Schillergesellschaft, XLIV, 2000, S. 177-194 – Musilonline
Kurz, Wolfgang (2004): "Funktionen und Bedeutung der Mathematik im Werk Robert Musils". Diplomarbeit Universität Wien. – Musilonline (pdf)
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Musil MusilRobert Musil: Die Verwirrungen des Zöglings Törleß. Reinbek: Rowohlt, 1959. Taschenbuch, 208 Seiten Musil
Robert Musil: Die Verwirrungen des Zöglings Törleß. Stuttgart: Reclam, 2013. Werner Bellmann, Hg. Taschenbuch, 295 SeitenMusil
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MusilRobert Musil: Die Verwirrungen des Zöglings Törleß. Anaconda, 2013. Gebunden, 256 Seiten Musil
Robert Musil: Die Verwirrungen des Zöglings Törleß. Mit einem Kommentar von Oliver Pfohlmann. Suhrkamp, 2013. Taschenbuch, 290 SeitenMusil
Musil MusilRobert Musil: Die Verwirrungen des Zöglings Törleß. Erzähler: Michael Rotschopf. Hörspielbearb.: Manfred Hess. Regie: Iris Drögekamp. Der Audio Verlag, 2014. 2 CD (ca. 167 Min.)

Musil MusilGisala Wand: Robert Musil: Die Verwirrungen des Zöglings Törleß. Interpretationshilfe Deutsch. Interpretiert von Gisala Wand. Stark, 2010. Broschiert, 116 Seiten Musil
Robert Musil: Die Verwirrungen des Zöglings Törleß. Erläuterungen und Dokumente. Ditzingen: Reclam, 2001. Taschenbuch: 204 Seiten Musil
Musil MusilLektürehilfen "Die Verwirrungen des Zöglings Törleß": Sekundarstufe II. Inklusive Abitur-Fragen mit Lösungen. Ausführliche Inhaltsangaben mit Interpretation. Stuttgart: Klett, 2009. Broschiert, 144 Seiten Musil
Interpretation zu Robert Musil: Die Verwirrungen des Zöglings Törleß. Königs Erläuterungen und Materialien, Bd.444. Bange, 2009. Taschenbuch, 119 Seiten Musil
Musil MusilChristian Dawidowski: Texte. Medien: Robert Musil Verwirrungen des Zöglings Törleß: Materialien und Arbeitsanregungen. Schroedel, 2008. Broschiert, 64 Seiten Musil
Bernhard Grossmann, Hg.: Robert Musil: Die Verwirrungen des Zöglings Törleß. München: Oldenbourg, 1997. Broschiert, 126 Seiten Musil
Musil MusilHeinrich Biermann, Hg.: Stationen der Literatur, Die Verwirrungen des Zöglings Törleß: Text und Materialien von Robert Musil. Stuttgart: Cornelsen, 1986. Taschenbuch, 256 Seiten Musil
Werner Frizen, Detlef Klein: Klausurtraining Robert Musil "Die Verwirrung des Zöglins Törleß". Stuttgart: Klett, 2008. Broschiert, 48 Seiten Musil
Johann Musil Klaus Johann: Grenze und Halt: der Einzelne im »Haus der Regeln«: Zur deutschsprachigen Internatsliteratur. Universitätsverlag Winter, 2003. Gebunden, 727 Seiten
Musil literaturkritik.de 3, März 2006
Kroemer
Roland Kroemer: Ein endloser Knoten? Robert Musils Verwirrungen des Zöglings Törleß im Spiegel soziologischer, psychoanalytischer und philosophischer Diskurse. München: Fink, 2004. Taschenbuch, 224 SeitenMusil
Musil Dissertation

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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 14.2.2010