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Geiger
Arno Geiger: Der alte König im Exil
München: Hanser, 2011. Gebunden, 188 Seiten – Arno LinksArno Literatur
August Geiger, Vater des Autors, leidet seit Mitte der neunziger Jahre an langsam fortschreitender Demenz. Arno Geiger beschreibt den allmählichen Rückzug und Verfall schonend, einfühlsam und den Leser berührend.
Nicht oft, doch hier trifft das Umschlagfoto den Sachverhalt und die Stimmung des Berichts hervorragend.
Überraschend bewirkt die Demenz des Vaters, dass
• die Geiger-Familie näher zusammenrückt (S. 64)
• der Autor seinen Vater besser kennen und verstehen lernt. „Für ihn gibt es keine Welt außerhalb der Demenz“ (S. 9). Die unbeantwortete Frage ist, ob die Demenzkranken innerhalb des Exils ein halbwegs glückliches Leben führen. Arno Geiger berichtet von slowakischen Hilfskräften die sich mit seinem Vater bestens verstehen. Ähnliches erfuhr man auch vom ebenfalls dementen Walter Jens (siehe Arno Literatur).
• die Geigers und besonders auch der Autor – trotz der heute über den Krankheitsverlauf verbreiteten Informationen – diese Krankheit nicht erkennen wollten (S. 25).
• Arno Geiger die Krankheit durch hartnäckige Rationalisierung hemmen wollte (S. 58). Ähnliche Ansichten hegte ich als Jugendlicher Anfang der sechziger Jahre, als meine Grossmutter vergesslich wurde.
• der Vater um das Nachlassen seiner Fähigkeiten Bescheid weiß (zumindest teilweise; S. 113)
Die Sprache ist passend, die Vergleiche sind punktgenau („er fand schneller eine Ausrede als eine Maus ein Loch“) und gut beobachtet.
Nur andeutungsweise verknüpft der Autor den Zerfall seines Vaters mit dem geschichtlichen Verlust, der sich in ländlichen Gebieten (wohl auch in den Städten) vollzieht. Die traditionelle Gesellschaft zerfällt ebenfalls in einem unaufhaltsamen Prozess (S. 169).
Krasse und peinliche Begebenheiten, wie sie beispielsweise Philip Roth in Patrimony. A True Story schildert, passierten nicht oder Arno Geiger erspart sie dem Leser. Des Autors Wunsch, das Buch noch zu Lebzeiten des Vaters fertigzustellen, erscheint verständlich, nicht aufgesetzt (wie man vor der Lektüre vielleicht annehmen könnte).
Der leichte Vorwurf des Literaturkritikers Denis Scheck, es handle sich hier um einen Bericht trifft schon zu. Die Akzeptanz der Krankheit durch die Familie wird aufgeschrieben. Der fiktionale Anteil scheint nicht vorhanden zu sein.
Die Dialoge zwischen den Demenzkranken bringen keine Erkenntnis.
• Die Überhöhung des Vaters zum König (obwohl er vor der Demenz nicht gerade Familienmittelpunkt oder königlich war) und die Aufwertung der Äußerungen des Vaters (Vergleich mit Franz Kafka und Thomas Bernhard; eine „frappierende Privatlogik“ unterstellend) sind bei zweiter Reflexion unglaubwürdig oder aufgesetzt.
• In regelmässigen Abständen streut der Autor Bezüge zur Weltliteratur ein. Das wirkt zu gelehrig und in diesem Erzählrahmen zu konstruiert.
Erst zum Ende gewinnt Geiger etwas literarischen Verve, beispielsweise beim Abschied von Tante Berti (S. 179-180). In kurzen Absätzen (S. 182-185) zeigt uns Geiger, was er versäumte.
„For God's sake let us sit upon the ground
And tell sad stories of the death of kings“ (S. 176), William Shakespeare: Richard II., III. 2
„Es wird ein Wein sein und wir wern nimma sein“ (S. 181), Anspielung auf ein altes Wienerlied.
Arno Geiger löste sein Vorhaben über den Krankheitsverlauf der Demenz seines Vaters zu berichten ein. Er hat ihm ein literarisches Denkmal gesetzt und ihn zum König gekrönt. Der Leser nimmt es respektvoll zur Kenntnis.
Links
GeigerArno Geiger > Der alte König in seinem Exil
Geiger Alter belletristisch
Vergleichsliteratur
Geiger Philip Roth: Patrimony. A True Story
Jane Rogers: „Hitting Trees With Sticks“. In: Geiger The BBC National Short Story Award 2009
Aminatta Forna: „Haywards Heath“. In: Geiger The BBC National Short Story Award 2010
Alice Munro: „The Bear Came Over The Mountain“ [Der Bär klettert über den Berg].
In: Geiger Hateship, Friendship, Courtship, Loveship, Marriage [Himmel und Hölle]
Geiger Martin Suter: Small World
Literatur
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Geiger Geiger Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil. München: Hanser, 2011. Gebunden, 192 Seiten Geiger
Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil. Ungekürzte Lesung. Matthias Brandt (Sprecher). Hamburg: Hörbuch, 2011. Audio CDs.Geiger
Jens Geiger Tilman Jens: Demenz: Abschied von meinem Vater. München: Goldmann, 2010. Taschenbuch: 160 Seiten
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 4.10.2011