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Schnitzler
Arthur Schnitzler: Leutnant Gustl
Frankfurt: Fischer, 2001. Taschenbuch, 223 Seiten – Arthur LinksArthur Literatur
Leutnant Gustl sinniert im Theater über Frauen und über sein Fechtduell am kommenden Nachmittag. Nach dem Konzert es an der Garderobe zu einem Streit mit einem Bäckermeister. Nach dem Ehrenkodex des Militärs ist dieser nicht satisfanktionsfähig, Gustl kann ihn nicht zum Duell fordern. Deshalb hält Gustl den Freitod als einzigen Ausweg um seine Ehre zu wahren.
Er ist sich jedoch nicht sicher, ob jemand den Streit bemerkte. Andrerseits ist seine Ehre besudelt, ob es jemand merkte oder nicht. Es reicht, dass er – Gustl – es weiß.
„Und wenn ihn [den Bäckermeister] heut' nacht der Schlag trifft, so weiß ich's ... ich weiß es ... und ich bin nicht der Mensch, der weiter den Rock trägt und den Säbel, wenn ein solcher Schimpf auf ihm sitzt! ... So, ich muß es tun, und Schluß!“ An anderer Stelle nochmals: „... es ist doch ganz egal, ob ein anderer was weiß! ... ich weiß es doch, und das ist die Hauptsache!“
Viermal fällt Gustl ein, dass ihn der Bäckermeier „einen dummen Buben geheißen“ hat.
Kurz bevor Gustl zur Tat schreitet, erfährt er, dass der Bäckermeister in der Nacht gestorben ist. Entgegen seinem zuvor bekundeten inneren Ehrgefühl greift er diese Schicksalsfügung sofort auf und lebt weiter.
Gustl hat aus der Affäre anscheinend nichts gelernt. Er hat wieder Oberwasser. Beim anstehenden Fechtduell will er seinen Gegner zu Krenfleisch hauen.
Schnitzler zeigt am Psychogramm des Leutnants die degenerierten Ehrvorstellungen der Gesellschaft, zumindest der satisfanktionsfähigen. Gustl überlegt sich das mal so: „So ein Kerl [z.B. der Bäckermeister] kann sich auf offener Straße prügeln lassen, und es hat keine Folgen, und unsereiner wird unter vier Augen insultiert und ist ein toter Mann ...“ Wobei der Leser später erfährt, dass Gustl den Ehrenkodex unter vier Augen eben nicht einhält.
Innerer Monolog
Berühmt ist die Novelle "Leutnant Gustl" (geschrieben im Juli 1900) wegen des konsequent durchgehaltenen inneren Monologs. Für die deutschsprachige Literatur soll dies ein Novum sein. Geschickt bringt der Autor trotzdem Bewegung ins Geschehen und läßt zahlreiche Orts- und Zeitangaben einfließen. Gerade die verstreichenden Stunden der Nacht steigern die Aufmerksam: Gustl hat mit sieben Uhr früh den Zeitpunkt des Freitods festgelegt, auch wenn er einmal meint, er müsse sich an diese selbstgewählte Zeit nicht unbedingt halten.
Leutnant Gustl
scheint ein durchschnttlicher Offizier der K.u.K.-Monarchie zu sein. Er flog anscheinend vom Gymnasium und besuchte daher die Kadettenschule (so wie für die Hofarbeit unbrauchbare Bauernsöhne früher oft ins Priesterseminar gingen). Schnitzler selsbt nannte ihn einen durch Standesvorurteile verwirrten Bursch, der mit den Jahren noch ein tüchtiger und anständiger Offizier geworden wäre (Schmidt-Dengler 1996, S. 23). Er ist ein kultureller Kleingärtner, ein Antisemit, Sozialistengegner, Akademikerverächter (Gymnasium nicht geschafft!), Spieler, Weiberheld mit ausgeprägtem Standesdünkel. In seiner Welt zähle nur: Dienst, Kartenspiel, Frauen, Gesellschaft unter seinesgleichen.
Ehrenkodex & Freitod
Das Duell war um 1900 bereits offiziell verboten, aber beim Militär in bestimmten Situationen unbedingt erforderlich. Es war eine bis ins Kleinste hinein geregelte Institution. Doch der Ehrbegriff war auf Äußerlichen degeneriert. Das zeigt sich daran, dass Gustl zwar zunächst die Ehre für eine innere Angelegenheit erklärt, ganz unabhängig davon, ob den Vorfall jemand registrierte (siehe die zwei Zitate dazu weiter oben). Als er vom Tode des Bäckermeister erfährt schwenkt er aber sofort um: „Die Hauptsach' ist: er ist tot, und ich darf leben, und alles g'hört wieder mein!“
Zum Freitod gibt es bemerkenswerte philosophische Überlegungen:
• Georg Büchner: „Über den Selbstmord. Rezension eines Aufsatzes, aus dem Jahre 1830“
• Arthur Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung. § 68 - 71
(zu beiden siehe Arthur Links )
• Weitere Literatur zum Freitod, siehe Arthur Literatur
Oratorium Paulus
Die Novelle spielt in der Nacht vom 4. auf 5. April 1900 in Wien. An diesem Abend wurde im Wiener Musikvereinssaal Felix Mendelssohn-Bartholdy: Paulus aufgeführt.
An allem sind die Frauen schuld Gustl
Der auslösende Moment der Erzählung ist Gustls derzeitige Freundin, die verheiratete Steffi, die ihn an diesem Abend versetzte und mit ihrem Gemahl im Theater sitzt. Nur deshalb nahm Gustl später dann die Karte, die ihm sein Bekannter Kopetzky offerierte, an.
Recht viele Freunde scheint Gustl nicht zu haben. Er befürchtet, dass an seiner Beerdigung nur Kopetzky mitginge. Er bedauert es andrerseits so freundlos zu sein: „Ist doch traurig, so gar niemanden zu haben ...“.
Inhaltlich packend, stilistisch sicher die Balance zwischen Tragik, Groteske und Komik haltend.
Leutnant Gustl gehört zurecht zu den herausragenden Novellen deutscher Sprache.
Links
SchnitzlerLeutnant Gustl – Werk online
SchnitzlerLeutnant Gustl (Wikipedia)
SchnitzlerListe deutscher Novellen
Schnitzler Georg Büchner: „Über den Selbstmord. Rezension eines Aufsatzes, aus dem Jahre 1830“
Schnitzler Theodor Fontane: Schach von Wuthenow: Erzählung aus der Zeit des Regiments Gensdarmes
Schnitzler Arthur Schnitzler: Traumnovelle
SchnitzlerArthur Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung (pdf)
SchnitzlerBesprechung: Alfred Alvarez: Der grausame Gott. Eine Studie über den Selbstmord / Friedhelm Decher: Die Signatur der Freiheit. Ethik des Selbstmords in der abendländischen Philosophie
Literatur
Freeman, Thomas (1992): „Leutnant Gustl, a case of male hysteria?“ Modern Austrian literature 25:3/4. S. 41–51.
Jäger, Manfred (1965): „Schnitzlers Leutnant Gustl“. Wirkendes Wort 15. S. 308–316.
Wendelin Schmidt-Dengler (1996): „Arthur Schnitzler: »Leutnant Gustl«“. S. 21-37. In: O.Hg. (1996): Erzählungen des 20.Jahrhunderts. Band 1. Interpretationen. Stuttgart: Reclam.
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Schnitzler SchnitzlerArthur Schnitzler: Lieutenant Gustl. Ursula Renner-Henke, Autorin. Frankfurt: Suhrkamp, 2007. Taschenbuch, 161 Seiten Schnitzler
Arthur Schnitzler: Leutnant Gustl. Frankfurt: Fischer, 2001. Taschenbuch, 223 Seiten Schnitzler
Schnitzler SchnitzlerDieter Hellberg: Lektürehilfen Arthur Schnitzler "Leutnant Gustl" und "Die Traumnovelle". Ausführliche Inhaltsangabe und Interpretation. Stuttgart: Klett, 2010. Broschiert, 168 Seiten Schnitzler
Mario Leis: Lektüreschlüssel. Arthur Schnitzler, Lieutenant Gustl. Stuttgart : Reclam, 2010. Broschiert: 64 Seiten Schnitzler
Alvarez SchnitzlerAlfred Alvarez: Der grausame Gott. Eine Studie über den Selbstmord. Hamburg: Hoffmann und Campe, 1999. Broschiert, 325 Seiten Amery
Jean Amery: Hand an sich legen: Diskurs über den Freitod. Klett-Cotta, 2008. Gebunden, 155 Seiten Schnitzler
Decher SchnitzlerFriedhelm Decher: Die Signatur der Freiheit. Ethik des Selbstmords in der abendländischen Philosophie. Lüneburg: zu Klampen Verlag, 1999. Gebunden, 200 Seiten Willemsen
Roger Willemsen: Der Selbstmord: Briefe, Manifeste, literarische Texte. Frankfurt: Fischer, 2006. Broschiert, 437 Seiten Schnitzler
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