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Hofmannsthal
Hugo von Hofmannsthal: Das Märchen der 672. Nacht
Hugo von LinksHugo von Literatur
„Das Märchen der 672. Nacht“ ist eine Erzählung Hugo von Hofmannsthals, die im November 1895 in der Wiener Wochenschrift Die Zeit erschien. Der ursprüngliche Untertitel „Geschichte des jungen Kaufmannssohnes und seiner vier Diener“ deutet den Inhalt an. (Es ist wirklich nur eine Andeutung, denn Geschehen und Themen sind viel reichhaltiger.)
Im ersten Teil der zweiteiligen Erzählung zieht sich ein begüterter Kaufmannssohn (er hat während der ganzen Erzählung keinen Namen) – überdrüssig des Geschäftslebens – auf seinen Besitz zurück. Seine vier Bediensteten und die Beziehung zu ihnen wird ausführlich geschildert. Der ungenannte Märchenerzähler beschreibt, was der Kaufmannssohn so hat und seinen Gefallen am Besitz. Wenn ich es richtig gezählt habe kommt 20 Mal „schön” als eigenes Wort oder Wortteil vor. Im Stil erinnert das nicht nur an die Märchen aus 1001 Nacht, sondern auch an Adalbert Stifters: Nachsommer.
Der Kaufmannssohn zieht sich in seine Welt zurück, erkennt aber in seinem Besitz die Surrogate der Außenwelt: „die Schönheit der Teppiche und Gewebe und Seiden, der geschnitzten und getäfelten Wände, der Leuchter und Becken aus Metall, der gläsernen und irdenen Gefäße wurde ihm so bedeutungsvoll, wie er es nie geahnt hatte. Allmählich wurde er sehend dafür, wie alle Formen und Farben der Welt in seinen Geräten lebten. Er erkannte in den Ornamenten, die sich verschlingen, ein verzaubertes Bild der verschlungenen Wunder der Welt.”
Diese Ersatzwelt, mit der sich der Kaufmannssohn zufrieden gibt, stellt den modernen Bezug her. Wie die Spielsüchtigen an Geräten oder die Computernerds wird der Kaufmannssohn dusselig aufgrund dieser Beschränkung: „Er war für lange Zeit trunken von dieser großen, tiefsinnigen Schönheit, die ihm gehörte, und alle seine Tage bewegten sich schöner und minder leer unter diesen Geräten, die nichts Totes und Niedriges mehr waren ...” Die Objekte im Haus werden ihm zum Weltersatz.
Allerdings bleibt er sich der Nutzlosigkeit und Endlichkeit seines Vorgehens bewusst: „Doch er fühlte ebenso die Nichtigkeit aller dieser Dinge wie ihre Schönheit; nie verließ ihn auf lange der Gedanke an den Tod”.
Das Verhältnis des Kaufmannssohnes zu seinen Dienern
ist zentral und ambivalent.
  • Einerseits sind die Diener, wie oben zitiert, der eigentliche Lebensinhalt des Kaufmannssohnes: „Er fühlte sie leben, stärker, eindringlicher, als er sich selbst leben fühlte.  […] Wie das Grauen und die tödliche Bitterkeit eines furchtbaren, beim Erwachen vergessenen Traumes, lag ihm die Schwere ihres Lebens, von der sie selber nichts wußten, in den Gliedern.”,
  • andererseits sind sie es, die ihn im zweiten Teil des Märchens quasi zu Tode hetzen.
Bemerkenswert scheint mir, dass der Kaufmannssohn die vier Bediensteten um ihr schweres Leben bedauert, das jene aber nicht als solches empfinden, nach dem bayerischen Sprichwort: Sie tun sich leicht, weil sie sich von Haus aus schwer tun.
Die fatalistische Schicksalhaftigkeit
deutet sich im 1. Teil an und bestimmt im 2. Teil das Geschehen. Trotz seiner jungen Jahre und seines Reichtums ist sich der Kaufmannssohn des Todes immer bewusst: „nie verließ ihn auf lange der Gedanke an den Tod“. Selten wird er wörtlich zitiert und wenn, dann in düsteren Sprichwörtern, wie: »Wo du sterben sollst, dahin tragen dich deine Füße« oder »Wenn das Haus fertig ist, kommt der Tod«.
Das unausweichliche Schicksal rechtfertigt die Einstufung als Märchen. Der tragische Ausgang spricht eher dagegen. Mit den Märchen aus 1001 Nacht und anderen (arabischen) Kunstmärchen aber teilt „Das Märchen der 672. Nacht“ den Fatalismus. Hierin hat das Märchen viel mit dem Hörspiel „Geh nicht nach El Kuwehd“ von Günter Eich gemein. Dort wird der Kaufmann Mohallab von seinem Diener Welid, dem er vertraute, verraten und zu Tode gebracht.
„Vor allem aber zeichnet Hofmannsthals Märchen jenes düster-zwischenweltliche Changieren zwischen Traum und Wirklichkeit aus, das Eich in seinem Hörspiel explizit macht, wenn er den Kaufmann, der gerade von einem Felsen zu Tode gestürzt wurde, statt sterben erwachen und von neuem beginnen lässt.“  (Oels 2007, S. 8)
Ein Brief, in dem einer seiner Bediensteten beschuldigt wird, löst die Reise des Kaufmannssohns im zweiten Teil des Märchens aus. Man begibt sich mit ihm auf eine märchenhafte Fahrt, die gut zum Motiv: »Umherirren in der Stadt« passt (Hugo von Links).
In diesem zweiten Teil driftet der Leser von der Wirklichkeit in eine düstere beklemmende Traumwelt. Auch nach mehrmaligen Hören des Textes kann ich nicht genau sagen, wo der Übergang ist. Hier gleicht es einem anderen genialen Hörspiel von Güter Eich: „Die Andere und ich“. Deshalb ist der zweite Teil nicht gut beschreibbar ohne dass man ihn nacherzählt. Für mich gewinnt er seine Kraft dadurch, dass Hofmannsthal den Leser auf eine Reise mitnimmt, die auf den Tod zuläuft.
Rückzug
In der Sekundärliteratur folgt man einer Interpretation Richard Alewyns (Hugo von Literatur): es ist eine Absage an den Ästhetizimus (Hugo von Links) des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Um das Märchen ernsthaft gegen den Ästhetizimus ins Felde zu führen bräuchte es einen Wirkzusammenhang: schönes, kontemplatives, angenehmes Leben führt (oft) in Langeweile, Stillstand und Tod.
Rückzug ins Beschauliche gibt es heute nicht mehr so häufig, und wenn, dann ist das beliebte "die Seele baumeln lassen" positiv besetzt. Man versteht es meist nur als Ausgleich zum temporeichen Arbeitsleben. Davon stechen die umso krasseren Rückzüge an die Waffen im Keller oder an den Bildschirm oder in ein Leben für den Konsum des ererbten Vermögens ab.
Das Märchen zur 672. Nacht in 1001 Nacht habe ich nachgelesen. Ich erkannte keine Bezüge zum Märchen von Hofmannsthal. Merkwürdigerweise las ich auch nirgends, warum der Autor genau die 672. Nacht wählte.
Einen Tag nachdem ich „Das Märchen der 672. Nacht“ in der ausgezeichneten Hörbuchfassung mit dem Sprecher Andreas Rüdiger (Hugo von Literatur) gehört hatte, wollte ich es nochmals hören. Am nächsten Tag hörte ich es zum dritten Mal. Ich möchte immer den Punkt herausfinden, wo es ins Unwirkliche übergeht. Es wird so genial erzählt, dass man den genauen Übergang nicht findet. Unmerklich und faszinierend wird man mitgezogen.
Links
Hugo von Hofmannsthal: HugoDaten zur deutschen LiteraturHugoWikipedia
HugoHugo von Hofmannsthal-Gesellschaft
Text online: Hofmannsthal1Hofmannsthal2
HofmannsthalDas Märchen der 672. Nacht (Wikipedia)
HofmannsthalMärchenhaftes in "das märchen der 672. nacht"
HofmannsthalÄsthetizimus
HofmannsthalBarna, Judit: (Literatur und Psychoanalyse. Hugo von Hofmannsthal; 156-Seiten Fragment ohne Titel)
HofmannsthalGökberk, Ütker (1985): „Die Unwiderbringlichkeit der Tausendundeine Nacht: Das Maerchen der 672. Nacht als Antimaerchen”. Paper presented at the German Studies Association. S. 12.
Hofmannsthal Hugo von Hofmannsthal: Andreas oder Die Vereinigten
Hofmannsthal W. Somerset Maugham: "The Appointment in Samarra", 1933
Hofmannsthal Mathias Mayer, Julian Werlitz, Hg.: Hofmannsthal-Handbuch. Leben - Werk - Wirkung
Hofmannsthal Motiv: Umherirren in der Stadt in der Literatur
HofmannsthalSchmidt, Matthias „Positive Aspekte einer Kritik. Spuren poetologischer Auswege im Märchen der 672. Nacht”
Vergleichsliteratur

Günter Eich: „Geh nicht nach El Kuwehd“

Günter Eich: „Die Andere und ich“

Hofmannsthal W. Somerset Maugham: „The Appointment in Samarra“

Adalbert Stifter: Nachsommer

Oscar Wilde: Das Bildnis des Dorian Gray

Literatur
Barker, Andrew W. (1979): „The Triumph of Life in Hofmannsthal’s »Das Märchen Der 672. Nacht«”. The Modern Language Review 74:2, S. 341-348.
Brion, Marcel: Versuch einer Interpretation der Symbole im »Märchen der 672. Nacht« von Hugo von Hofmannsthal”. In: Schillemeit, Jost, Hg.: Interpretationen, Bd. 4. Deutsche Erzählungen von Wieland bis Kafka. Frankfurt am Main: Fischer, 1966. 284–302.
Iványi-Szabó, Rita (2009): „Grenzüberschreitungen in Hugo von Hofmannsthals Erzählung »Das Märchen der 672. Nacht«”. In: Zita Horvath, Hg.: Grenz /Überschreitungen - Beiträge der I. Miskolcer Germanistischen Konferenz 2008. Miskolc: Typographeo Universitatis, S. 167-175.
HofmannsthalOnline verfügbar (pdf)
O’Brien, George M. (1977): „Ernst Mach and a Trio of Austrian Writers: Hofmannsthal, Andrian, Musil”. The International Fiction Review 4, S. 64-67.
Oels, David (2007): „»Hofmannsthal ist an allem schuld«. Alfred Andersch, Günter Eich und Hugo von Hofmannsthal”. HvH online – HofmannsthalOnline verfügbar
Rieckmann, Jens (1981): „Von der menschlichen Unzulänglichkeit: Zu Hofmannsthals »Das Märchen der 672. Nacht«”. The German Quarterly 54:3, S. 298-310.
Simons, Oliver (2009): „Nachbilder des Orients – Hugo von Hofmannsthals »Märchen der 672. Nacht«”. Mitteilungen des Deutschen Germanistenverbandes 56:2, S. 219-232.
Wood, Frank (1958): „Hofmannsthal and Kafka: Two Motifs”. The German Quarterly 31:2, S. 104-113.
Workman, J. D. (1961): „Hofmannsthal’s »Märchen Der 672. Nacht«”. Monatshefte 53:6, S. 303-314.
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Alewyn Richard Alewyn: Über Hugo von Hofmannsthal. Vandenhoeck & Ruprecht, 1958. Broschiert, 170 Seiten Hofmannsthal
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