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Schnitzler
Arthur Schnitzler: Spiel im Morgengrauen
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Leutnant Wilhelm Kasda wird von seinem Bekannten Otto von Bogner um 1000 Gulden angepumpt. Otto war früher selbst beim Militär, musste aber seinen Abschied  nehmen. Jetzt steckt er wieder in der Klemme, da er in seiner Firma Geld „entliehen” hat. Willi hat selbst weder Geld noch greifbare Geldgeber, möchte seinem Freund aber helfen. Zunächst sucht er aber beim Mittagessen bei einer Rechtsanwaltfamilie in Baden weibliche Freundschaften anzuknüpfen. Aber alles bleibt für ihn unverbindlich.  Nun versucht Willi doch wie geplant beim  Kartenspiel unter anderen mit Konsul Schnabel das Geld für Otto aufzutreiben. Er gewinnt tatsächlich sogar mehr. Herr Elrief verabschiedet sich aus der Runde, diese Gelegenheit ergreift der Leutnant und klinkt sich ebenfalls aus. Wieder beim Rechtsanwalt erfährt er, dass die Gesellschaft ausgefahren ist. Sein Pech: er kehrt zum Kartenspiel zurück, spielt weiter und gewinnt mehr als  zweitausend Gulden. Tausend für Bogner, tausend für mich, dachte er. Irgendwie fühlt er sich aber so glücklich. Der Leser ahnt (und der Autor verbürgt dafür), dass die Geschichte nicht gut ausgehen kann. Willi geht zum letzten Zug zurück nach Wien und versäumt ihn. Zurück an den Kartentisch. Die Glückssträhne bleibt ihm treu. Um zwei Uhr am Morgen hatte er viertausendzweihundert Gulden gewonnen. Die Spannung steigt. Der Konsul sah auf die Uhr und sagte: »Punkt halb drei Schluß, ohne Pardon.« Es war fünf Minuten nach zwei. Willi Kasda ist im Spielfieber, verliert und im Morgengrauen hat er beim Konsul  11.000 Gulden Schulden. Der Konsul gibt ihm ein paar Stunden mehr Zeit als die üblichen 24 Stunden bei Ehrenschulden.
Ein vager Lichtblick ergibt sich, als der Konsul auf der gemeinsamen Heimfahrt erzählt, dass er in wenigen Tagen verreisen will. Weitere Aufschübe duldet der Konsul aber nicht: »Ich gebe mich nicht zufrieden, Herr Leutnant, morgen, Dienstag mittag, letzter Termin . . . Oder – Anzeige an Ihr Regimentskommando.«
Für den Leutnant Wilhelm Kasda bleibt nur sein Onkel Robert Wilram, zu dem er schon lange keinen Kontakt mehr hat oder eine Kugel vor die Stirn. Doch Onkel Robert erklärt sich außerstande: er hatte sich mit  Fräulein Leopoldine Lebus verheiratet und alles Geschäftliche seiner Frau übergeben. Sie ist geschäftstüchtig, hartherzig und will keinen Kontakt mehr mit ihm.
Willi wittert seine Chance. Er hatte einst mit Leopoldine ein Techtelmechtel, das er ihr mit 10 Gulden honorierte. Es kommt zu einem Treffen, doch Leopoldine vertröstet ihn. Am Abend sucht sie ihn auf. Das Liebesspiel dauert bis zum Morgengrauen. Sie honoriert es mit 1000 Gulden.
Leutnant Wilhelm Kasda ist zerstört und am Ende. Seinem Diener übergibt er die 1000 Gulden: er soll sie zu Bogner bringen, ihn aber nicht mehr stören.
Für ihn bleibt nur die schon überlegte Alternative.
Schnitzler steckt dem Geschehen die Spitze auf. Leopoldine hat die 11.000 Gulden ihrem Mann Robert Wilram gegeben, der eilt mit dem Geld zu Willi, kommt aber zu spät. 
Diener Joseph  kann seinem Herrn noch einen letzten Dienst erweisen und einen bei Robert aufkeimenden Verdacht zerstreuen. So endet die spannende Novelle – die mit Josephs Weckruf »Herr Leutnant! . . . Herr Leutnant! . . . Herr Leutnant« begonnen hatte –
mit selbigem Joseph als Helden, der noch strammer stand als vorher.
Der militärische Ehrenkodex ist ein Standardthema bei Schnitzler, das er immer auch mit Frauengeschichten zu verbinden weiß. Diesmal kann sich die gedemütigte Leopoldine rächen. Allerdings scheint sie es nicht bei zum Letzten treiben zu wollen. Sie ist geschäftstüchtig, aber nicht hartherzig oder rachsüchtig.
Auch dem Leutnant Wilhelm Kasda wird man vieles zugute halten können: er gerät nur deshalb ins Schlamassel, weil er seinem Ex-Kameraden helfen will. Am Ende kann er ihm aus der Patsche helfen, sitzt aber selbst so tief drin, dass er nur noch den einen Ausweg sieht.
Schnitzler treibt die Spannung beim Kartenspiel extrem auf. Mehrfach verläßt Willi mit Gewinn das Spiel, schafft es aber nicht, sich von der Spielsucht zu befreien. Jedesmal meinte ich: es kann doch nicht sein, dass bei Schnitzler der Kasda da noch wegkommt. Vielleicht passiert die Tragödie erst am nächsten Tag? Doch Schnitzler schafft es in jeder Situation wieder, den Leutnannt an den Spieltisch zurcük zu bringen Immer wieder belügt Kasda sich selbst. Einzig weil der Leser den Autor kennt, weiß er: mit Gewinn wird Willi Kasda nicht davonkommen.
Ein zweites verblüffendes Leseerlebnis ist: die Spielsituation wirkte so überwältigend (auf mich), das mir die Versuche Kasdas dies auszubügeln, nur noch als Anhängsel vorkamen. Wieder ist dem Leser klar: Kasda findet keinen Geldgeber, der für seine Schulden gerade steht. Wieder legt Schnitzler es nahe: Leopoldine könnte es. Schaut man sich die Novelle an, so reichen die Szenen am Spieltisch nur bis etwa zur Mitte des Textes. Es folgt ja das zweite Spiel im Morgengrauen!
Die einstige Geliebte für eine Nacht kann sich rächen. Damals verfügte Leutnant Wilhelm Kasda über sie und ließ sie sofort wieder fallen. Jetzt kann Leopoldine über ihn verfügen.
Doch treibt sie es darin bewusst nicht zum Äußersten, wird aber von den Ereignissen überholt. Ob sie das bewusst so arrangiert hat – wie manche Leser meinen – bezweifle ich.
Bogner wird als symbolische Gestalt für den Tod gesehen, der Konsul Schnabel die für den Teufel, der Kasda (ohne direktes eigenes Zutun) dreimal freigibt, aber wieder an den Spieltisch zurückbringt. Schnabel ist Konsul für einen ungenannten kleinen Freistaat in Südamerika, den er noch nie betreten hat. Er will das demnächst nachholen.
Natürlich ist der Untergang des Leutnant Wilhelm Kasda, der am rigorosen, aus heutiger Sicht völlig irrationalen Ehrenkodex klebt, auch ein Bild für den Untergang der Monarchie Habsburgs. Beides sind Relikte einer vergangenen Zeit.
Einer Sucht kann jeder verfallen. Nicht alle sind so schnell zum Untergang führend wie die Spielsucht. Mich faszinieren solche Lesesequenzen, schon allein dadurch erhält Spiel im Morgengrauen großes Lob.
Schnitzler versteht es – trotzdem man den Ausgang zu wissen meint – den Leser an den Zeilen zu halten. Er schreibt einfach brillant. Der zweite Strang liegt auch auf meiner Vorzugsschiene. Eine zuvor Gedemütigte darf es ihrem Peiniger zurückzahlen. Darum: Spiel im Morgengrauen ist eine hervorragende Erzählung.
Spiel im Morgengrauen wurde 1926 veröffentlicht, 1931 Premiere Tonfilms "Daybreak".
2001 Spiel im Morgengrauen, österreichische Verfilmung. 133 min.
Regie: Götz Spielmann
Darsteller: Fritz Karl, Birgit Minichmayr, Karlheinz Hackl, Nina Proll, Peter Matic, Florian Teichtmeister, Götz Spielmann u.a.
Links
SchnitzlerSpiel im Morgengrauen (Wikipedia)
SchnitzlerDie novelle unter dem einfluß des impressionismus: Spiel im Morgengrauen
Texte online: SchnitzlerGutenbergSchnitzlerZeno
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Literatur
Ekfelt, Nils (1978): „Arthur Schnitzler’s Spiel im Morgengrauen: Free Will, Fate, and Chaos”. The German Quarterly 51:2, S. 170-181.
W., W. A. (1928): „Review: Spiel im Morgengrauen by Arthur Schnitzler”. Books Abroad 2:1, S. 80-81.
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Schnitzler SchnitzlerArthur Schnitzler: Spiel im Morgengrauen. Barbara Neymeyr, Hg. Stuttgart: Reclam, 2006. Broschiert, 135 Seiten Schnitzler
Arthur Schnitzler: Spiel im Morgengrauen. Novelle. Berlin 1927. Joseph Kiermeier-Debre, Hg. DTV, 2011. Taschenbuch, 176 SeitenSchnitzler
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