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Oskar Maria Graf
Graf, Oskar Maria: Anton Sittinger. Ein satirischer Roman
München: List, 1994. Oskar Maria Graf Werkausgabe Band IV. Seiten 213-512

Mit erstaunlicher Weitsicht und psychologischem Schürfvermögen zeichnet Oskar Maria Graf im 1937 erschienenen Roman (Malik Verlag, London) die Geschichte des politischen Mitläufers. Was Graf als "Ein satirischer Roman" untertitelte war bereits Realität. Noch Jahrzehnte danach gab es viele Deutsche, die schon vorm und im 2. Weltkrieg Juden geholfen oder gar versteckt hatten, aber erst 1945 erfuhren, daß jene verfolgt wurden. Siehe welzer Harald Welzer, u.a.: Opa war kein Nazi.
graf Der Münchner Postinspektor Anton Sittinger, hält sich selbst für unpolitisch, liest nur philosophische Bücher (Seneca, Horaz, Spinoza, Schopenhauer, Nietzsche) und verachtet schöngeistige Literatur als Schwindel und Zeitverschendung. Zu seiner Ehefrau Malwine, die Romanfortsetzung in der Zeitung lesend, meinte er: “Jaja, mach dich nur ganz dumm! Verschling dieses Zeug nur wie die Kuh das hingeworfene Futter ...” und offenbart dann, daß er zutiefst menschenverachtend (Schopenhauerlektüre?) und radikal denkt: “Diese verdammten Dichter sollt' man alle aufhängen! Sie bringen bloß Verwirrung in die hohlen Köpfe!” (S. 220) Er lenkt seine Vernichtungsphilosophie auch auf Verwandte: “... er wünschte sich nichts sehnlicher, als daß diese »lieben Verwandten« an einen Baum sausen und maustot liegen bleiben möchten" (S.400). Seine eigene Charakterisierung gibt Anton mit: “Was ist der Mensch? ... Niederträchtig und grausam, wenn er überlegen ist, feig und kriecherisch, wenn's schief geht mit ihm, pfui Teufel!” (S. 274).
Sittinger wird zum Prototyp des angepaßten Mitläufers aller politischen Richtungen. Der Roman spielt von 1917-18 bis zu Hitlers Inthronisierung. Anton Sittinger ist gegen alle Veränderungen, ist daher lange Zeit gegen die Nationalsozialisten, jedoch nicht aus Überlegung, sondern aufgrund seiner Abscheu vor jeglicher Veränderung. Die Duckmäuser helfen bei der Vorbereitung des Nationalsozialismus mit; es gab sie damals zuhauf und auch heute.
Ich sah Anton Sittinger nicht so sehr als Spiesser. Er ist raffiniert in der Verfolgung seiner egoistischen Ziele (Aktion gegen Franz Eibenthaler, S. 247) und hundsgemein: "Gern wäre er daheimgeblieben. Nur aus Rachsucht gegen sie tat er es nicht" (S. 259). In Anton Sittinger sehe ich mehr den feigen Duckmäuser ohneRückgrat. Recht lange verachtet er ja zutiefst Malwines nationalsozialistische Neigung und noch am Ende des Romans, beim Höhepunkt im Faschingszug, hört er nicht aus sie, sondern findet den symbolischen Maskenzug richtig (S. 488). So wird er nichthandelnd schuldig.
graf Im Vergleich zu ihrem Anton ist Malwine ehrlicher. Sie urteilt nach den Personen, zuerst Eibenthaler, auch ihrem Bruder und Hauptmann Schlicht. Sie greift vereinfachende Parolen gerne auf: "Deutschland bleibt Deutschland. Zur rechten Zeit ist immer der rechte Mann gekommen" (S. 266)
graf Die Verschränkung des Geschehens in der Dorfgemeinschaft mit den politischen Ereignissen gelingt Graf gut, wenn auch manche Wirtshausdiskussion und seitenweises Räsonnieren über Hitler (S. 453-68) zu lang gerät. Ich bewundere Grafs rechtzeitigen Durchblick. Bei der Erwähnung Adolfs Hitler läßt er ein Omen des Disasters auftreten: "Ein Käuzchen wimmerte klagend durch die Nacht" (S. 419). So zeigt sich, daß man, wenn man Mitte der Dreissiger nur sehen wollte, es auch konnte.
graf Unbedingt empfehlenwert.
Literatur
Heczko, Boris 1986: "Der Spießbürger ganz nackt. Aspekte der Kleinbürger-Thematik bei Graf". In: Heinz Ludwig Arnold, Hg.: Oskar Maria Graf. München: Edition Text & Kritik. S. 72-85
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graf Oskar Maria GrafOskar Maria Graf. Bolwieser / Anton Sittinger. Ein satirischer Roman. Wilfried F. Schoeller (Herausgeber): Werkausgabe, Bd.4. München: List: 1994. Gebunden, 525 Seiten graf
Oskar Maria Graf. Anton Sittinger. Wilfried F. Schoeller (Herausgeber). München: DTV; 1998. Broschiert 341 Seiten Oskar Maria Graf
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