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Bolwieser
Oskar Maria Graf: Bolwieser. Roman eines Ehemannes
München: List, 1994. Oskar Maria Graf Werkausgabe Band IV. Seiten 7-211.
graf Quellengraf Linksgraf Literaturgraf Auszüge mit Bezug zu Wasserburg
Bolwieser Hesse-Schlößl in der Wasserburger BurgaugrafAussenseiter in der Literatur
Die Themen dieses Romans sind nicht so einfach, wie man beim Lesen meint. Es geht – wie bei Shakespeares Othello (graf Shakespeares Jago zur Willensfreiheit) – um die Eifersucht, wie in Heinrich Bölls Katherina Blum um das Kleinstadtgerede, Verleumdung, um die verlorene Liberalitas Bavariae (graf Liberalitas Bavariae), um den Gewohnungs- und Abnutzungsprozess einer Ehe und vieles mehr.
Der Bahnhofsvorsteher Xaver Bolwieser (zu Beginn des Romans ist Bolwieser Mitte Dreißig) ist ein kleinstädtischer Normalbürger, viele Rezensionen bezeichnen ihn als Spießer; Oskar Maria Graf wollte den tragischen Pantoffelhelden darstellen (graf Quellen). Insofern thematisiert er auch die Aufrichtigkeit und Zivilcourage in der Familie. Während er sein junges Eheglück genießt ohne die Spießigkeit der Kleinstadt mitzumachen (insofern kann man fragen, ob Bolwieser wirklich nur spießig ist), zeigt sich sein Umfeld als kontraproduktiv. Seine Frau Hanni, Tochter des Brauereibesitzers Neithart aus Passau (Anspielung auf den unseligen Georg Neithardt? Er war der Vorsitzende Richter des Volksgerichts München, das am 1. April 1924 Adolf Hitler wegen Hochverrats zur Mindeststrafe von fünf Jahren Haft verurteilte und ihm gleichzeitig in Aussicht stellte, schon nach sechs Monaten zur Bewährung entlassen werden. Bolwieser erschien 1931.) verliebt sich in einen Jugendfreund, Pächter, später Besitzer eines Gasthofes. Sie hat später mit dem Friseur einen neuen Liebhaber. Die Gerüchteküche in Werburg kocht ohne daß Xaver Bolwieser etwas merken will. Wer nur die Augen zumacht zieht am Ende den Kürzeren. Bolwieser kommt aufgrund einer Falschaussage, die der Ehrrettung seiner Frau dienen sollte, ins Gefängnis. Währenddessen setzt seine Frau die Scheidung durch und heiratet den Friseur. Bolwieser kehrt nach Verbüßung der Gefängnisstrafe nach Werburg zurück, flieht aber zu einem primitiv hausenden Fährmann, dessen "Erbe" er antritt.
graf Oskar Maria Graf brilliert mit treffsicherer Sprache, derb, komisch, beißend.
Oberföster Windegger betatschelt die Bedienung Mariele: "Du scheinst ja direkt gar nichts untern drinn' anzuhaben, was?" Die Kellnerin entgegnet: "Anpumpeln werd' ich mich bei so einer Hitz' wie eine Klosterfrau!" Und alles endet in einer typischen Stammtischweisheit: "Ganz recht! Wo nichts ist, braucht man nichts wegräumen, wenn's drauf ankommt." (S. 11)
graf Glänzend auch, wie Graf völlig ungekünstelt sozialkritische und politische Ansichten unterbringt.
"Der echte Unternehmer trachtet nach der Ausdehnung seines Betriebes und nach Macht. Der Arbeiter kämpft mit seinesgleichen um erträglichere Lebensbedingungen. Der Kleinbürger hingegen will das eine nicht und hat das andere. Er strebt nach intimem Luxus. Er will die erborgte Prächtigkeit, wie man sie mitunter in veralteten Gesellschaftsfilmen zu sehen bekommt. Er liebt das Himmelbett, reiche Spitzendecken und Nippessachen. Er kauft die überladen geschnörkelten Möbel und alle jene eigentlich überflüssigen Dinge, welche gleich einem Fetisch auf Gemüt und Sinne wirken. Darum versteht er gar nicht, daß es Leute gibt, die anders empfinden und denken als er. Spürt er nur im geringsten eine Bedrohung seiner Interessen und Passionen, so wird er ängstlich und gehässig." (S. 67)
graf Unbedingt empfehlenwert.
Quellen
“Doch jetzt zum Doktor Hesse [Wirtshauskumpan Dr. Hesse, Besitzer des Bolwieser Hesse-Schlößl in der Wasserburger Burgau; das Schlößl gibt es nicht mehr; H.H.]. Der hatte mir einmal ganz von selbst den Stoff für meinen Roman »Bolwieser« geliefert. Wir hatten damals die Gewohnheit, nicht mit dem Auto, sondern auf Fahrrädern die Gegend zu durchstreifen, in gemütlichen Bauernwirtschaften einzukehren und nach dem Essen etliche Stunden zu tarocken. Einmal sah ich in den »Fliegenden Blättern« eine Witzzeichnung mit der Überschrift »Frohe Erwartung«, die einen etwas angetrunkenen Pantoffelhelden zeigte, der sich nachts vor der Wohnungstür vorsichtig die Schuhe auszieht, um von seiner schlafenden Alten nicht gehört zu werden. Die aber – so die Zeichnung- stand bereits mit dem Besen bewaffnet hinter der Tür. »Warum«, so fragte ich mich, »wird eigentlich ein Pantoffelheld immer nur lächerlich und humoristisch gesehen? Kann er nicht auch eine tragische Figur sein?«. Das war alles, wofür ich lange Zeit den geeigneten Stoff suchte. Einmal nun ließen Karl [Malerfreund Karl Wähmann; H.H.], der Doktor und ich uns mit unseren Fahrrädern von einem alten Fährmann irgendwo über den Inn setzen. Nach dem Aussteigen aus dem Boot sagte der Doktor zu mir: »Sie, der alte Mann wär‘ eigentlich was für einen Roman«. – Er war ein ehemaliger Bahnhofsdirektor in Wasserburg, seine Alte, in die er sehr vernarrt war, hat ihn betrogen und ihn nachher, als sie ins Gerede gekommen ist, dazu gebracht, dass er ihre Unschuld vor Gericht beeidigt. – Wie er wegen Meineid ins Zuchthaus gekommen ist, hat sie den anderen geheiratet. ... »So meine Herrn, ich hab‘, was ich such‘ –. Ich fahr heut‘ noch nach München«, sagte ich hochbefriedigt, und in 4 Monaten war der Roman »Bolwieser« fertig.”
Gelächter von außen, München: List, 1994 [1966], S. 439-40
Links
BolwieserFilm: Bolwieser, 1976. Buch und Regie: Rainer Werner Fassbinder
graf weitere Links
Auszüge mit Bezug zu Wasserburg
Es gibt eigentlich nur wenig direkte Bezüge zu Wasserburg am Inn. Da ist der Greinbräu, als Treffpunkt der Kleinbürger von Werburg. Die Stadt liegt an einem Fluß. Die nächste Bahnstation nennt Graf im Roman Burgreith, es ist Reitmehring.
Die letzte Station des Romans, die Fähre über den Inn, platziert Graf vier Fussstunden von Werburg entfernt. Im zugrundeliegenden authentischen Fall handelt es sich um den Fährübergang zwischen Altenhohenau und Sendling am Westufer des Inns (Weber 1995, S. 225). Beide Orte sind jeweils in einer guten Stunde von Wasserburg erreichbar. Die Fähre war Mitte des 20. Jhdts. noch in Betrieb. Doch dank graf Grafs eigenem Zeugnis in Gelächter von außen, wissen wir, daß es sich bei Werburg um Wasserburg handelt.
“Draußen vor den Fenstern stand der freundliche Tag. Silbern funkelten die Gleise in der Sonne und liefen vielverschlungen unter die hohe, verrußte Brücke. Die Stadt mit ihren altertümlichen, ineinandergeschachtelten Häusern sah appetitlich aus, und der klare Himmel spannte sich wie eine durchsichtige Glasglocke darüber.” (S. 10)
Hochwasser in Werburg
“Träge verrannen die letzten Wintertage. Der verrußte Schnee auf den Dächern schmolz in der Märzensonne. Auf den Plätzen und Straßen bildeten sich schmutzige Pfützen, und durch die ausgehöhlten Pflasterrillen flossen dünne, trübe Bächlein. Der Fluß, der die Stadt zerteilte, stieg mit jedem Tag. Längst hatte er die Sandbänke überflutet, da und dort überspülte er bereits die Ufer seines breiten Bettes, und die Keller der anliegenden Häuser liefen voll. Klar, wie blankgeputzt schälte sich jeden Morgen der hohe Himmel aus dem Nebel. Frische Wolken überschleierten ab und zu die hervorgebrochene Sonne, gaben sie wieder frei und zogen langsam weiter. In den kahlen Bäumen trillerten die ersten Stare, und die Luft roch nach belebender Würzigkeit.” (S. 159)
“Der anfahrende Zug kroch aus Burgreith, rollte schneller dahin und verschwand nach einer sacht ansteigenden Biegung in einem Hügeldurchbruch. Sein dumpfes Getöse ging schnell im Sausen des Windes und im Geprassel des unbarmherzigen Regens unter. Die verlassene Landschaft wellte sich. Drüben auf sanften Anhöhen leuchteten etliche gelbe Lichter massiger Einödhöfe auf. Wurfweit dahinter dunkelte unabsehbarer Wald in die gejagten Wolken. Zur Linken gab es Felsbrüche und ineinander verlaufende Hügel und endlich, nach einigen großen Windungen, öffnete sich ein ziemlich schroff abfallender Talkessel, den am anderen Ende ein breit gebogener Flußarm begrenzte. Unten in der Mulde ragten Kirchtürme und vereinzelte Schlote auf, Hausdächer stuften sich ineinander, helle Fenster und leicht schwankende Straßenlaternen reihten sich aneinander und, umstellt von farbigen Signallichtern, vielfach durchschnitten vom wirren Gestäng der eisernen Maste, schälte sich der Bahnhof aus der dampfenden Helligkeit –: Werburg.” (S. 204)
Literatur
Graf, Oskar Maria (1994): "Die Reise nach Wasserburg oder Provinzschriftstellers Sommeridyll".  Veröffenlicht aus dem Nachlass in: Dittmann, Ulrich, Dollinger, Hans, Hg. (1994): Jahrbuch 1993 der Oskar Maria Graf-Gesellschaft. München, Leipzig: List.
Heczko, Boris (1986): "Der Spießbürger ganz nackt. Aspekte der Kleinbürger-Thematik bei Graf". In: Heinz Ludwig Arnold, Hg.: Oskar Maria Graf. München: Edition Text & Kritik. S. 72-85.
Weber, Reinhard (1995): "Oskar Maria Grafs “Bolwieser” und sein historisches Vorbild" In: Dittmann, Ulrich, Hans Dollinger, Hg.: Jahrbuch 1994/95 der Oskar Maria Graf-Gesellschaft. Die Münchner Vorträge im Graf-Jubiläumsjahr 1994. München und Leipzig. S. 224-234.
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Bolwieser BolwieserOskar Maria Graf: Bolwieser. München: List, 2010. Broschiert, 224 Seiten Graf
Oskar Maria Graf: Die Ehe des Herrn Bolwieser. btb, 1998. Broschiert, 248 Seiten Graf
graf BolwieserOskar Maria Graf: Bolwieser. Roman eines Ehemannes. / Anton Sittinger. Wilfried F. Schoeller (Herausgeber): Werkausgabe, Bd.4. München: List: 1994. Gebunden, 525 Seiten Bolwieser
Oskar Maria Graf: Bolwieser. Roman eines Ehemannes. Wilfried F. Schoeller (Herausgeber). München: DTV; 1997. Broschiert 248 Seiten Graf
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 15.1.2006