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Oskar Maria Graf
Hesse-Schlößl in der Wasserburger Burgau
aus: Gelächter von aussen. Aus meinem Leben 1918–1933.
München: List, 1994. Oskar Maria Graf Werkausgabe Band X. Seiten 441-43.
Personen:
Doktor Hesse, Wirtshauskumpan, Besitzer des Hesse-Schlößl in der Wasserburger Burgau
Karl Wähmann, Maler, lebte nahe Wasserburg
Oskar Maria Graf
»Du mußt dir denken, Oskar, unser Doktor ist ein Schloßbesitzer«,sagte Karl einmal während einer Spielpause: »Ein feiner, reicher Knopf! – Na, wie ist's, Doktor, können wir Sie nicht mal auf Ihrem Herrensitz besuchen?«
»Nein, nein, bloß das nicht!« wehrte der Doktor entschieden ab: »Lauter altes Rumpelzeug. Macht bloß Umstände und kostet haufenweis Steuer.«
Wir besuchten ihn trotzdem am andern Tag. Sein turmloses, nicht allzugroßes Biedermeierschlößchen lag traumhaft schön mit seiner verwachsenen breiten Einfahrtsallee. Storm und die Lagerlöf haben solche Schlösser beschrieben. Wir hupten und hupten, hämmerten mit den Fäusten an das hohe, abgeblätterte, reichgeschnitzte eichene Eingangstor, rüttelten an der alten verrosteten Zugklingel, die keinen Ton von sich gab. Unser lautes Schreien war vergeblich. Stumm, verstaubt und wie vergrämt – die unteren Fenster waren mit Läden verschlossen, die oberen schauten trüb in den hellen Tag – lag das Schloß da. Seit Ewigkeiten schien schon kein Mensch mehr darin zu wohnen. »Laß uns hinten schauen«, sagte Karl. Abseits im schräg abhängenden, weiten Obstgarten häuften Bauersleute – ein älterer Mann und ein Weib – das trockene Heu. Rechts über der grasigen Schräge fing ein dichter verwilderter Park mit riesigen Tannen und Fichten an. Er grenzte an die langgezogenen niederen Stallungen, die auf dieser Seite des weiten Platzes vor dem Schloß lagen.
»Großartig!« sagte ich bewundernd zu Karl: »Mensch, da könnte man Künstlerfeste machen! Ganz gewaltige!« Ein zerfallenes, eingetrocknetes Springbrunnenrondell, mit vermodertem Laub gefüllt, lag da, als wir die paar Treppen zur Hintertür hinaufstiegen. Wir klopften, schrien, warfen kleine Steinchen auf die dunklen Scheiben der oberen Fenster. Nichts, stockstumm blieb es.
»Hm, der wohnt vielleicht gar nicht da? – Das Schloß ist ihm zu groß«, meinte ich, und nach einigem vergeblichen Klopfen und Schreien gingen wir hinunter zu den Bauersleuten und fragten. Sonderbar, die zuckten nur ab und zu die Schultern und redeten herum, der Doktor sei im Jahr oft bloß ein oder zwei Tage da. Weiter wußten sie nichts. Kopfschüttelnd gingen wir hinauf zum verlassenen Schloß und sahen uns nebenher noch die Ställe an. Etliche Kühe, sechs Pferde, Schweine und Hühner mußten Hesses Eltern gehalten haben, um sich mit Milch, Butter, Eiern und Schinken selber zu versorgen. Nun pfiffen Mäuse aufgeschreckt im vermoderten Heu, und im Kuhbarren lief eine fette Ratte.
»Schauderhaft, daß er alles so verkommen läßt. Schade, schade«, sagte ich vor den niederen Schweineställen. Hier war wenigstens noch die Tür ganz und saß im Schloß. Karl rüttelte daran, und sie ging auf. Da stand in diesem spinnwebüberzogenen Mief ein Metallbett mit schmutzigen bauschigen Flaumdecken und Kissen, und aus diesem Gewühl ragte der kurzgeschorene rothaarige Kopf des Doktors. Ein dunkles Nachtkästchen mit einer elektrischen Stehlampe, einem Wecker, einem Aschenbecher voller Zigarrenstumpen und kalter Asche stand daneben. An der Wand, mit den darübergehängten Kleidern, stand ein Sessel, daneben ein kleines dunkelfarbiges Mahagonitischchen mit einem Spirituskocher und verschiedenen schmutzigen Tassen, Töpfen und Kannen, und weiter hinten gab es noch ein metallenes Waschgestell mit einer Schüssel voll trübem Seifenwasser.
Der Schlafende schreckte auf, starrte kurz und brüllte zornig: »Raus mit euch! Raus da! – Ich komm' später!« Unser verblüfftes Lachen erstarb uns, so giftig war seine Aufwallung. Wütend drehte er sich um und ließ uns stehen. »Gut, gut, auf Wiedersehn!« riefen wir gleicherzeit. Karl zog die Tür zu, und wir fuhren heim.
Erst spät nach dem Nachtessen kam er, schaute uns unbestimmt an und sagte scherzhaft vorwurfsvoll: »Einen so aus dem schönsten Schlaf zu schrecken!« Sagte es, als wäre alles andere eine unerhebliche Selbstverständlichkeit, über die kein weiteres Wort zu verlieren sei. Eilsamer als sonst setzte er sich an den Tisch und mischte die Karten. Da er uns aber doch ansah, daß wir ihn fragen wollten, konnte er nicht anders.
»Ach, der alte Kasten! – Losbringen tu ich ihn auch nicht!« minderte er sein schönes verkommenes Schloß herab und erklärte rundheraus: »Mein Loch ist mir gut genug! – Ich will mir den Schützengraben schon gar nicht erst abgewöhnen, es kracht sowieso bald wieder–«
Das, so wollte es mir vorkommen, war wieder seine Melancholie, die hilflose Trauer über die Unabwendbarkeit des Schlechten und Bösen.
Quelle: Gelächter von aussen. Aus meinem Leben 1918–1933. München: List, 1994. Oskar Maria Graf Werkausgabe Band X. Seiten 441-43.
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Oskar Maria Graf. Gelächter von außen. Werkausgabe, Bd.10. München: List, 1994. Gebunden, 478 Seitengraf graf
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