| Oskar Maria Graf: Das Leben meiner
Mutter München: Desch, 1975 [1940; 1946]. 567 Seiten |
| Wer Oskar Maria Graf nur von Das
bayerische Dekameron her kennt und beurteilt tut ihm unrecht. Ähnlich
wie die nachkriegsdeutsche Literaturkritik mit Graf völlig daneben lag.
Zwar wurden seine Werke nach Kriegsende zahlreich aufgelegt (bei Exilautoren
unüblich), doch wurde er entweder ignoriert, in die derbe
Bajuwarenliteratur eingeordnet oder als Linksradikaler abgekanzelt. Dass seine
Bücher in der Sowjetunion und der DDR erschienen machte ihn
verdächtig. Er wurde als Sympathisant der Kommunisten klassifiziert und
hatte große Schwierigkeiten Manuskripte in der BRD zu
veröffentlichen (Schneider 1986, S. 161). Dabei ist Das Leben meiner Mutter ein Meisterwerk. Es erschien zuerst 1940 in den USA auf englisch und Thomas Mann lobte es ausdrücklich ( |
| Das Leben meiner Mutter spannt
den Bogen von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis Mitte der 30-iger Jahre des
20. Jahrhunderts. Wie der Titel vermuten lässt ist es eine Biografie der
Mutter Grafs, der Theres »Resl« Graf, geborene Heimrath. Es ist
aber auch eine Biografie seines Vaters, der zeitweise und lange im Fokus steht
und der gesamten Sippschaft. Zudem gelingt es Graf mit geschichtlichen
Einschüben eine Historie dieser Zeit von Ludwig II. bis zur NS-Zeit
schreiben. Zuletzt ist es eine Geschichte der bayrischen Volkskultur, die
ehrlich beschreibt, was auf dem bäuerlichen Land vor sich ging und wie der
Wandel abgelehnt, akzeptiert und übernommen wurde. Mit Das Leben meiner Mutter widerlegt Graf meine Theorie, dass ein spannendes literarisches Werk immer offene Fragen aufwerfen muß. Hier ist zwar zunächst die Frage, wie der Maxl seine Resl kriegt, aber das war es. Trotzdem stellt sich der Leser viele Fragen. |
| Resl Graf ist durch Erziehung und Umwelt enorm geprägt. Maxl nennt einen wichtigen Umstand: "Das Katholische, mein Lieber, das ist nicht umzubringen. Das bringt eher uns um" (S. 232). Kirche und Tradition sind der Grafschen Mutter alles. Sie arbeitet sich auf durch Frömmigkeit, Kirchgang, Arbeit und Sparsamkeit. Doch scheint sie es andrerseits so zu wollen. Auch als der Erfolg ihr es erlauben würde, eine ruhige Bahn einzuschlagen, werkelt sie weiter. Jede andere Lebensart ist ihr fremd. Der Eindruck, man müßte der Resl nur mal eine Reise nach Rom bieten, um ihr die Augen zu öffnen, trügt gewaltig, wie Graf überzeugend beschreibt. War so gesehen alles in Ordnung? Maurus: "Sie will gar nicht, dass es ihr einmal gut geht ... Unbegreiflich!" (S. 508) steht gegen Oskar: "wenn sie jetzt stirbt, hm, grausam sie hat gar nie richtig gelebt wie ein andrer Mensch" (S. 509). |
| Merkwürdig sind die knappen Worte,
die Graf für seine beiden Frauen: "... in einem Anflug von jähem Mitleid eine kranke, häßliche, weit ältere Frau geheiratet" (S. 456) "Im zweiten Stock, in einem winzigen Zimmer, schlief meine nunmehrige Frau, mit der ich seit langem zusammenlebte" (S. 494). Erst über 50 Seiten später erfährt der Leser aus dem Mund der Mutter deren Namen: Mirjam (S. 512). |
| "Wenn alle meine Bücher vergehen, dieses Buch schreibt mir keiner nach und dies Buch bleibt. Dös glaub' i bestimmt." Oskar Maria Graf über Das Leben meiner Mutter in der Dokumentation Erinnerungen an Oskar Maria Graf von Ray Müller, BR 1984 |
| Gerade zum
Einstieg in Grafs Werk ist Das Leben meiner Mutter sehr zu
empfehlen. |
| Anmerkungen |
| "Caedite eos; novit enim Dominus qui
sunt eius!" (S. 236), siehe
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| Bäckermeister Maxl Graf, Vater von O.M. Graf, lehnte die Verleihung des Hoflieferanten-Titels ab, da er sich nichts aus Titeln machte. Manfred Hummel: "Die königlich bayerischen Hoflieferanten", SZ 9.1.2006, S. 50 Das beschreibt Graf so: "Titel hatten seit jeher für ihn [Maxl Graf] etwas Lächerliches gehabt" (S. 269). |
| Die Bayerische Bibliothek (herausgegeben von Hans Pörnbacher und Benno Hubensteiner) bietet im 5. Band drei Auszüge aus Grafs Werk, darunter aus Das Leben meiner Mutter, S. 194-204 |
| Aus der Besprechung der USA-Erstausgabe: "Was den amerikanischen Leser betrifft, so bin ich überzeugt, dass jene Kritiker Recht haben, die sagen, dass kein anderes Werk in den letzten Jahren ein klareres und durchdringenderes Licht auf die jüngste deutsche Geschichte wirft und auf das, was im deutschen Wesen gut und echt ist, als Graf's Werk". Heinz Pol: "Leben meiner Mutter", Aufbau 6.47 (1940), S. 7 |
| "Sein Blick liegt auf Menschen und Dingen, volkhaft stumpf, wie es scheint, scharfsichtig in Wahrheit, verschmitzt, in verstellter Blödheit und lässt sich nichts vormachen, von keiner Seite". Thomas Mann zur englischsprachigen Ausgabe The Life of Mother, Aufbau 6.47 (1940), S. 7 |
| Literatur |
| Schneider, Sigrid 1986: "Zur Rezeption
Grafs im westlichen Nachkriegsdeutschland". In: Heinz Ludwig Arnold, Hg.:
Oskar Maria Graf. München: Edition Text & Kritik. S. 159-170.
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| Oskar M. Graf: Das Leben meiner
Mutter. List, 2002. Gebunden, 586 Seiten
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