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Graf
Josef Legath: Oskar Maria Graf
Ein Dichterporträt, auszugsweise im OMG Journal der Graf-Gesellschaft veröffentlicht
    Kommt man dem Starnberger See von Südosten her über dem am Zusammenfluss von Loisach und Isar gelegenen Wolfratshausen näher, so erreicht man bald den Marienwallfahrtsort Aufkirchen, in dem unser Klein-Oskar zur Kirch und Schule gehen musste. Am Ortsausgang, wo Straße und Gelände bergab zu seinem Geburtsort Berg und dem See führen, stellte man zu seinem 100. Geburtstag, dem Jahr 1994, eine von Bildhauer Max Wagner geschaffene Bronzeskulptur auf, bei der Graf auf seinem Exilkoffer sitzend in Lederhose, Trachtenjanker und breitkrempigen Trachtenhut auf seinem wahrlich bajuwarisch, bäuerlichen Quadratschädel grimmig, skeptisch und misstrauisch auf das Starnbergerseenland schaut, so als sollte er das kommende Elend schon erahnen.
Über Land und See ein letzter Blick
Für ihn gibt es nunmehr kein Zurück
In Amerika muss er hausen fern
Wer verliert schon seine Heimat gern.

Die Nazis trieben die Besten aus dem Land
Wenn man nicht trug braunes Gewand
So gings über Jahrzehnte, ihre beste Zeit
War oft der Verlassenheit, dem Einsamsein geweiht.
   Bedenkt man, dass Grafs Exilzeit, er schreibt des öfteren von Diaspora bzw. Diasporiten, länger währte als seine produktive Zeit in Deutschland, d.h. die in München, dann kann man ermessen, was für eine entscheidende Zäsur, dieses Weggehen für sein Leben bedeutete. Es war doch alles andere als einfach nur aus politischer Überzeugung seine Heimat, seinen deutschen Sprachraum zu verlassen. Unter Literaten und Künstlern aller Sparten gehörte er mit zu den Ersten, denen es unmöglich erschien, die von faschistischen und nationalsozialistischen Parolen infizierte Luft mitzuatmen. Graf erkannte von Anfang an, wohin Hitler-Deutschland steuerte: Beherrschung Europas durch Machtgehabe, Eliminierung der Juden und letztenendes kompromissloser „totaler” Krieg.
    Auch heute noch sind unterschiedliche Meinungen und Überzeugungen darüber zu hören, ob es richtig war aus Deutschland wegzugehen oder im Lande zu bleiben. Welche Lebens- und Schaffensmöglichkeiten verblieben den im Land Gebliebenen? Entweder man heulte ganz entschieden mit den Wölfen oder wählte vielleicht die innere Emigration oder den passiven Widerstand, was Aufführungsverbot oder Schreibverbot nach sich zog. Aktiver Widerstand hieß in jedem Fall Konzentrationslager, wenn nicht gar Tod. Dass man sich auch anders verhalten konnte, nämlich die „Segnungen” der Nazis zu tolerieren oder gar als Repräsentant Nazideutschlands in seinem jeweiligen künstlerischen Metier aufzutreten, zeigen uns u.a. die von Carl Zuckmayer verfassten Charakterstudien von in der Hitlerzeit herausragenden Persönlichkeiten, geschrieben 1943/44 im Auftrag der amerikanischen Regierung. Als alleiniges Beispiel für etliche andere sei hier der Fall Wilhelm Furtwängler aufgeführt: Er war zu damaliger Zeit der überragende Dirigent, wollte Bewahrung und Sicherung einer unabhängigen Kunst, seine Berliner Philharmoniker wie sein Publikum nicht allein lassen und musste schließlich doch erfahren, dass er von den Nazis instrumentalisiert und benutzt wurde. So nahm er das Auftrittsverbot ausländischer Solisten wie auch ein Berufsverbot seiner jüdischen Berliner Philharmoniker ohne große Gegenwehr in Kauf.
    Wie unbeschädigt und rein stehen doch demgegenüber ein Graf mit vielen anderen da, die beim Außerlandesgehen größte Schwierigkeiten und Strapazen auf sich nahmen, bis sie in einem demokratischen, friedliebenden Land Sicherheit für Leib und Leben erfahren durften. Ob nun seine Emigranten-Zeit in New York, 34 Hillside Avenue, - vom ersten bis zum letzten Tag seine gleiche Wohnung - eine glückliche war, lässt sich nicht sicher sagen, denn dazu kennen wir einige widersprüchliche Grafsche Aussagen. Gehen wir nach den Erfahrungen und der Alltagsbewältigung, die in seinem Roman Flucht ins Mittelmäßige einfließen, so spielt Bedeutungslosigkeit, Verworfensein und Anonymität eine große Rolle, verlorene, verspielte Zeit. Wie auch immer, einer Rückkehr nach Deutschland - er unternahm von 1958-1965 insgesamt vier Europareisen - war er nicht gänzlich abgeneigt, wiewohl ihn die politische Entwicklung des Adenauer-Nachkriegsdeutschlands doch anwiderte. Letztlich verbot ihm seine angeschlagene Gesundheit eine Umsiedlung nach Deutschland. Im Friedhof am Bogenhauser Kircherl fand er in einem Ehrengrab seine letzte Station.
Er war in seinem ganzen Leben
Nie Konformist
Mit Haut und Haar dagegen
Ehrlicher Pazifist
Auch vereinnahmen ließ er sich nie
Setzte stets ein seinen eigenen Esprit
    In unabänderlicher Festigkeit und Kompromisslosigkeit vertritt er, selbst wenn sie ihm persönliche Nachteile eintragen, seine Überzeugungen im Leben wie im Schreiben. Als höchstes bewahrenswertes Gut der Menschheit galt ihm stets eine absolute Gewaltlosigkeit, die ihre Bedeutung und ihr Gewicht aus zwei Quellen zu beziehen scheint: Einerseits aus der nur abschreckenden Wirkung einer rücksichtlosen oft mit Schlägen verbundenen Behandlung im Elternhaus durch seinen älteren Bruder Max, der Vaters Stelle sich herausnahm und zum Zweiten  nach Lesen russischer Prosa von Leo Tolstoi und Maxim Gorki die ihm in gewissem Sinne literarische Vorbilder werden sollten. Bei Tolstoi will Graf mit diesem übereinstimmende Charaktereigenschaften erkannt haben, die ihm wie ausgeprägte Seelenverwandschaft und persönliche Nähe erschienen. Die Welt hat sich zu ihrem Verderben für Nietzsche und gegen Tolstoi entschieden, so seine philosophische Aussage. Diese Hypothese ließ Thomas Mann gar einmal sagen, dass der erste Weltkrieg hätte vermieden werden können wäre Tolstoi zum Zeitpunkt des Kriegsausbruchs noch am Leben gewesen. Im Kriegsjahr 1915 zum Militär eingezogen, dauert es nicht lange bis seine absolute Ablehnung des idiotischen Soldatenspielens, des sinnlosen Kriegführens öffentlich wurde. Einbuchtungen wegen Befehlsverweigerung und
Ungehorsam waren die Folge. Schließlich wurde er nach einigen Monaten in Psychiatrie Ende 1916 als dienstuntauglich entlassen. Als die Nazis im Mai 1933, gerade waren sie ein Vierteljahr an der Macht, über die Deutsche Studentenschaft im ganzen Land, begleitet von einem beispiellosen Propagandaaufwand an Festreden, Treuegelöbnissen und Fackelzügen, das undeutsche, volkszersetzende Schriftgut zur Verbrennung freigaben, waren zu Anfang die Grafschen Bücher nicht auf der sogenannten schwarzen Liste. In einem flammenden Appell an die Machthaber verfasste dann Graf ein Protestschreiben mit dem Titel „Verbrennt mich”. Er habe diese Unehre nicht verdient, er will nie und nimmer einer ihrer Geistigen sein, verbrennt die Werke des deutschen Geistes, er selbst wird unauslöschlich sein wie auch eure Schmach! So schrieb u.a. Graf. Es dauerte dann noch ein knappes Jahr bis Graf, zusammen mit Albert Einstein und anderen die Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit erfahren mussten. Seine aufrichtige, edle Haltung ist auch aus vielen seiner Briefe herauszulesen. Mittellos im 38er Jahr in Amerika angekommen bemüht er sich noch im gleichen Jahr mit einer GAWA Initiative gefährdeten Literaten in Deutschland mit Geld und Affidavits zu helfen. Gleiches gilt auch für die aufrechte Einstellung Grafs gegenüber dem ungekrönten König des Exils Thomas Mann. Neben grenzenloser Verehrung und Bewunderung scheut sich Graf nicht für gewisse Aussagen Manns sein Missfallen auszudrücken. Trotzdem erwies Mann dem Provinzschriftsteller Respekt und Ehre  in einem Brief einmal gar mit der Anrede „lieber Herr Graf, prächtiger Mann!” Graf blieb sein Leben lang ein unerbittlicher Wahrheitssucher, einer dem alles Etikettenhafte, Aufgesetzte und Gespreizte ein Gräuel war. Den Honoratioren hat er es damit nicht immer leicht gemacht. Denken Sie nur an die Lesung 1958 im Cuvilliés-Theater, bei der er zum Entsetzen der feinen Damen und Herren in kurzer Wichs und Trachtenjoppe aufgetreten ist. Mit dieser Art von Provokation wollte er die Leut ganz bewusst herunterholen von Dünkel und Angeberei, so wie es ihm seine Menschlichkeit, seine Bescheidenheit und Unbestechlichkeit eingaben.
„Ich liebe doch, weiß Gott, woher das kommt, Gedichte über alles” (1947 Graf an Hesse)
    Angeblich soll Graf 1500 Gedichte geschrieben haben, wovon 400 Gedichte überliefert sind. Schon der letzte Titel eines Lyrikbandes „Ich schwebe von Dingen geschaukelt und lebe mich wund” (1990) zeigt eigentlich eine große Versponnenheit in die Sprache, ins Wort, das er ja so liebte. Imposante Wortzusammensetzungen und Wortneuschöpfungen sind in seinen Gedichten keine Seltenheit, wie z. B. „menschheitsdurstig”, „notunterjocht”, „elendsgehärtet”, „schicksalsgemeißelt”. Man empfindet seine Gedichte gedankenschwer, empfindsam, abenteuerlich, manchmal auch leicht unbeholfen. Angesprochen sind oft Herz und Seele, des Sentimentalen schämt er sich nicht. Wenn er sich auch einer hohen Qualität der Gedichte nie sicher war, im Gegensatz zu seiner Prosa, so kann man eines ganz gewiss sagen, sie mit Hingabe und Herzblut verfasst zu haben.
Als Beispiel dafür das Gedicht: "Heimat überall".
[Das hier aus Copyright-Gründen nicht wiedergegeben wird]
    Von Marcel ReichRanicki kennen wir die Aussage: „Man sollte den Roman in etwa so verfassen wie einem der Schnabel gewachsen ist; und das ist schwer."
OMG erfüllt diese literarische Forderung in hohem Maße und in hervorragender Weise. Als säße er am Wirtshaustisch und erzähle er seinen Stammtischbrüdern eine Geschichte nach der anderen, so seine Schreibweise. Lion Feuchtwanger charakterisiert sein Schreiben folgendermaßen: „Unsentimental wie seine Menschen sieht er die Welt, bildhaft und derb wie sie. Was er hinschreibt, steht da klar und fest wie die bayerischen Berge unter dem bayerischen Himmel.”
   Bei genauer Betrachtung des gesamten epischen Werks Grafs, stellt man fest, wie ungemein fleißig er war. An die 30 Bücher ohne seine Lyrikausgaben sind gut und gern zusammengekommen und meist dabei ziemlich umfänglich. Es wird immer wieder darauf verwiesen, dass Inhalt und Thematik seines Geschriebenen einem relativ engen Rahmen angehören. Dem kann nur bedingt zugestimmt werden. Dass dem Selbsterlebten und aus erster Hand Erzähltem die höchste und beste Authenzität, Lebendigkeit und Frische zu eigen ist, wird andrerseits unleugbar.
   Sein erster großer, durchschlagender Erfolg ist der autobiographisch angelegte Roman Wir sind Gefangene. Schonungslos und selbstkritisch schildert hier Graf die Zeit von 1905 bis Weltkriegsende 1918, einschließlich der Revolution 1918/1919. Diese nimmt, gemessen an Dauer und doch auch an ihrer geographisch leicht beschränkten Ausdehnung einen überdimensional breiten Raum in seinen Schriften ein. So finden wir umfangreiche Abhandlungen davon in Wir sind Gefangene wie in Unruhe um einen Friedfertigen und auch in seiner letzten Arbeit Gelächter von außen. Zwei Gründe mögen dafür maßgebend sein: eine grundsätzliche Sympathie für eine Volksherrschaft und Sozialismus, für die Überzeugung eines Gustav Landauer und dagegen Ablehnung einer Monarchie und einer Diktatur. Zudem gewährte ihm diese unruhige Zeit, selbst miterlebt, viel Stoff und Material für sein Schreiben.
   Im 28-er Jahr veröffentlichte Graf Das bayerische Dekameron – handfeste Geschichten, eine Art Bauernerotik, die ihm Bekanntheit und Geld einbrachte. Heute haben diese Erzählungen durch die allgemeine Libertinage viel von ihrer damaligen Wirkung verloren.
   Anschließend kommen die Kalendergeschichten heraus - eine Sammlung vorzüglicher Erzählungen, mit das Beste, was Graf geschrieben.
   Der seit etlichen Jahren eingestellte Fährbetrieb über den Inn, gelegen zwischen dem ehemaligen Dominikanerinnen-Kloster Altenhohenau, bekannt durch die hervorragende Innenausstattung der Peter und Paul Kirche von Ignaz Günther und dem Augsburger Freskanten Matthäus Günther und der am linken Hochufer herrlich gelegenen Stiftskirche Attel, war die traurige Endstation für unseren Romanhelden Xaverl Bolwieser in seinem irdischen Leben. Als Fährmann fristete er hier nach Entlassung aus dem Gefängnis sein Leben. Abgeschottet vom bunten und turbulenten Leben und Treiben seiner nahe gelegenen Kleinstadt, nur Wind und Wetter ausgesetzt, hatte er mit den Menschen abgeschlossen. Dabei hatte doch sein Leben, seine Verheiratung mit Hanni, einer begüterten und ausnehmend feschen Brauereibesitzertochter, einen so glücklichen und verheißungsvollen Anfang genommen. Aber seine groteske „Affenliebe” zu Hanni, verbunden mit immenser Eifersucht, ergaben unüberbrückbare Eheprobleme, die in Meineid, Verbüßung einer Haftstrafe, schließlich im totalen Absturz Bolwiesers gipfelten.
Wie Graf in den letzten Seiten seines Bolwieser diesen geschlagenen Mann zeichnet, ist große Darstellungskunst. Hat dieser Mann nicht in Wilhelm Müllers und Franz Schuberts Winterreisenden ein zutreffendes Vorbild, ein Ebenbild, dem selbst letzte Hoffnung abhanden gekommen?
    Eigenartig mutet an, dass hier Graf, dem ja klassische Musik lebenslang fremd blieb, in Worten eine unmittelbare ergreifende Nähe zu Schuberts schwärzesten Liedern gefunden hat.
   Der Roman Unruhe um einen Friedfertigen, fertiggestellt 1945, führt uns vom Ende des ersten Weltkriegs bis zum Beginn der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 in die bayerische Provinz. Die Landgemeinde Auffing mit ihrer bäuerlichen Grundstruktur und mit ihren Einwohnern dient dazu als glaubhafte Kulisse und lässt diese Zeit lebhaft und ungeschminkt wiederauferstehen. Wenn einer auch glauben mag eine Örtlichkeit weit ab vom Weltgeschehen und den politischen wie wirtschaftlichen Ereignissen und Änderungen könnte in seiner gehabten Unberührbarkeit und bäuerlichen Behaglichkeit unversehrt bleiben, der unterliegt einem schweren Irrtum: So waren die nur kurze Zeit aufflackernde Revolution, die Inflationszeit und dann besonders das allmähliche Stärkerwerden der braunen Nazihorden doch spürbar und hinterließen deutliche Spuren im Leben und Miteinander der Menschen. Neben den Bauersleuten, die ihrem eigenen Vorteil folgend, teils mit großer Sympathie das Aufkommen der Nazi verfolgten, teils aber auch mehr als kritisch der neuen Bewegung gegenüber, steht der Schuster Julius Kraus im Mittelpunkt der Handlung: Einer der in Ruhe und Frieden leben will, der allen möglichen Schwierigkeiten durch seine Zurückgezogenheit und nur auf seine Arbeit ausgerichtetes Leben aus dem Weg zu gehen trachtet. Die angebrochene neue Zeit erlaubt ihm diesen ehrlichen, bescheidenen Wunsch nicht. Amtlicherseits wurde seine jüdische Rasse bekannt, damit war diesen Nazischlächtern jedes Mittel recht ihn zu diskriminieren, zu verfolgen und schließlich in den Tod zu treiben.
   Nun aber zu seinem Opus Magnum Das Leben meiner Mutter, deutsche Erstausgabe 1946. In seinem Vorwort führt Graf den Psalm 90, Vers 10 an, bei dem neben dem ungefähr erreichbaren Lebensalter von Mühe und Plage die Rede ist. Siebenundsiebzig Jahre währte das Leben der Graf-Mutter und war gleichbedeutend mit Arbeit und nochmals Arbeit. Wer elf Kinder zur Welt bringt, die Arbeit in Haushalt und Bäckereigeschäft tagtäglich auf sich nimmt und dabei noch mit bewundernswerten Gleichmut die Streitsüchtigkeit der übrigen Familienmitglieder einzudämmen versucht, der muss wohl irgendwoher die dazu nötige Kraft und Beharrlichkeit schöpfen können. Bei Grafs Mutter dazu den Schlüssel zu finden dürfte kein großes Geheimnis darstellen. Ihre fast bigotte Frömmigkeit, ihr bedingungsloser Glaube, nichts hinterfragend oder in irgendeinen Zweifel ziehend, half ihr sicher in hohem Maße das Leben in Anspruchslosigkeit und Zufriedenheit zu leben. Weit entfernt von jeglicher Heroisierung oder Einmaligkeit der Mutter schildert Graf eindringlich das gleichlaufende Leben der Mutter, ihre Umgebung mit der ganzen Familie und den näheren Bekannten und was sich im Starnbergerseenland so alles ereignet. Das Buch trennt sich in 2 große Abschnitte: in Menschen der Heimat und Mutter und Sohn. Im weitausholenden, ersten Abschnitt wird das Herkommen der Graf-Familie wie auch das der
Heimrath-Familie, das Zuhause der Graf- Mutter ausgebreitet, wie auch das ganze Geschehen in und um Berg, in dem der Märchenkönig Ludwig II. Glanz wie böses Ende erlebte. Im zweiten Teil wird das Grafsche Familienleben mit der arbeitsamen und unerschütterlichen Mutter einprägsam vorgestellt. Mit diesem unfangreichen Werk setzte Graf allen sich hingebenden und aufopfernden Müttern ein bleibendes literarisches Denkmal.
   Was kommt noch nach diesem Roman? Der verunglückte Roman Die Erben des
Untergangs
Gelächter von außen, eine seiner letzten Arbeiten, vergleichbar mit Wir sind Gefangene, nur anekdotischer und mit gewissen Unernst des Alters verfasst und schließlich noch Gedichte. Der im Jahr 1959 veröffentlichte Roman Flucht ins Mittelmäßige stellt noch eine wichtige, literarisch wertvolle Aussage und Station im Werk Grafs dar. Die Kritiken über dieses Werk gehen zwar vom übelsten Verriss bis zu euphorischen Lobeshymnen. Er selber aber äußerte einmal gegenüber Alfred Andersch, dass es doch ein guter, ein wichtiger und wahrscheinlich einer der wenigen Romane ist, die über Mentalität und Wesen von Emigranten gültig berichten. Wie wahr! Das Ausderbahngeworfensein und ins ungewisse Abseits katapultiert und abgeschoben wird mit dem im Mittelpunkt der Handlung stehenden Diasporiten-Stammtisch signifikant; hier treffen sich im sogenannten Kumian-Kreis die „Auserwählten" und verbreiten ihre Egoismen und Eitelkeiten, vorndran der Hauptdarsteller Martin Ling, schon im gewissem Grade Graf in eigner Person, da auch Ling sich als der sperrige, eigensinnige Geschichtenschreiber ausweist. Seine Erzähllust wie Erzählwitz  und Erzählkunst kommen gerade in diesem Buch nochmals stark zum Ausdruck, als wollte er seine ersten literarischen Bauerngeschichten wieder heraufbeschwören.
    Neben den angesprochenen Romanen, die im Ouvre Grafs mit zu den wichtigsten gehören, wollen wir seine Essays, die im Titel An manchen Tagen zusammengefasst sind, nicht vergessen. Hier zeigt sich ein neuer Graf, einer, der mit sicherer Hand, mit fundiertem und klarem Hintergrundwissen seine Abhandlungen vorstellt. Ob er dabei über Ludwig Thoma und sein Werk einfühlsam und bewundernd schreibt, ob er tiefsinnige Gedanken über Bildung ausspricht oder in seinen Totenreden für Gorki und Thomas Mann seine Leidenschaft und Verehrung für diese ihm nahestehenden Schriftsteller zum Ausdruck bringt, immer wieder erstaunt die bis heute anhaltende Gültigkeit und Aussagekraft dieser Aufsätze.
    Bei der Frage, was für ein Mensch Graf letztlich war, ein halbherziger Revolutionär, ein bedeutungsloser Pazifist, ein nur auf den persönlichen Vorteil ausgerichteter, geschäftstüchtiger Spekulant oder gar wie vorher gesagt ein ehrlicher Helfer in der Not, wahrscheinlich das eine wie das andere. Aber was wirklich wahr ist, er wollte schreiben, schreiben und nochmals schreiben. Alles andere war dem absolut untergeordnet.
© Josef Legath; Hervorhebungen: H.H.
Graf Anfang

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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 2.11.2007