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Graf
Josef Legath: Wie Kolbermoor in die Weltliteratur kam. Oskar Maria Graf machte einen Zeitsprung
Der Bezug Oskar Maria Grafs zu Kolbermoor
   Oskar Maria Graf (1894 bis 1967) darf mit Recht neben Ludwig Thoma und Lena Christ auch heute noch als einer der wichtigsten bayerischen Schriftsteller angesehen werden. Neben seinen vielen hauptsächlich im bäuerlichen Milieu angesiedelten Erzählungen, die schnörkellos und unverblümt in kraftvoller Sprache das Leben und Tun der Bauernbevölkerung glänzend charakterisieren, sind in seinen Romanen klare Bekenntnisse zu Sozialismus und Pazifismus zu erkennen.
   Dass ihm jegliche Form und Art von diktatorischen Tendenzen ein Greuel waren, bewies er – dem die oberbayerische Heimat so viel bedeutete – mit seiner Emigration bereits im Jahr 1933.
Oskar Maria Graf wurde mit seinem Bekennerroman Wir sind Gefangene aus dem Jahr 1927 – in viele Sprachen übersetzt – von seinen berühmten Zeitgenossen Thomas Mann, Rainer Maria Rilke und Lion Feuchtwanger hochgeachtet und anerkannt, weshalb die Bezeichnung Weltliterat nicht zu hoch gegriffen erscheint.
   Nun aber zur eventuellen Klärung der Aufdeckung der Überschrift: Die erste Erzählung aus der Sammlung Kalendergeschichten, erschienen 1929 – sie gehören mit zum Besten, was Graf geschrieben hat –, führt den Titel „Der Triumph der Gerechten". In dieser Erzählung werden die furchtbaren entbehrungsreichen Jahre während des Dreißigjährigen Kriegs heraufbeschworen. Dem armen, bisher absolut geduldigen Bauernvolk, dem Hof und Land angezündet und geplündert werden, reißt die Geduld. Sie rebellieren gegen die rohen Schwedenhorden wie auch gegen räuberische, kurfürstliche Soldateska. Links und rechts vom Inn kamen sie in großer Zahl zusammen: Vom Teisendorf–Traunsteinischen, aus der Rosenheimer Gegend und – man höre und staune von Kolbermoor, von Miesbach und aus dem Tölzischen. Eine drei-, viermalige Erwähnung Kolbermoors deutet unzweifelhaft auf ein Herausheben des Namens Kolbermoor durch den Autor hin. Warum, weshalb diese Erwähnung? Kolbermoor erlebte seine Gründung doch erst rund 250 Jahre nach diesen Kriegsgeschehnissen.
   Anachronismus ist in der Literatur ja nichts Ungewöhnliches und doch scheint mir ein spezieller Grund für diese Kolbermoor–Erwähnung gegeben zu sein: Die Revolution 1918/19 war für den jungen Graf sicher kein unfreudiges Ereignis. Da Kolbermoor bei der Auseinandersetzung zwischen den Weißgardisten (vielleicht übersetzbar mit rechtsgerichtetem Establishment) und den Rotarmisten (zuerst SPD und USPD, später Kommunisten) eine der letzten Bastionen im Oberbayerischen war, sah Graf hier offenbar anerkennend den Einsatz der Arbeiter für Revolution und staatliche Neuorientierung. In diesem Sinne könnte die Kolbermoor–Erwähnung als bescheidene Auszeichnung für diesen Ort und diese Menschen gedeutet werden.
   Bei eventueller Neuauswertung von Straßen stünde es der Stadt Kolbermoor gut an, an eine Oskar–Maria–Graf–Straße zu denken.
© Josef Legath; Hervorhebungen: H.H.
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 2.11.2007