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Mechtilde Lichnowsky
Lichnowsky, Mechtilde. Kindheit
Berlin: S.Fischer, 1951. 249 Seiten – lichnowsky Autorenseite Lichnowsky
Nachdem ich Delaide mit Freude gelesen und den Websurfern hier empfohlen habe, nahm ich gespannt das bekannteste und gelobte Werk der Lichnowsky Kindheit zur Hand. Gleich vorab: ich wurde enttäuscht.
Bis Seite 131 mußte ich gut beobachtete, aber stilistisch fragwürdige und wenig aufregende (im Vertrauen: langweilige) Kindheitserlebnisse ertragen. Zugegeben: immer wieder blitzte die scharfe Beobachtungsgabe und gelegentlich gute Formulierungskraft der Autorin hervor. Ein Beispiel vom etwa zehnjährigen Michael: "Dann und wann wurde Karten gespielt, und die Kinder mußten sich genau an Regeln und Sitten halten, an absolute Ehrlichkeit und richtige Haltung der Hände. Wenn aber Michael sah, daß er gewinnen würde, konnte er nicht mehr sitzen, sondern spielte seine letzte Karte stehend aus, vom Glück überwältigt." Gut geschildert, doch – so finde ich – etwas wenig für die erste Hälfte der Kindheit. Zumal auch so Sätze zu ertragen sind wie: "Der Hund wird unwillig herausgerufen" (9). Absehen davon daß der Hund hinausgerufen wird: wer war unwillig: der Rufer? der Hund?
Überraschend in dieser ersten Hälfte des Romans war die Szene, wo die Kinder im Wald einen Erhängten baumeln sehen. Was macht die Mechtilde daraus? Eine psychologische Szene mit der Lehrerin: "Zu Hause angekommen, sprach niemand. Aber einige Tage später deklamierte Agathe in gewählter Sprache: «Im Wald hat sich ein Mensch ...» Fräulein Grain unterbrach sie heftig, aber Agathe vollendet den begonnenen Satz: «erhängt», nicht aus Eigensinn, sondern weil es ihr unmöglich war, im Ablauf einer von ihr eingeleiteten Bewegung innezuhalten". Sonderbar. Der Erhängte wird nie hinterfragt oder gar aufgeklärt. —
Dann kommen die Schwestern Christiane (13) und Henriette (14) ins Internat nahe dem Bodensee und die Geschichte erhält psychologische Schliff und Spannung. Christiane verliebt sich in eine der Lehrerinnen und die Autorin zeigt ihre psychologische Stärke.
Meine Empfehlung: man steige – wenn überhaupt – mit der Lektüre genau auf S.131 ("Als Christiane dreizehn und Henriette vierzehn Jahre alt geworden waren, wurde beschlossen, ...") ein.
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Lichnowsky   Mechtilde LichnowskyMechtilde Lichnowsky: Kindheit. Großdruck. Frankfurt am Main: Fischer, 2000. Taschenbuch - 315 Seiten Lichnowsky
Britta Jürgs: Wie eine Nilbraut, die man in die Wellen wirft. Portraits expressionistischer Künstlerinnen und Schriftstellerinnen. Berlin: Aviva, 1998. Gebunden, 315 Seiten.Mechtilde Lichnowsky

Lichnowsky Mechtilde
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 22.3.2001