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Glötzner
Johannes Glötzner: Der Mohr
Leben, Lieben und Lehren des ersten afrikanischen Doctors der Weltweisheit Anton Wilhelm Amo. Dößel (Saalkreis): Stekovics, 2003. 221 Seiten. Fotograf: Janos Stekovics
Dazu das Sachbuch: Mohr Glötzner, Johannes: Anton Wilhelm Amo. Ein Philosoph aus Afrika im Deutschland des 18. Jahrhunderts. München: Edition Enhuber, 2002. 30 Seiten – Mohr Literatur
Innerhalb einer Rahmenerzählung – Herman Frobenius findet in der Villa seines Bruders Leo Frobenius eine Schachtel – erzählt Anton Wilhelm Amo Afer sein Leben. Wie bei den ersten Autobiografien der Literatur üblich (berühmtes Beispiel: Frederick Douglass: Narrative of the Life of Frederick Douglass, An American Slave, Written by Himself, – Mohr Rezension) mit dem versichernden Zusatz: "von ihm selbst zu Papier gebracht" (S. 6). Noch mehr Zusammenhang besteht mit der Autobiografie Olaudah Equiano: The Interesting Narrative of the Life of Olaudah Equiano, or Gustavus Vassa, the African (Mohr Rezension).
Gustavus Vassa kam wie Amo nach Europa und führte ein eher privilegiertes Leben.
Amo kommt mit etwa 4-5 Jahren nach Wolfenbüttel, wird bevorzugt erzogen, studiert und habilitiert sich. Er wird später aus verschiedensten Gründen verleumdet und gemobbt (S. 201f). 1746 kehrt er nach Afrika zurück.
Johannes Glötzner macht aus diesem Lebensbericht ein detailreiches Gemälde oder besser: Fotografie der Zeit. Er häuft Informationen in jeden Satz. Keine Person tritt auf, die nicht speziell vorgestellt wird, beispielsweise mit dem Titel ihres letzten Buches und den Zusammenhang mit anderen Personen. Zu den 200 Seiten Text gibt es ein elfseitiges Personenverzeichnis. So wird Der Mohr zu einem gelehrigen Geschichtsbuch, auf Amos Reisen auch zum Stadtführer. Ich persönlich habe mit historischen Abhandlungen unter dem Titel "Roman" Probleme (siehe Marguerite Yourcenar: Ich zähmte die Wölfin -Die Erinnerungen des Kaisers HadrianMohr Rezension), kann ich doch in diesen Werken nicht Fakt von Fiktion auseinanderhalten. Das ist hier besonders gegeben. Einerseits zeigt der Untertitel "Roman" die Fiktion an, andrerseits sind viele Fakten historisch belegt, wieder einerseits las ich in Glötzners Rede: Anton Wilhelm Amo, daß vieles aus dem Leben dieses Philosophen verloren gegangen ist.
Anton Wilhelm Amo wird zum aufgeklärten Europäer des 18. Jahrhunderts, der mit den Größen seiner Zeit (nur ein Beispiel: Gottfried Wilhelm Leibniz) auf derselben Augenhöhe diskutiert. Doch bietet sich Amo zu sehr idealisiert an. Er ist natürlich gegen Rassismus, aber auch sonst gerecht, wissenschaftlich redlich, judenfreundlich, vorurteilsfrei und religiös unabhängig. Da spricht aus Amo doch gelegentlich sein Autor, so zu Giordano Bruno (bruno Giordano Filippo Bruno):
"Verbrennen ist kein Argument! War es nie und wird es nie sein! Und Ideen kann man schon gleich gar nicht verbrennen! Man kann sie höchstens entflammen!" (S. 153)
Stilistisch trifft Glötzner die zu vermutenden Schreibweise eines gelehrten Amo gut. Er hat wenig Sinn für höfische Einzelheiten, sondern hat mehr Interesse an den Hintergründen der europäischen Geisteshaltung seiner Zeit und gibt ausgezeichnete Analysen, zum Beispiel zu Daniel Defoe: Robinson Crusoe (Mohr Robinsonliteratur), von dessen Verfasser er herausfindet: Defoe war Flugschriftenverfasser der Sklavenhandels-Firma African Company (S. 92). Dabei wird aber Defoes Eintreten für politische und religiöse Freiheit unterschlagen.
Ein Beispiel zur Faktenüberprüfung. Glötzner alias Amo schreibt: "So haben allein im Jahr 1536 Augsburger Kaufleute 4000 afrikanische Sklaven nach Amerika transportiert" (S. 83). Das erschien mir im 5. Jahrzehnt nach Kolumbus doch zu stark und rasch. Die Mayflower landete erst 1620, zu Beginn der Kolonisation wurden die Indianer versklavt. Eine Überprüfung ergab die Richtigkeit.
"Las Casas ... wiederholte 1517 die Forderung, die Indios zu schonen und sie durch Neger zu ersetzen. Später hat er seinen Vorschlag bereut, als er erlebte, welchem Elend diese schwarzen Sklaven entgegenfuhren, und als ihm klar wurde, daß diese Schwarzen sowenig wie die Indios in einem » gerechten Krieg« erbeutet worden waren. Zunächst aber hatte Las Casas mit seinem Vorschlag Erfolg. Die Zahl der zu importierenden Negersklaven wurde auf viertausend festgesetzt."
Hugo Loetscher: "Bartolomé de Las Casas", in: Humanismus, Renaissance und Reformation. Kolonisation, Kaufleute, Erfinder. Frankfurt 1983, S. 159
Insgesamt ist Der Mohr eher eine fiktive Autobiografie für den Kenner und Spezialisten des 17. Jahrhunderts. Der wißbegierige Laie wird zu sehr mit Fakten erschlagen und muß querlesen.
Glötzner, Johannes: Anton Wilhelm Amo. Ein Philosoph aus Afrika im Deutschland des 18. Jahrhunderts.
München: Edition Enhuber, 2002. 30 Seiten
Für seinen Roman Der Mohr beschäftigte sich Johannes Glötzner ausgiebig mit dem Mohren Anton Wilhelm Amo. Die Broschüre Anton Wilhelm Amo enthält seinen Vortrag anlässlich der 500-Jahrfeier der Universität Wittenberg-Halle am 27. Juni 2002 in Halle.
Anton Wilhem Amo kam ca. 1703 im heutigen Ghana zur Welt und kam als Geschenk der holländisch-westindischen Gesellschaft über Amsterdam an den Hof der Herzöge von Braunschweig-Wolfenbüttel. Das Verschenken von schwarzen Kindern als Sklaven oder Musikanten war in der Zeit des Absolutismus (17. und 18. Jahrhunderts, nach der Phase des Frühabsolutismus, 15. und 16. Jahrhundert) an den europäischen Fürstenhäusern verbreitet. Insofern gibt es eine erstaunliche Parallele zum Schicksal von Olaudah Equiano, dessen Autobiografie The Interesting Narrative of the Life of Olaudah Equiano, or Gustavus Vassa, the African 1789 erschien (amo Rezension).
Freilich hatte Anton Wilhelm Amo einen ungleich besseren Start. Er durfte in Halle Jura und Geschichte studieren. Nach seiner verschollenen Dissertation De jure Maurorum in Europa studierte er Medizin und Philosophie an der Universität Wittenberg und schloß hier mit der Dissertation De humane mentis apatheia ab. Nach seiner Zulassung als Philosophiedozent 1736 an der Universität Halle und später in Jena bekam er es mit der Buhlerei um Studenten, zwischen Kollegen und um eine Frau zu tun. Irgendwann fuhr er zurück an Afrika. Näheres ist nicht bekannt: außer einigen Schmähgedichten auf Amo, die in Deutschland erschienen.
Links
Rolf Cantzen: Anton Wilhelm Amo. Ein versklavter Schwarzer lehrt Philosophie. BR2, 9.11.2016
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Literatur
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mohr JohannesJohannes Glötzner: Der Mohr. Leben, Lieben und Lehren des ersten afrikanischen Doctors der Weltweisheit Anton Wilhelm Amo. Dößel (Saalkreis): Stekovics, 2003. 221 Seiten. Fotograf: Janos Stekovics
Dasselbe Motiv behandelt der nachfolgende Roman:
barnes barnesHugh Barnes: Gannibal. The Moor of Petersburg. Profile 2006. Taschenbuch: 256 Seiten barnes
Hugh Barnes: Der Mohr des Zaren. Eine Spurensuche. München: Knaus, 2007. Michael Müller , Übs. Gebunden, 432 Seiten.barnes
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