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Josef Martin Bauer
Josef Martin Bauer: Die Nacht vor der Auferstehung (Novelle)
In: Das Mühlrad. Beiträge zur Geschichte des Inn- und Isengaues.
Hg.: Heimatbund Mühldorf. Mühldorf, 2002. S. 97-144 – AutorLinksLiteratur
Der Soldat Ferdinand Molinäus (bauer Joachim du Moulin) verlässt kurz vor Kriegsende seine Truppe an der sich zurückziehenden Front und gelangt an einem nebligen Morgen zu einem verlassenen Gutshof. Das Essen ist dort noch aufgetafelt und Ferdinand bedient sich. Da taucht Susanne, die Tochter des Gutsbesitzers auf. Ihr Vater wurde vorgestern von den Deutschen auf dem Rückzug hingerichtet. Susanne bietet ihm an zu bleiben und sich dem Feind als Gutsbesitzer auszugeben. Der Plan wird erschwert, da weitere deutsche Soldaten Zuflucht finden. Die ankommenden Amerikaner trauen den Lügengeschichten nicht und behandeln die Männer als Gefangene und Freischärler ...
Stil
Die Novelle klingt streckenweise durch Satzstellung und Wortwahl ("Die böse Stille zerfiel am Echo eines Schrittes, ...", S. 100; "Florian Denk, der nur über etliche beweisbare Schlußfolgerungen des Lebens verfügte ...", S. 130) gestelzt und nimmt legendenhaften Charakter an. Dies wird durch einige Handlungsumstände verstärkt. Der Vater Susannes wurde zwei Tage zuvor von den eigenen Landsleuten ermordet, die Tafel im Gutshof scheint eben erst unterbrochen, der Rotwein ist noch fein temperiert (S. 102). Die Novelle gipfelt in einer Reihe von unerhörten Begebenheiten, die zahlreiche Assoziationen wecken.
Parabel
Nicht nur der Titel Die Nacht vor der Auferstehung verweist auf das Jüngste Gericht und damit auf die Bibel. Das verlassene Mahl erinnerte mich an das letzte Abendmahl. Die neu ankommenden Soldaten, denen gegenüber Ferdinand bereits als Gutsbesitzer auftritt, erinnerten mich an ein eigenes Erlebnis im Karwendel.
Kurz vor einem heftigen Gewitterregen fand ich Zuflucht in der noch winterfesten Ochsenalm und richtete es mir – ich war auf einer Mehrtageswanderung im Vorkarwendel – dort häuslich ein. Andere hatten weniger Glück: nachdem die Sonne wieder glänzte und ich vor der geräumigen Hütte stand, fragten sie im triefenden Regenumhang, wo es zur Tölzer Hütte gehe.
Jesus wurde für ein paar Silberlinge verraten. Der Autor fragt, warum und wie Susanne im Gutshof verbleiben war: "Wollte sie vielleicht sich auf weibesart loskaufen gegen jene Münze, die unter Soldaten die marktgängigste ist?" (S. 129).Bauer vergleicht die Männer auf dem Gutshof mit Martinus und Simon aus Kyrene (S. 122; Martin von Tours [316/317 Sabaria (heute Szombathely, Ungarn) – 8.11.397 Candes (heute Candes-Saint-Martin, Département Indre-et-Loire)], Soldat, der sich mit 18 Jahren taufen ließ, aus der römischen Armee ausschied und in Ligugé das erste Kloster auf gallischem Boden gründete; zu Simon von Cyrene vgl. Mt 27,32; Mk 15,21). Auch das letzte Wort der Novelle gibt einen Hinweis auf das Jüngste Gericht (bauer Anakatastasis) an dem der "für alle gültige Posaunenruf" erschallen wird ("Gottes Posaune", 1 Thess 4,16). Dort erst wird letztgültig gerichtet werden. Wer wie ich nicht alles deuten kann, mag sich trösten:
Wer diese Novelle liest und nichts über Bauers Lebensumstände während der Zeit des Dritten Reiches und der Zeit kurz danach weiß, wird vermutlich keine der verschlüsselten Handlungen und Hinweise verstehen. (Steinbichler, S. 80)
Bauer wurde im Herbst 1946 durch eine von der amerikanischen Militärregierung eingesetzte Spruchkammer zur Entnazifizierung der Deutschen verurteilt (Steinbichler, S. 80). Die Amerikaner befreiten die Deutschen und stuften in verschiedene politische Kategorien ein. Bauer sah sich dadurch und sicher auch durch die später aufkommende Diskussion über seine Haltung im Dritten Reich zu unrecht verurteilt.
Merkwürdigkeiten
Manches mag in dieser Novelle unglaubhaft klingen. Susanne erzählt dem flüchtigen Soldaten vom ermordeten Vater mit dem Zusatz: "ich glaube, ich habe ihn nicht geliebt" (S. 105). Wer würde so etwas überhaupt gestehen und dann erst recht beim ersten Gespräch mit einem wildfremden Menschen?
Ferdinand "gab, ganz der Herr, der Dame zu wissen, daß er Ferdinand Molinäus heiße" und sie antwortet mit: »Ich bin Susanne, ...« (S. 104). Das entgleitet dem Autor fünf Seiten später: »Ich heiße Susanne – und Sie?« »Ferdinand« (S. 109).
Mir fiel ein merkwürdiger Tempuswechsel der Zeitabläufe auf. Da erzählt der Autor behutsam eine stimmungsvolle Szene und beschleunigt dann das Geschehen, um es dann wieder zu verzögern.
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Molinäus erinnert vielleicht an
Pierre du Moulin, genannt Molinaeus, * 16.10. 1568 als Pfarrerssohn auf Schloß Buhy en Vexin bei Mantes, † 10.3. 1658 in Sedan oder dessen Vater. Molinaeus' Vater, Joachim du Moulin, fand im 3. Religionskrieg 1568 Zuflucht im Schloß Buhy. Er war Prediger in Soissons, als er in der Verfolgung der Bantholomäusnacht 1572 wieder fliehen mußte. 1592-98 lehrte Pierre du Moulin als Professor der Philosophie und der griechischen Sprache an der Universität in Leiden. "Ferdinand Molinäus war philosophierender Gemahl" (S. 121). heimatbundDu Moulin (Molinaeus), Pierre
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Anakatastasis
das letzte Wort der Novelle
ana- griechische Vorsilbe: wieder, zurück , auseinander
kata- griechische Vorsilbe: herunter
Katastasis, Aufstellung, Vollendung der Verwicklung vor der Katastrophe (besonders im Drama)
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Links
bauer Josef Martin Bauer
heimatbundGeschichtsverein Heimatbund Mühldorf
Literatur
Steinbichler, Josef: "Josef Martin Bauer; ein Schriftsteller im Nationalsozialismus", in: Das Mühlrad. Heimatbund Mühldorf, Hg. Mühldorf, 2002. S. 79-96
bauer bauerJosef Martin Bauer: Die Nacht vor der Auferstehung (Novelle) In: Das Mühlrad. Beiträge zur Geschichte des Inn- und Isengaues. Hg.: Heimatbund Mühldorf. Mühldorf, 2002. S. 97-144
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Josef Martin Bauer
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