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Bauer
Josef Martin Bauer: Kranich mit dem Stein
Berlin: Deutsche Buch-Gemeinschaft, 1962. 781 Seiten – AutorLinksZitate
Nach seinem weltweiten Erfolg von So weit die Füße tragen (1956) folgten die Romane Der Sonntagslügner (1957) und Kranich mit dem Stein (1958). Im "Kranich", dem Opus magnus, meißelt Bauer auf fast 800 Seiten das Leben eines Kardinals, der gewisse Züge des Erzbischofs von München und späterem Kardinal Michael von Faulhaber trägt. Bauers Protagonist Martin Petuel kommt aus bescheidenen Verhältnissen und erhält – wie Faulhaber 1921 – das Namensprädikat "von".
Martin Petuel erlebt seine Kindheit mit vielen Geschwistern in Leutgang und besucht das klösterliche Seminar in Hallgarten. Das Einstiegskapitel beschreibt geschickt den Unfalltod eines Mitschülers und die Reaktion darauf. Petuel ist ein guter Schüler und geht seinen Bildungsweg weiter, unterbrochen von einem Tuberkulosebefall, den er anscheinend gut übersteht. Nach dem Studium der Theologie und Studienaufenthalt in Rom erhält Petuel die Priesterweihe und kleine Aushilfsstellen. Er ist fleißig, aber unauffällig. Es gelingt dem Autor zu zeigen, wie ein mittelmäßiger Schüler durch Protektion in eine großartige Laufbahn gerät und an den gestellten Aufgaben charakterlich wächst, anderseits sich anpasst. Schon dem Schüler Martin wurde Hochmut bescheinigt, der Bischof Petuel hat schnell herablassende Allüren, auch wenn Bauer bemüht ist, gelegentlich die Leutseligkeit des Bischofs zu betonen. So wird Petuel kraft seines Amtes eigensinnig, widerspenstig und arrogant. Für den Außenstehenden ist die Unterwürfigkeit innerhalb der katholischen Hierarchie nach oben (Ringkuß, Kniefall usw.) und die Arroganz nach unten (Anrede mit Exzellenz, Wartenlassen der "einfachen" Pfarrer, usw.) auffällig bis abstoßend. Dies setzt sich ja auch außerhalb der Hierarchie fort. Man untersuche nur mal, das fast schon abartige Verhältnis seiner Exzellenz Petuel zu seinen Geschwistern. Martin Petuel werden hellseherische Fähigkeiten zugeschrieben (S. 471) und etwas später sein Verhältnis zu den anscheinend weit verbreiteten Prophezeiungen des Mühlhiasl diskutiert (S. 498-500; Mühlhiasl Mühlhiasl). Hier wird versucht, Petuels Überhöhung durch einen außergewöhnlichen Wesenszug rational zu begründen.
Ob Petuels Karriere vom Mittelmaß zu hohen katholischen Würden typisch ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Immerhin gibt es dazu das Bonmot, daß bäuerliche Familien gerne einen Sprößling als Priester sehen wollten. Sie wählten dazu denjenigen aus, der für die Bauernarbeit zu kurzsichtig oder zu dumm war.
Dabei verdankt Petuel seine Berufung zum Bischof (auf Vorschlag des Königs) einer der spannendsten Episoden des Romans. Ein Mörder beichtet seine Tat Martin Petuel; unter Wahrung des Beichtgeheimnisses will Martin ein Todesurteil an einem Unschuldigen verhindern. Der zunächst die Begnadigung ablehende König gewährt sie doch und erfährt später, daß ihn Martin Petuel vor einem irreparablen Justizirrtum bewahrt hatte.
Die Zeithinweise (die sich in etwa mit Faulhabers Lebensspanne decken) sind zunächst spärlich, häufen sich aber ab dem Ersten Weltkrieg. Bauer setzt mit den Päpsten Leo, Benedikt und Pius zeitliche Marksteine oder auch mit der Schilderung der verheerenden Spanischen Grippe von 1918 (S. 342-44), die auch Martin Petuel befällt. Das erste konkrete Datum, 12. Februar 1929, nennt der Autor auf Seite 529. Mit dem Ersten Weltkrieg und dem stärkeren Zeitbezug gewinnt der Roman an Brisanz. So wird der Hitlerputsch (S. 505), die Action Française (S. 537; action Action Française) und vieles mehr einbezogen.
Stil
Josef Martin Bauers Stil ist sperrig bis geschraubt und metaphernreich. Ein Beispiel:
Als der Bischof aber den jungen Priester erst einmal in Prüfung genommen hatte, nicht etwa um zu erfahren, wie hoch der Tornister dieses Fahnenjunkers aus Rom mit Wissen und Gelehrsamkeit bepackt war, fand er Vergnügen an dem herrlich exerzierten Klingenwechsel, denn es blieb nicht nur der Takt zu bewundern, mit dem dieser wie zum Fechten ganz eng gekleidete Kavalier die Treffer lediglich mit einem leisen Antupfen markierte, sondern mehr noch die tief unterbaute Gläubigkeit, in die alles Wissen aus den römischen Jahren nur unter der einzigen Zweckbestimmung eingegossen schien, bis in die letzten Poren alles zu schließen und zu durchdringen, bis jeder noch so hohe Turm darauf sicher stand. S. 137-38
Die Satzkonstruktionen widersprechen oft dem Fluß der Sprache, wenn Bauer das Objekt hinter das gesamte Prädikat stellt. Gelegentlich erfolgt ein ungrammatiklischer Subjektwechsel innerhalb eines Satzes (z. B. "... sagte ihm der Wärter, ... aber er fragte ...", S. 694; "er" ist nicht der zu erwartende Wärter). Hier nur ein Beispiel für die treffenden, oft ungewohnten Vergleiche, die für die gedrechselte Konstruktion des Textes versöhnen: "Auch der Jubel hatte seine Eichmaße, über deren Strich nur Schaum stand" (S. 487).
Gelegentlich sind Bauers Bemerkungen humorvoll, ohne daß sich der Leser auf die Schenkel klopft.
»Herausgefressener Pfaff!« wurde Domkapitular Pröbst auf dem Heimweg beschimpft, ausgerechnet Pröbst, der an krankhafter Magerkeit litt. Dem Mann, der ihn beschimpft hatte, war hernach wohler ums Herz. So billig waren die Freuden, die der Mensch sich zu schenken vermochte, während alles sonst teurer wurde. S. 397
Fern abliegender fiel mir auf, daß Bauer die Nachnamen und Ortsnamen neutral und nie ausgefallen wählt. Sie verrieten mir nichts über die Person und wenig über den Ort. Andrerseits kommt keiner der gängigen deutschen Namen wie Müller, Meier, Schulze, Fischer oder – man sehe es mir nach – Huber vor. Dagegen: Kleindienst, Meder, Schaal, Klopf, Benthe, Gröpp, Bestel, ...
Wie schon in So weit die Füße tragen zeichnet Bauer in diesem umfangreichen Roman das Bild eines Helden. Wie Clemens Forell nicht der typische deutsche Soldat oder Gefangene des Zweiten Weltkriegs ist, so darf Martin von Petuel nicht als der typische deutsche Bischof während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verkannt werden. Wer eine nicht realisierte Möglichkeit der deutschen Geschichte kennenlernen will, der greife zu diesem Mammutbuch.
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Martin von Petuel als Michael von Faulhaber
Josef Martin Bauer sieht sowohl die politische Weltlage, als auch den Klerus und speziell seinen Martin aus der Sicht des (gekränkten) Erfolgsautors in der 50-ern des zwanzigsten Jahrhunderts. Bauer war ja zumindest nicht frei von Angleichung an den Nationalsozialismus (bauer Josef Martin Bauer und der Nationalsozialismus), kann aber auch im Kranich mit dem Stein nicht die bekannte einsichtige geschichtliche Sichtweise verbergen. Ob er die Revolution von 1918 und Räterepublik von 1919 in Bayern angemssen schildert bezweifle ich (kann es aber mangels ausreichender Kenntnis dieser Zeit nicht belegen). Es macht mich als Leser stutzig, daß der kreuzbrave Soldat des Ersten Weltkriegs von heute auf morgen zum radikalen Flegel mutiert, wie es Bauer in dieser Szene beispielhaft schildert.
Weil beide Türflügel offenstanden, betraten kleine Trupps von Uniformierten das Palais und sahen sich zwischen Neugier und Langweile um. Die Plüschmöbel in der rechten Ecke, in der Empfangsecke, luden zum Niedersetzen ein, und die Männer nahmen denn auch Platz. Sie rauchten ihre Zigaretten, die immer noch Buchenlaub waren, obgleich doch schon seit Tagen alles anders hätte sein müssen, drückten die Stummel auf der marmornen Tischplatte aus und wischten dann die Überreste unter den Tisch, um nur eine mäßige Unordnung zu hinterlassen. S. 397
Der Seitenhieb, daß mit der Revolution die Warenfülle nicht von einem Tag auf den anderen eingetreten ist, läßt mich eine starke Voreingenommenheit unterstellen. Jedenfalls stimmt hier (wie auch später) die Romanfigur Martin mit dem Bischof Faulhaber nicht überein, ja, ist ihr sogar entgegengesetzt. Faulhaber war zumindest während des Ersten Weltkriegs ein glühender Waffengänger, Bauer zeichnet einen dem Krieg gegenüber reservierten Bischof. Im Versailler Vertrag sieht eine Nebenfigur Bauers (Domkapitular Murr, S. 400) den (alleinigen) unausweichlichen Ausgangspunkt für die kommende Entwicklung. Diese Reduzierung ist bei manchen Deutschen beliebt, nichtsdestotrotz unzulässig. Dem Osten (was immer das ist) wird das Ziel die deutschen Grenzen aufzurollen und auszulöschen bescheinigt (S. 430).
Petuel wird für seine Anpassung im Dritten Reich mehrfach entschuldigt. "Was er für Unrecht hielt, das nannte er auch Unrecht" (genau dies tat Faulhaber nicht, allenfalls wenn es um die katholische Kirche direkt ging) "... und doch war manches auch leiser und bedächtiger auszudrücken ..." (S. 497). Auch das Schweigen der Bischöfe allgemein wird mehrfach gerechtfertigt (S. 697, S. 722).
Den Vorwurf der Leisetretterei an den katholischen Klerus während der Hitler-Herrschaft muß sich der Leser in historischen Werken begründen lernen.
Auch die Judenrettungen durch von Petuel und sein Kontra zu den Nazis stimmt nicht mit der realen Person Faulhaber zusammen. Dessen Lobadressen an den Führer werden im Roman verschwiegen. Eine Kommentierung des Süddeutschen Rundfunks weist auf Bauers Recht hin, als Schriftsteller eine andere Wirklichkeit aufs Papier zu bringen.
"Dieses Buch schenkt uns nichts von der bitteren Wahrheit über das letzte halbe Jahrhundert. In dichterischer Wahrheit zeichnet es das Bild unserer jüngsten Vergangenheit, die wir so gern vergessen wollen und doch nicht vergessen sollten." Süddeutscher Rundfunk, zitiert nach Meidinger-Geise, Inge: Josef Martin Bauer. 60. Geburtstag am 11. März 1961, S. 14, bauer Sekundärliteratur
So will ich es ebenfalls bei diesen Hinweisen belassen. Im Roman Kranich mit dem Stein kommt der Name Faulhaber nicht vor. Im Zweifelsfall kann der Autor sich auf seine schriftstellerische Freiheit berufen. Vergleiche dazu unbedingt bauer Michael Faulhaber und der Nationalsozialismus.
Zu analysieren wäre auch, in wie weit Martin Petuel Züge des Autors trägt. Immerhin war Bauer im Benediktinerseminar Scheyern und war für eine Priesterlaufbahn vorgesehen. Auch ein Sohn des Schriftstellers (* 1935) heißt Martin.
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Leitsprüche
Der Autor stellt dem Roman eine Stelle aus Plinius: Naturalis historia 10,30 (bauer Zitate Plinius der Ältere) voraus. Petuel wünscht sich als Bischofssiegel den Kranich mit dem Stein aus jenem Plinius-Zitat und die Devise: Me vigilante nil timendum – Wenn ich wache, habt ihr nichts zu fürchten (S. 267)
Mühlhiasl von Apoig (1753 – 1830 ?)
Der 1753 in der Mühle zu Apoig (heute Hunderdorf) bei Bogen geborene Mathias (auch: Matthias) Lang, besser bekannt als Waldprophet Mühlhiasl, machte Vorhersagen, die viele Leute (teilweise) erfüllt sehen. Dr. Wolfgang Odzuck, Autor von Auf den Spuren des Mühlhiasl, eine Tatsachenerhebung hat sich intensiv mit dem Mühlhiasl und seinen Weissagungen beschäftigt. Er hat herausgefunden, daß die Voraussagen des Mühlhiasl nicht auf Mathias Lang sondern auf seinen Bruder Johann Lang zurückzuführen sind.
Action Française
eine überparteiliche politische Bewegung in Frankreich zwischen 1898 und 1945. Sie entstand in der Zeit der Dreyfus-Affäre unter Führung der Schriftsteller Charles Maurras und Léon Daudet um die gleichnamige Zeitung. Sie verband nationalistische, royalistisch und antisemitische Elemente. Unter der Führung von Henri Vaugeois und Maurice Pujo erlangte die Bewegung beachtlichen politischen Einfluss. Der 1907 gegründete Wehrverband der »Camelots du roi« schloß sich der Action Française an. Die Action Française kollaborierte im 2. Weltkrieg mit den deutschen Besatzern und wurde daraufhin verboten. Laut Brockhaus 2001 wurde die Action Française1936 aufgelöst.
Links
bauer Josef Martin Bauer
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bauer Michael Faulhaber und der Nationalsozialismus
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Literatur
Das Werk ist derzeit nur antiquarisch erhältlich.
Josef Martin Bauer: Kranich mit dem Stein Berlin: Deutsche Buch-Gemeinschaft, 1962. 781 Seiten [München: Ehrenwirth, 1958]
Wolfgang Odzuck: Auf den Spuren des Mühlhiasl. Eine Tatsachenerhebung. Straubing: Attenkofer'sche, 2001. 144 Seiten
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Böckl   bauerManfred Böckl: Mühlhiasl. Südost, 1991. Gebunden Böckl
Manfred Böckl: Mühlhiasl. Buch- und Kunstverlag Oberpfalz, 1998. Gebunden bauer
bekh   bauer Wolfgang J. Bekh: Mühlhiasl. Der Seher des Bayerischen Waldes. Deutung und Geheimnis. München: Ludwig, 1999. Gebunden, 250 Seiten,   vegesack
Siegfried von Vegesack: Der Waldprophet Mühlhiasl Das Dorf am Pfahl. Flucht in die Wälder. Geschichten aus dem bayerischen Wald. Grafenau: Morsak, 2000. 96 Seiten bauer
bauer Rezension: Siegfried von Vegesack: Der Waldprophet Mühlhiasl, u. a.
friedl bauer Paul Friedl: Der Waldprophet. Rosenheim: Rosenheimer, 2002. Gebunden  
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 7.11.2004