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Queri
Georg Queri: Der Kapuziner
Rosenheim: Rosenheimer, 2004. Gebunden, 318 Seiten – Queri Christkind von AltenhohenauQueri AutorQueri Literatur
In 1758 wird im Regensburger Gau dem Ehepaar Anna und Hansjakob Pentenrieder nach 17 Jahren kinderloser Ehe ein Sohn geboren. Was Queri gleich zu Beginn ankündigt braucht in Laurence Sterne Manier (Tristam Shandy) einige Kapitel zur Ausführung. Obwohl Georg Queri bekannt dafür war, auch derbe erotische Episoden zu schildern, darf man das hier nicht erwarten. Die lange Vorbereitung bis zur Geburt der Sohnes Pankraz ist eine Satire auf Aberglauben und Volksglauben. Die Komik entsteht, daß Pater Guardian den Aberglauben mit anderen Wunderglauben austreibt. An "die Bettstätte der Frau Mutter kreidete er das völlig zerschmetternde Zeichen Salomonis wider die bösen Geister und auch das viel gerühmte heilige Scheyrerkreuz" (S. 103). Der Glaube an Unsinniges ist beliebig austauschbar. Eng verflochten damit ist Queris Kritik am Klerus und an den Mönchen im besonderen. Da läßt er die Kuttenträger heiß streiten, welcher Orden das austräglichere Leben bietet oder ob die Jungfrau Maria ihren Jesus mit oder ohne Nachgeburt geboren hat (S. 131). Weitere Stacheln im Kapuziner sind die Anpangerung der Erziehung und der Prüderie; wobei der Autor zwar die Ereignisse rückverlegt, sie könnten aber ebenso gut in der Zeit des posthumen Erscheinens des Romans 1920 handeln. So wird Vater Hansjakob belehrt, daß die Disziplin die Seele des Unterrichts sei (S. 158-59), eine "deutsche" Eigenschaft, die bald nach 1920 fatale Folgen hatte.
Mir blieb unklar, inwieweit Pater Guardian für die unerwartete Schwangerschaft der Anna Pentenrieder verantwortlich war. Im vierzehnten Kapitel erblickt Pankraz das Licht der Welt und wird gesäugt.
Hansjakob "schnaubte an das Bett der Frau Mutter heran und tat das in der allerunschicklichsten Zeit: »Pfui über dich!«, zürnte er unter rasch verhüllender Decke hervor, »siehst du nicht, dass er um seine natürliche Nachrung ruft, mein süßer Pankraz?«
Und die Männer wichen." (S. 96)
Ab da erzählt Queri den Werdegang des Pentenrieders junior. Sein Vater weigert sich zunächst – trotz aller Vorteile dort –, Pankraz in ein Kloster zu stecken, doch es gibt ein letztes Argument.
"Außerdem zog der Pater Provinzial den Patriarchen Abraham herbei und erzählte, wie der bereit gewesen sei, seinen einzigen Sohn sogar zu schlachten, nur um Gott wohlgefällig zu sein. Nicht wie hier: um ihn geistlichen Freuden zu schenken. Nicht, um den hohen feinen Reif der Heiligkeit um seine Stirne zu legen." (S. 268)
Prankaz geht ins Kloster, bricht das Probejahr im Kloster aber ab, verheiratet sich und endet als Klausner Deogratias in der Nähe von Kelheim.
Der krause Handlungsverlauf ermüdet den heutigen Leser. Alte, schon fast ausgestorbene Wörter und Redewendungen erfreuen den Leser.
"Dich will ich noch Mores lehren!" (S. 164) ist eine sprichwörtliche Redensart, die auch Johann Nepomuk Nestroy (7.12.1801 Wien – 25.5.1862 Graz) in »Der böse Geist Lumpazivagabundus...« (I,1; 1835) verwendet: "Wir werden euch schon Mores lehren, ihr liederlichen Burschen ihr!"
"Morgen geht wieder ein anderer Wind" (S. 247) wurde 1975 mit "Morgen weht ein andrer Wind" zum Schlagertitel bei Udo Jürgens.
Trotz des lokalen Bezugs und der kräftigen ungekünstelten Sprache ist Der Kapuziner nur noch bedingt lesenswert. Die vielen Anspielungen auf den Volksaberglauben sind uns heute fremd.
Christkind von Altenhohenau
Das Christkind von Altenhohenau wird mehrfach (S. 12, 298, 303) erwähnt. Die Kirche des Dominikanerinnenklosters Altenhohenau ist bis heute ein Zentrum der Verehrung des „Altenhohenauer Jesulein“. Es ist ein barock gekleidetes Christkind und war im 18. Jahrhundert eines der meist besuchten Gnadenbilder in Bayern.
queriKleines Kindl – großer Gott, Chiemgau-Blätter, Traunstein
queriDas Christkind mit den zerrissenen Schuhen, Sagen aus dem Bayrischen Inntal;
Quelle: Max Einmayr, Max Arbinger: Inntaler Sagen. Oberaudorf [1988]. S. 181. 2. erweiterte Auflage
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Georg Queri (30.4.1879 Frieding bei Andechs – 21.11.1919 München), Journalist, Schriftsteller und Volkskundler.
queriGeorg Queri: Wikipedia
queriGeorg Queri: Projekt Gutenberg
Max Dingler über Georg Queri:
"Georg Queris volkskundliches Bestreben und saftiger Humor beschäftigt sich vor allem mit der handfesten bauernerotik, der er gwissenhafte Studien gewidmet hat. Gewiß erfordert der genuß seiner Derbheiten zuweilen einen widerstandsfähigen Magen, aber herzhaft und echt ist alles, was er zum Besten gibt."
Max Dingler: Die oberbayrische Mundartdichtung. Günzburg 1953. S. 61
Da Der Kapuziner keinen Beleg für Dinglers Einschätzung gibt, hier ein Beispiel, daß ahnen läßt, warum sich um Queris Werke die bayerische Justiz kümmerte.
Und as Fensterln is sündhaft,
Und i wers nimmer doa,
Und bald Köchin in der Stadt is,
Schlaft der Pfarrer alloa.
Angemerkt: Max Dingler war 1923 am Hitlerputsch beteiligt und gründete die NSDAP Ortsgruppe in Murnau. Die nach ihm benannte Hauptschule in Murnau wurde deshalb im Juli 2011 umbenannt. – "Unbekannt verzogen", SZ 29.11.2011, S. 34
Literatur
"Die Rückkehr des »Kapuziners«". Süddeutsche Zeitung, 6. April 2004, Seite 50
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Queri queriGeorg Queri: Der Kapuziner. Rosenheim: Rosenheimer, 2004. Gebunden, 318 Seiten
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 29.11.2011