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Heiner Link: Frl. Ursula
Reinbek: Rowohlt, 2003. Gebunden, 222 Seiten. Nachwort: Norbert Niemann – link Autorlink Linkslink Literatur
Der letzte Roman des früh verstorbenen Heiner Link (link Links) hinterlässt einen widersprüchlichen Eindruck. Der Ich-Erzähler berichtet aus seinen Kreisen, die dem gehobenen Mittelstand angehören. Dabei drehen sich die Gedanken, Gespräche und Taten meist um Frauen. Das mag noch hingehen, doch darüber wird klischeehaft berichtet: Oberschenkel (eine Marotte des Autors; auch in der Kurzgeschichte "Unsere Katze" hat eine Frau "die Beine schön gekreuzt"; siehe link Links), Busen und Hintern ziehen die Aufmerksamkeit der verheirateten Golfspieler (Ärzte, Manager) auf sich. Die Methode gleicht sich bei allen Eskapaden: zum Abendessen einladen, Tisch reservieren, Essen gehen, dann läuft alles wie von selbst: die Damen haben schon prophylaktisch kein Höschen an (was immer wieder betont wird, beispielsweise S. 148) und vielmals treibt man es auf Tischen, im Auto oder auf dem Flipper (S. 124). Mir wurde nicht klar, ob Link es ernst meint oder ob es Parodie sein soll.
Jeder Leser des Romans wird die Klischeehäufung bestätigen können. Zur Erinnerung für diese und zum Beleg für andere zeige ich an einer Seite diese Pflege der Vorurteile.

"Ich kaufte mir sogar ein Fahrrad, selbstverständlich ein Trekking Bike."
"Ich ... wurde militanter Nichtraucher ..."
"Ich joggte auch viel."
Am Ende der Seite spielte er Lotto und zwar immer die "Geburtsdaten mir bekannter Menschen" (S. 116).
Alle diese Vorkommnisse und Urteile für sich sind glaubhaft, doch in der Häufung überzogen und für mich waren sie penetrant. Auf derselben Seite hatte der Ich-Erzähler übrigens "mit dem Leben abgeschlossen", erlebte dann einen fulminaten Urlaub und beschrieb seine Lebensfreude.
Überall kommt eine Prise Rebellion hinein (gegen was? Banalität des Alltags?): der Ich-Erzähler studiert Volkswirtschaft, obwohl seine Mutter sich einen Rechtsanwalt wünscht; im Golfclub schmiert er Peter-Handke-Zitate in die Toilette (link Handke), in Kuba träumt er von der grossen Revolution.
Das Fräulein Ursula will nicht immer und so besteht die Aufgabe des Ich-Erzählers darin, sie rumzukriegen, ohne dass seine Ehefrau etwas merkt. Er bucht mit ihr einen Urlaub in Havanna, in einem gekonnten Dreh lässt der Autor gleich den ganzen Golfclub mitreisen. In Kuba spiegeln sich dann merkwürdig die Ereignisse. Waren es zuerst willige Ehefrauen oder Amateurinnen, so schlagen nun die Tage der Professionellen. Machos fahren natürlich auf den Spuren Ernest Hemingways (link Rezension: The Complete Short Stories of Ernest Hemingway; eine Rezension meint auf den Spuren des Homo Faber von Max Frisch) nach Havanna. Dort herrscht ausser Korruption und bezahlten Treffen der Rum und auf den Strassen fahren – wieder Vorurteile bedienend – die 58er Chevys.
Stil
Für den platten Plot, der zudem mit einem völlig unmotivierten oder thematisierten Selbstmord gewürzt ist, entschädigt der trocken Stil und einige witzige Einlagen, wie die komischen Telefonate zwischen Ich-Erzähler und Ursula (z.B. S. 101-104).
Peter Handke: Am Felsfenster morgens. (Und andere Ortszeiten 1982 - 1987). Salzburg, Wien: Residenz, 1998. link Neuere Taschenbuchausgabe
Im Zitat von Friedrich Nietzsche (S. 95):
[Zarathustra:] Ist es nicht besser, in die Hände eines Mörders zu geraten, als in die Träume eines brünstigen Weibes?
fährt Zarathustra fort mit:
Und seht mir doch diese Männer an: ihr Auge sagt es – sie wissen nichts Besseres auf Erden, als bei einem Weibe zu liegen.
Also sprach Zarathustra: "Von der Keuschheit"
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Rezensionen
In einem Nachwort wird Heiner Link und besonders sein hier zu besprechender Roman von Norbert Niemann schwänglich gelobt. Der letzte Satz "Es war unheimlich schön" (S. 209) wird gar in Analogie zum letzten Satz in Joseph Eichendorffs Aus dem Leben eines Taugenichts (link Rezension) gebracht: "... – und es war alles, alles gut!" Das nehme ich nicht ab, da stilgerecht dann Frl. Ursula mit einem Ausrufezeichen enden müßte.
Eberhard Falcke in der SZ: »Link ist ein Virtuose des launigen Räsonierens, der mit spielerischer Leichtigkeit an den alltäglichsten Themen die Potentiale von Irrwitz und Widersinn zum Vorschein bringt.« Dem kann ich zustimmen.
Heiner Link
1960 in München – 30. Mai 2002 München (Motorradunfall)
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Links
Heiner Link: LinkHeiner LinkLinklyrikweltLinkPoetenfest Erlangen
Kritiken zu Frl. Ursula: LinkTina Manske: Titel-MagazinLinkPerlentaucherLinkMaja Rettig, Titel-Magazin
LinkHeiner Link: "Unsere Katze", Literatur zur Zeit
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Link LinkHeiner Link: Frl. Ursula. Reinbek: Rowohlt, 2003. Gebunden, 222 Seiten Link
Heiner Link: Frl. Ursula. Reinbek: Rowohlt, 2005. Broschiert Link
Handke LinkPeter Handke: Am Felsfenster morgens und andere Ortszeiten 1982-1987. München: DTV, 2000. Broschiert link
Heiner Link: Frl. Ursula. Random House, 2004. 4 Audio-CDs, Sprecher: Gerd Köster Link
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 30.4.2005