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Kolb
Helga Kolb: SchattenSeiten
Schweinfurt: Wiesenburg, 2005. Gebunden, 235 Seiten – Kolb LinksKolb Literatur
Die ledige Anna wird im Jahr 1912 schwanger und wie damals üblich, wächst das ungewollte Kind Kathi abgeschoben und lieblos auf. Nur ihr Vetter Franzl zeigt für sie Verständnis (S. 37). Trotzdem ereilt Kathi dasselbe Schicksal: im Jahr 1934 kommt die ledige Erika zur Welt. Die Mütter haben jeweils wenig Verständnis für die Wiederholung der Schande bei ihren Töchtern. Besonders Kathi verhält sich extrem schroff zu Erika. Doch diese scheint es besser zu haben. Heinz ist ihre frühe Liebe, mit Erich verkehrt sie und wird schwanger ...
In drei Generationen wiederholt sich das Schicksal. Zum Drama wird es durch die Umgebung (ich vermute: erzkatholisch, wie damals in Altbayern die Regel), die schon die Aufklärung als obszönes Gerede unterbindet und die ledige Mütter mit ihren Bastarden ausgrenzt. Verschärft wird es in SchattenSeiten durch die ärmlichen Verhältnisse der Familien und die charakterliche Prägung mancher Personen im Roman.
Helga Kolb gibt ein Sittengemälde des 20. Jahrhunderts im Arbeitermilieu aus München und Umkreis. Durch geschicktes Einstreuen genauer Datumsangaben werden die Geschehnisse in der Geschichte fixiert. Das geht vom 26. August 1913 (S. 5) bis zum 11. Dezember 1999 (S. 235). Dabei unterläuft der Autorin ein kleiner Fehler. Adolf Hitler wurde am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt. Im August 1934 (S. 39) war er es also längst und Hitler wurde am 1. August per Gesetz zusätzlich Reichspräsident (Kolb Ermächtigungsgesetz).
Weitere Authentizität erhält der Roman durch Ortsangaben und vor allem durch den mutigen und stilsicheren Einsatz des bairischen Dialekts in den Dialogen. Selten greift die Autorin zu sonderbaren Bildern, so wenn sich die Sonne vor die Wolken schiebt (S. 137).
Obwohl in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sich die Umstände ändern ist die Lage für die Protagonistinnen des Romans ebenso trostlos wie schon in der ersten Hälfte des Jahrhunderts: "Koan knopf Geld in der Tasch'n, a ledigs Kind und koa Arbat" (S. 37). Nur kurz scheint es für Erika und Erich besser zu laufen (S. 171).
Das Verhältnis der Töchter zur Mutter (Kathi zur Anna; Erika und Helene zur Kathi) wird eindringlich geschildert. Die harte Kathi wird von der Erzählerin psychologisch teilerklärt (S. 123) und erinnert in ihrem Verhalten zu Erika an Mutter-Tochter Beziehungen aus den Romanen der Lena Christ. Das zeigt dann aber das Manko der SchattenSeiten: man hat alles schon und besser gelesen, siehe Kolb Vergleichsliteratur. Besser deshalb, weil außer dem geschichtlichen Rahmen und den verwandtschaftlichen Verhältnissen die Ereignisse in SchattenSeiten wie an einer Perlenschnur aufgereiht werden. Echte Dramatik verspürte ich erst ab der Entfremdung zwischen Kathi und Karl und der noch stärkeren Vereinsamung der abgehärmten Frau (S. 157ff).
In SchattenSeiten entkommt keine der Generationen dem Kleinbürger- und Arbeitermilieu. Durch die Wiederholung der Schicksale wird die Unentrinnbarkeit betont. Die gute sprachliche Darbietung lohnt die Lektüre zusätzlich.
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Kolb KolbHelga Kolb: SchattenSeiten. Schweinfurt: Wiesenburg, 2005. Gebunden, 235 Seiten
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 15.9.2006