Email  zurück zur Homepage eine Stufe zurück
Josef, Hofmiller, Lena, Christ
Josef Hofmiller: "Lena Christ"
26. April 1872 Kranzegg, Allgäu – 11. November 1933 München (?) Josef Max Maria Hofmiller
    Am 30. Juni 1930 waren es zehn Jahre, daß Lena Christ lautlos aus dem Leben ging, zur Sühne für die Fälschung von Künstlersignaturen, die sie begangen hatte, um in der Zeit allgemeiner Geldentwertung ein paar Bilder leichter zu verkaufen. Warum verkaufte sie nicht lieber hinterrücks nach berühmten Mustern unter Mißbrauch der Gastfreundschaft aus einer fremden Villa Teppiche, Bilder und Silbergeräte? Das hat sie nicht getan. Nicht die kleinste Brillantnadel hat sie gestohlen. Nur Unterschriften auf Bildern nachgemacht, so spottungsgeschickt, daß kein halbwegs ernsthafter Bilderkäufer je darauf hereingefallen wäre. Aber sie ließ es gar nicht so weit kommen, daß sie vom Richter gefragt wurde: „Bekennen Sie sich schuldig?”, um dann ein pathetisches „Nein” in den Saal zu rufen. Sie fragte sich selbst und sagte „Ja!”. Sie zuckte nicht die Achsel über das, was sie getan hatte: „Gott, wenn man es so nennen will!”, sondern sie nannte es so. Nie hat sie im Esplanadehotel gewohnt und nie ist sie erster Klasse gefahren; sie schwang sich nicht auf zur Entschuldigung „ohne den Rahmen der Vornehmheit könne sie nicht arbeiten”. Verstieg sich nicht zum Ausspruch: „Ich muß meine Kinder schlachten können, wenn ich an mich glaube.” Hielt sich nicht „für namenlos groß”; ihre Verhaftung nicht für ein „nationales Unglück”. Verglich sich nicht mit Georg Büchner und Heinrich v. Kleist. Nicht eine einzige von den Gaukeleien fiel ihr ein, aus denen sich die neue Moraille zusammensetzt; sondern sie ging zum Waldfriedhof, um zu sterben.
    Hätte sie es für ihre Pflicht gehalten, „die Fackel brennend weiter zu tragen”, so konnte sie's ruhig darauf ankommen lassen, sich getrost verurteilen zulassen. Was kam im schlimmsten Fall heraus? Ein paar Monate, durch Untersuchungshaft großenteils verbüßt, mildernde Umstände, Bewährungsfrist. Schon längst könnte sie wieder „die Fackel weitertragen”, auf deutsch: schriftstellern. Sie - löschte die Fackel. Sie war recht ungeschickt. Ungeschickt im Leben, ungeschickt im Fälschen, ungeschickt im Sterben. Zu ungeschickt sogar zum ethischen Alibi. Sie lebte in Schwabing, ohne die Schwabinger Weltanschauung zu lernen. Sie schrieb, um leben zu können, darunter drei Meisterwerke, machte eine Unbesonnenheit, verlor den Kopf, schrieb geschwind noch ein paar rührende Abschiedsbriefe, unter anderem an Ludwig Thoma, der sie entdeckt hatte, fuhr mit der Straßenbahn hinaus auf den Waldfriedhof, und blieb gleich draußen. Heut ist sie vergessen. Kein Mensch spricht von ihr. Darum will ich es tun.
    Sagte ich nicht vorhin: drei Meisterwerke? Jawohl: drei Meisterwerke, von denen mir jedes für sich allein lieber ist, als die ganze Litanei vom Barbusse bis zum Wolfenstein. „Erinnerungen” heißt das erste. Als es 1912 erschienen war, zeigte ich es im Märzheft 1913 der „Süddeutschen Monatshefte” an:
    „Es gibt Bücher, deren Wert als Beitrag zur Sittengeschichte so überragend ist, daß davor die Frage nach künstlerischen Eigenschaften zunächst ganz zurücktritt ... Es ist wahrhaftig Neuland, in das die Verfasserin führt; man lernt Lebensweisen kennen, von denen man keine Ahnung hatte: das Idyll des kleinen Halbbauern, dessen Frau städtische Kostkinder aufzieht; die Lebenshaltung des Münchner Vorstadtwirtschaftspächters; allerlei Kehrseiten eines Frauenklosters; das typische Schicksal der Pächterstocher, und eine, wie es scheint, ziemlich typische Ehe in Kreisen untersten Bürgertums. Die Einfachheit der Erzählung hat etwas unmittelbar Überzeugendes; man schenkt der Verfasserin sofort Zutrauen, so scharf, so fest, so hart und stimmungslos steht alles da ... Es ist eine Autobiographie von einer Ungeschminktheit, wie es wenige gibt ... Zugleich von einer stofflichen Spannung, die etwas vom spanischen Schelmenroman der alten Zeit hat ... Man hat das Gefühl, als seien Schichten, die bis jetzt fast nur schablonenhaft, pseudohumoristisch, verlogen gemalt wurden, hier unerbittlich geschildert und dabei, was die Hauptsache ist, ohne jede Absicht unerbittlich zu sein, sondern bloß mit der Absicht zu erzählen.”
    Inzwischen sind zwanzig Jahre verflossen, und außer unbeträchtlichen ist doch auch manches starke Buch durch meine Hände gegangen. Jedoch nach wie vor gehören mir die „Erinnerungen” zum bleibenden Besitz unserer Erzählung, zum mindesten ebenbürtig jedem der drei großen Romane Ludwig Thomas, dem „Andreas Vöst”, dem „Wittiber” und dem „Ruepp”. Die „Erinnerungen” sind Lena Christs wirklicher Lebenslauf. Sie ist geboren am 30. Oktober 1881 zu Glonn in Oberbayern als lediges Kind der Magdalena Bichler, Handschusterstochter von Glonn, und des Karl Christ, Geschäftsreisenden von Mönchsroth bei Dinkelsbühl. Sie war verheiratet mit dem Schriftsteller Peter Jerusalem. Sie starb am 30. Juni 1920. Nach Bildern zu schließen, hatte sie den schönen blonden Charakterkopf, wie er sich im Voralpenlande vielfach findet.
    „Matthias Bichler” heißt das zweite Meisterwerk der Lena Christ. Der abenteuerliche Lebenslauf eines kleinen Holzschnitzers. Geschrieben in einer Sprache, würzig wie Wiesenblumen, frisch wie ein Wiesenbach; immer hart an der Mundart, ein herzhaftes Deutsch voll Klang und Melodie. Wie köstlich dies Buch geschrieben ist – nur der Oberbayer kann es ganz nachfühlen: kein verbrauchtes Wort, keine verwaschene Wendung; alles lebendig, alles gesprochene Sprache. Wieder eine Handlung von der Zigeunerbuntheit des Schelmenromans. Ein Buch, so rein und unverfälscht süddeutsch, daß man es in hundert Jahren als klassisch empfinden wird, wie wir heute den Jung Stilling, den Armen Mann im Toggenburg als klassisch empfinden. Was steckt nur allein an altbayerischer Volkskunde in der Geschichte! Nicht aufgeklebt, nicht aus alten Jahrgängen von Zeitschriften ausgeschrieben und zurechtgeschnitten, nein: alles gewachsen, alles selber empfunden, alles selber erfunden, von unglaublicher Echtheit. Von den „Erinnerungen” zum „Bichler” ist ein weiter Fortschritt. Die „Erinnerungen” sind noch herb und bitter, der „Bichler” ist voll Gemüt und Humor. Die „Erinnerungen” sind ein erschütterndes persönliches Bekenntnis, der „Bichler” aber ist eine künstlerisch reife Prosadichtung, aus der allein man das Leben im Leitzachtal kennenlernt, wie es noch vor fünfzig Jahren – was sage ich: wie es vor dem Kriege war.
    „Die Rumplhanni” heißt das dritte. Die Lena Christ war jedesmal ganz auf ihrer Höhe, wenn sie sich selbst gab. In den „Erinnerungen” mit der Herbheit eines Holzschnitts. Im „Bichler” (ihre Mutter hieß Magdalena Bichler) hat sie ihr Geschick geheimnisvoll ins Männliche übersetzt. In der „Rumplhanni” hat sie es in Gedanken weitergesponnen: Wie wär es gegangen, wenn sie bei den Bauern geblieben wäre? Als Magd, als Mitteldirn, wär in die Stadt gekommen, hätte Dummheiten gemacht, Dummheiten gebüßt (einmal kommt die Heldin sogar ins Gefängnis), hätte ihren Humor behalten und sich zu guter Letzt das bescheidene Glückskrönlein einer bürgerlich guten Partie aufs Haupt gesetzt? In diesem Roman gestaltet die Verfasserin lauernde Möglichkeiten der eigenen Natur, zugleich dichterisch und unerbittlich, rein erfindend, wahrer als die Wirklichkeit; es ist ein Gerichthalten über sich selber, wie Ibsen es meint. Das Zufällige der Handlung ist symbolisch. Es ist, als hätte sie ihr Schicksal immer geahnt: auch der „Matthias Bichler” kommt ins Gefängnis, aber auch er beißt sich durch. Ihre Helden haben die Robustheit, die ihr selbst versagt war. Als Charakter ist die „Rumplhanni” von einer strotzenden Rundheit, wie seit der Heldin von Anzengrubers „Sternsteinhof” in dieser Art nichts mehr geschaffen worden ist. Ich gestehe offen, mir ist die „Rumplhanni” lieber; denn die Lena Christ kennt nicht nur ihre Bauern besser als Anzengruber, sie redet vor allem ihre Sprache besser, und ihr Humor ist nie bitter.
    Sie hat sonst noch manches geschrieben. Davon wird das meiste vergessen werden. Diese drei Bücher aber werden bleiben. Sie gehören innerlich zusammen, bilden sozusagen die Trilogie eines und desselben Lebens. Wenn man in hundert Jahren wissen will, wie es damals in Oberbayern gewesen ist, werden diese drei Bücher neben denen von Ludwig Thoma den Wert kulturgeschichtlicher Quellenwerke haben.
    So falsch es wäre, Lena Christ gegen Ludwig Thoma auszuspielen, so unumwunden darf ausgesprochen werden, daß sich die Sphäre der Christ und die Ludwig Thomas wohl stofflich berühren, aber nicht künstlerisch. Ihre kleinen Sachen, namentlich wenn sie Thoma geradezu nachahmt, wie in den “Lausmädelgeschichten”, gebe ich preis, außer “Unsere Bayern anno 14”, Skizzen aus der ersten Kriegszeit, so urwüchsig, unliterarisch hingeworfen, daß ein jeder, der diese Zeit in Altbayern erlebt hat, sagen muß: So war es! Genau so war es! Zum mindesten als Zeitdokument wird dieser schmale Band bleiben. Aber eben dies ist es, was die Christ von Thoma unterscheidet: bei ihr hat man niemals das Gefühl, was sie schreibt, sei Literatur. Thoma beobachtet, unterstreicht, arbeitet heraus, hat künstlerische Absichten, ist gelegentlich ironisch, oft satirisch, verwertet seine Mittel meisterhaft, mit bewußtem Kunstverstand. Der Kunstverstand der Christ ist zum mindesten nicht bewußt. Es steckt alles im Blut. Sie erzählt darauf los wie ein Holzknecht oder ein Jagdgehilfe, mit einer unerschöpflichen Lust am Fabulieren. Sie ist im Innersten viel triebhafter als Thoma, unbeherrschter, in den “Erinnerungen” grenzt es manchmal an pseudologia phantastica; nicht s i e schreibt, e s schreibt. [...]
    In ihren “Erinnerungen”, in denen sie sich alle Bitterkeit von der Seele schreiben muß, ist die Christ von einer erschreckenden, manchmal peinlichsten Offenheit, deren Thoma nicht fähig gewesen wäre; diese Unfähigkeit zur Rousseauschen Selbstentblößung ließ ihn seinen autobiographischen Roman nach dem ersten Kapitel abbrechen, und statt einer wirklichen Autobiographie nur, wie er richtig schreibt, “Erinnerungen” geben, während derselbe Titel beim Erstlingswerk der Christ irreführend ist: es ist der ungeschminkteste autobiographische Roman seit Ulrich Bräkers “Armem Mann im Toggenburg”. Aber auch der “Mathias Bichler”, so innerlich voller Musik, so verklärt er ist, scheint sich gewissermaßen selber geschrieben zu haben, und die “Rumplhanni” nicht minder. Alles steht da wie gewachsen. In diesem Sinne hat es wohl Werner Mahrholz gemeint, wenn er die Christ in seiner “Dichtung der Gegenwart” “rein dichterisch vielleicht neben Annette Droste das größte, sinnlichste Talent unserer Literatur” nennt: “man muß auf Jeremias Gotthelf und Goethe zurückgreifen, um eine gleiche Macht und Kraft in der sinnlichen Lebendigkeit der Darstellung zu finden”. Naturbegabungen wie die Christ kommen von den “Müttern” her: von den Urmächten des Lebens, des Volks; sie stammen aus dem ganz Einfachen, Ersten und Letzten; sind ganz und gar unintellektuell, stark und ungebrochen bis zum Mythus. Immer wieder tauchen aus einsamen Brunnenstuben seltsame Wesen auf, ungerufen, unerklärbar, eines Tages sind sie da, sie schlagen die Augen auf, und die Welt ist reicher.
Josef, Hofmiller, Lena, Christ Anfang
Literatur
Heinz Beier: Bayerische Literatur in Beispielen. München: Bayerischer Schulbuch-Verlag, 1983. 488 S.; S. 242-248.
Harald Werner: Heimaten des Geistes. Erinnerungen an Josef Hofmiller. Freising: Selbstverlag, 1997. 415 S.; S. 277-281.
Josef, Hofmiller, Lena, Christ Anfang

Josef, Hofmiller, Lena, Christ
Email  zurück zur Homepage eine Stufe zurück
© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 23.12.2004