Ihre hier vorliegende Lebensgeschichte
schrieb Lena Christ bereits als Dreißigjährige; kaum zu früh,
denn noch keine Vierzig schied sie von eigener Hand aus dem Leben einer
Überflüssigen. Sie verlebt zunächst eine durchwachsene
Kindheit in Glonn bei ihren Großeltern. Beim Besuch ihrer Mutter aus
München wird klar, daß diese mit ihrem ledigen Kind nicht zurecht
kommt. Sowohl die Mutter ohne Heirat als auch das Bankert sind in der stark
ländlich und katholisch geprägten Umgebung Ausgestossene. Lenas
Mutter will zunächst durch Ignoranz diesen Makel beheben. Als die
achtjährige Leni nach München zur Mutter und Stiefvater kommt wird
das Kind ausgenützt, geschlagen und mißhandelt. Auffallend ist in
der bigotten Umgebung die Unterdrückung durch die Religion:
| Als ich einmal beim Vaterunser statt
auf das Kruzifix zum Fenster hinaussah, schlug mich die Mutter ins Gesicht,
dass mir das Blut zu Mund und Nase herauslief, auch bekam ich nichts zu essen
und musste während der Mahlzeit am Boden knien. (S. 46) |
Die Mutter braucht die Arbeitskraft des
fleißigen Kindes, hat aber immer ihren Schandfleck vor Augen. Das
erträgt sie nicht. Die Diskrepanz zwischen der Frömmigkeit der Mutter
und deren brutalem Verhältnis zum Kind fällt der Leni bald auf. Sie
selbst schwankt zeitlebens zwischen heftiger Zuneigung und Abscheu vor den
Widerwärtigkeiten im Elternhaus. Ein paar Mal versucht Lena sich frei zu
machen. Doch die einundeinhalb Jahre im Kloster sind nur eine weitere
Enttäuschung; wieder werden die Menschen durch den Katholizismus und
seinen Drohungen geängstigt und genötigt. Schon vor dem
endgültigen Ordenseintritt ist das Ausscheren gefährlich:
| Die Novizinnen "sind noch nicht durch
die ewigen Gelübde gebunden und können den Orden noch verlassen; doch
zeigt ein einzig dastehendes Beispiel, wie der himmlische Bräutigam diesen
Verrat bestraft: Die betreffende Novizin wurde nach einiger Zeit irrsinnig und
befindet sich jetzt in unserer Irrenabteilung." (S. 115-116) |
Wer hat da noch die Kraft "nein" zu sagen?
Allein, hier zeigt Lena doch einmal, daß sie mutig ist: sie flüchtet
rechtzeitig. Ihre spätere Anstellung in der Floriansmühle
läßt den Leser für Lena hoffen. Doch obwohl es ihr gut
gefällt, gibt sie wegen (für den Leser unverständlich) Heimwehs
auf. Je mehr ihre Mutter in Lena alles das verwirklicht sieht, was ihr verwehrt
blieb, desto stärker wird ihr Haß auf ihr eigenes Kind. Das gipfelt
in der Hochzeitsszene in der Kirche
| Nur wenige Leute waren anwesend, und
ich sah mich ein wenig um, ob nicht ein Bekannter darunter wäre. Da sah
ich plötzlich hinter einem der mächtigen Pfeiler das verzerrte
Gesicht meiner Mutter auftauchen; sie stand da ohne Hut, im Wirtschaftsgewand
und in der weißen Schürze, nur ein leichtes Tuch um die Schultern
gelegt und starrte mit glühenden Augen auf den Zug. Und wie sie mich
erblickte, da streckte sie den Kopf weit vor. Ich konnte nicht mehr hinsehen
und hing mich fest an den Arm meines Bräutigams, und es bemächtigte
sich meiner eine solche Bewegung, dass ich ohne alle Fassung zu schluchzen
begann und nicht aufhörte während der Trauung und der feierlichen
Messe. (S. 242) |
und dem späteren Fluch, den die Mutter
über die gerade Verheiratete ausspricht. Freilich wäre zu
prüfen, ob und wo Lena Christ ihr Verhältnis zur Mutter zu grob
schildert. Auch um die Wende zum 20. Jahrhundert konnte man als
volljährige Frau ausscheren, zumal in München. Das Intermezzo in der
Floriansmühle zeigt es. Mir erschloß sich nicht ganz, welcher
Magnetismus die Autorin immer wieder ins elterliche Wirtshaus zog. Durch die
treffende Sprache und das richtige Klangbild gelingt es Lena Christ ein
Sittengemälde zunächst auf dem Lande, dann in der Großstadt
München zu entwerfen. Was bringt der Vergleich mit den oft
bemängelten heutigen Lebensumstände? Es wird klar, welch ungeheurer
Fortschritt in Bezug auf Persönlichkeitsrechte trotz des Widerstands vor
allem der katholischen Kirche erzielt wurde. Meine Ausgabe der
Erinnerungen einer Überflüssigen aus dem Rosenheimer
Verlagshaus gefiel mir auch aus haptischen Gründen. Buchgröße
und Schriftbild sind lesefreundlich. Der sonst oft vermißte typische
Buchgeruch erinnerte mich an die Lektüren meiner eigenen Kindheit. Wer
sich mit Lena Christ, neben Marieluise Fleißer wohl der bedeutendsten
bayrischen Autorin des 20. Jahrhunderts ( Mechtilde Lichnowsky
möge mir verzeihen, Elisabeth Castonier ist zu welterfahren um als
bayrisch zu zählen, siehe
Stürmisch bis heiter. Memoiren einer Außenseiterin),
auseinandersetzen will, muß ihren literarischen Erstling lesen. Zum
Vergleich ist Karl Borromäus Heinrich: Karl Asenkofer ( Rezension) bestens
geeignet. |