Email zurück zur Homepage eine Stufe zurück
Christ
Lena Christ: Erinnerungen einer Überflüssigen
Rosenheim: Rosenheimer, 2003. 271 Seiten – Autorin Lena Christ
Ihre hier vorliegende Lebensgeschichte schrieb Lena Christ bereits als Dreißigjährige; kaum zu früh, denn noch keine Vierzig schied sie von eigener Hand aus dem Leben einer Überflüssigen.
Sie verlebt zunächst eine durchwachsene Kindheit in Glonn bei ihren Großeltern. Beim Besuch ihrer Mutter aus München wird klar, daß diese mit ihrem ledigen Kind nicht zurecht kommt. Sowohl die Mutter ohne Heirat als auch das Bankert sind in der stark ländlich und katholisch geprägten Umgebung Ausgestossene. Lenas Mutter will zunächst durch Ignoranz diesen Makel beheben. Als die achtjährige Leni nach München zur Mutter und Stiefvater kommt wird das Kind ausgenützt, geschlagen und mißhandelt. Auffallend ist in der bigotten Umgebung die Unterdrückung durch die Religion:
Als ich einmal beim Vaterunser statt auf das Kruzifix zum Fenster hinaussah, schlug mich die Mutter ins Gesicht, dass mir das Blut zu Mund und Nase herauslief, auch bekam ich nichts zu essen und musste während der Mahlzeit am Boden knien. (S. 46)
Die Mutter braucht die Arbeitskraft des fleißigen Kindes, hat aber immer ihren Schandfleck vor Augen. Das erträgt sie nicht. Die Diskrepanz zwischen der Frömmigkeit der Mutter und deren brutalem Verhältnis zum Kind fällt der Leni bald auf. Sie selbst schwankt zeitlebens zwischen heftiger Zuneigung und Abscheu vor den Widerwärtigkeiten im Elternhaus. Ein paar Mal versucht Lena sich frei zu machen. Doch die einundeinhalb Jahre im Kloster sind nur eine weitere Enttäuschung; wieder werden die Menschen durch den Katholizismus und seinen Drohungen geängstigt und genötigt. Schon vor dem endgültigen Ordenseintritt ist das Ausscheren gefährlich:
Die Novizinnen "sind noch nicht durch die ewigen Gelübde gebunden und können den Orden noch verlassen; doch zeigt ein einzig dastehendes Beispiel, wie der himmlische Bräutigam diesen Verrat bestraft: Die betreffende Novizin wurde nach einiger Zeit irrsinnig und befindet sich jetzt in unserer Irrenabteilung." (S. 115-116)
Wer hat da noch die Kraft "nein" zu sagen? Allein, hier zeigt Lena doch einmal, daß sie mutig ist: sie flüchtet rechtzeitig. Ihre spätere Anstellung in der Floriansmühle läßt den Leser für Lena hoffen. Doch obwohl es ihr gut gefällt, gibt sie wegen (für den Leser unverständlich) Heimwehs auf. Je mehr ihre Mutter in Lena alles das verwirklicht sieht, was ihr verwehrt blieb, desto stärker wird ihr Haß auf ihr eigenes Kind. Das gipfelt in der Hochzeitsszene in der Kirche
Nur wenige Leute waren anwesend, und ich sah mich ein wenig um, ob nicht ein Bekannter darunter wäre. Da sah ich plötzlich hinter einem der mächtigen Pfeiler das verzerrte Gesicht meiner Mutter auftauchen; sie stand da ohne Hut, im Wirtschaftsgewand und in der weißen Schürze, nur ein leichtes Tuch um die Schultern gelegt und starrte mit glühenden Augen auf den Zug. Und wie sie mich erblickte, da streckte sie den Kopf weit vor. Ich konnte nicht mehr hinsehen und hing mich fest an den Arm meines Bräutigams, und es bemächtigte sich meiner eine solche Bewegung, dass ich ohne alle Fassung zu schluchzen begann und nicht aufhörte während der Trauung und der feierlichen Messe. (S. 242)
und dem späteren Fluch, den die Mutter über die gerade Verheiratete ausspricht.
Freilich wäre zu prüfen, ob und wo Lena Christ ihr Verhältnis zur Mutter zu grob schildert. Auch um die Wende zum 20. Jahrhundert konnte man als volljährige Frau ausscheren, zumal in München. Das Intermezzo in der Floriansmühle zeigt es. Mir erschloß sich nicht ganz, welcher Magnetismus die Autorin immer wieder ins elterliche Wirtshaus zog.
Durch die treffende Sprache und das richtige Klangbild gelingt es Lena Christ ein Sittengemälde zunächst auf dem Lande, dann in der Großstadt München zu entwerfen. Was bringt der Vergleich mit den oft bemängelten heutigen Lebensumstände? Es wird klar, welch ungeheurer Fortschritt in Bezug auf Persönlichkeitsrechte trotz des Widerstands vor allem der katholischen Kirche erzielt wurde.
Meine Ausgabe der Erinnerungen einer Überflüssigen aus dem Rosenheimer Verlagshaus gefiel mir auch aus haptischen Gründen. Buchgröße und Schriftbild sind lesefreundlich. Der sonst oft vermißte typische Buchgeruch erinnerte mich an die Lektüren meiner eigenen Kindheit.
Wer sich mit Lena Christ, neben Marieluise Fleißer wohl der bedeutendsten bayrischen Autorin des 20. Jahrhunderts (christ Mechtilde Lichnowsky möge mir verzeihen, Elisabeth Castonier ist zu welterfahren um als bayrisch zu zählen, siehe christ Stürmisch bis heiter. Memoiren einer Außenseiterin), auseinandersetzen will, muß ihren literarischen Erstling lesen.
Zum Vergleich ist Karl Borromäus Heinrich: Karl Asenkofer (christ Rezension) bestens geeignet.
christonline bei Gutenberg
Kindlers Literaturlexikon S. 3204
Bei Amazon nachschauen   Bei Amazon nachschauen
Christ ChristLena Christ: Erinnerungen einer Überflüssigen. Rosenheim: Rosenheimer, 2003. Gebunden, 271 Seiten  
Christ ChristLena Christ: Erinnerungen einer Überflüssigen. München, DTV, 1999. Broschiert Christ
Lena Christ: Erinnerungen einer Überflüssigen. List 2002. Gebunden, 547 Seiten Christ

Christ
Email zurück zur Homepage eine Stufe zurück
© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 23.12.2004