Personen: Doktor
Hesse, Wirtshauskumpan, Besitzer des Hesse-Schlößl in der
Wasserburger Burgau Karl Wähmann,
Maler, lebte nahe Wasserburg Oskar Maria
Graf »Du mußt dir denken, Oskar, unser Doktor ist ein
Schloßbesitzer«,sagte Karl einmal während einer Spielpause:
»Ein feiner, reicher Knopf! Na, wie ist's, Doktor, können wir
Sie nicht mal auf Ihrem Herrensitz besuchen?« »Nein, nein,
bloß das nicht!« wehrte der Doktor entschieden ab: »Lauter
altes Rumpelzeug. Macht bloß Umstände und kostet haufenweis
Steuer.« Wir besuchten ihn trotzdem am andern Tag. Sein turmloses,
nicht allzugroßes Biedermeierschlößchen lag traumhaft
schön mit seiner verwachsenen breiten Einfahrtsallee. Storm und die
Lagerlöf haben solche Schlösser beschrieben. Wir hupten und hupten,
hämmerten mit den Fäusten an das hohe, abgeblätterte,
reichgeschnitzte eichene Eingangstor, rüttelten an der alten verrosteten
Zugklingel, die keinen Ton von sich gab. Unser lautes Schreien war vergeblich.
Stumm, verstaubt und wie vergrämt die unteren Fenster waren mit
Läden verschlossen, die oberen schauten trüb in den hellen Tag
lag das Schloß da. Seit Ewigkeiten schien schon kein Mensch mehr darin zu
wohnen. »Laß uns hinten schauen«, sagte Karl. Abseits im
schräg abhängenden, weiten Obstgarten häuften Bauersleute
ein älterer Mann und ein Weib das trockene Heu. Rechts über
der grasigen Schräge fing ein dichter verwilderter Park mit riesigen
Tannen und Fichten an. Er grenzte an die langgezogenen niederen Stallungen, die
auf dieser Seite des weiten Platzes vor dem Schloß
lagen. »Großartig!« sagte ich bewundernd zu Karl:
»Mensch, da könnte man Künstlerfeste machen! Ganz
gewaltige!« Ein zerfallenes, eingetrocknetes Springbrunnenrondell, mit
vermodertem Laub gefüllt, lag da, als wir die paar Treppen zur
Hintertür hinaufstiegen. Wir klopften, schrien, warfen kleine Steinchen
auf die dunklen Scheiben der oberen Fenster. Nichts, stockstumm blieb es.
»Hm, der wohnt vielleicht gar nicht da? Das Schloß ist
ihm zu groß«, meinte ich, und nach einigem vergeblichen Klopfen und
Schreien gingen wir hinunter zu den Bauersleuten und fragten. Sonderbar, die
zuckten nur ab und zu die Schultern und redeten herum, der Doktor sei im Jahr
oft bloß ein oder zwei Tage da. Weiter wußten sie nichts.
Kopfschüttelnd gingen wir hinauf zum verlassenen Schloß und sahen
uns nebenher noch die Ställe an. Etliche Kühe, sechs Pferde, Schweine
und Hühner mußten Hesses Eltern gehalten haben, um sich mit Milch,
Butter, Eiern und Schinken selber zu versorgen. Nun pfiffen Mäuse
aufgeschreckt im vermoderten Heu, und im Kuhbarren lief eine fette Ratte.
»Schauderhaft, daß er alles so verkommen läßt.
Schade, schade«, sagte ich vor den niederen Schweineställen. Hier
war wenigstens noch die Tür ganz und saß im Schloß. Karl
rüttelte daran, und sie ging auf. Da stand in diesem
spinnwebüberzogenen Mief ein Metallbett mit schmutzigen bauschigen
Flaumdecken und Kissen, und aus diesem Gewühl ragte der kurzgeschorene
rothaarige Kopf des Doktors. Ein dunkles Nachtkästchen mit einer
elektrischen Stehlampe, einem Wecker, einem Aschenbecher voller Zigarrenstumpen
und kalter Asche stand daneben. An der Wand, mit den darübergehängten
Kleidern, stand ein Sessel, daneben ein kleines dunkelfarbiges
Mahagonitischchen mit einem Spirituskocher und verschiedenen schmutzigen
Tassen, Töpfen und Kannen, und weiter hinten gab es noch ein metallenes
Waschgestell mit einer Schüssel voll trübem Seifenwasser. Der
Schlafende schreckte auf, starrte kurz und brüllte zornig: »Raus mit
euch! Raus da! Ich komm' später!« Unser verblüfftes
Lachen erstarb uns, so giftig war seine Aufwallung. Wütend drehte er sich
um und ließ uns stehen. »Gut, gut, auf Wiedersehn!« riefen
wir gleicherzeit. Karl zog die Tür zu, und wir fuhren heim. Erst
spät nach dem Nachtessen kam er, schaute uns unbestimmt an und sagte
scherzhaft vorwurfsvoll: »Einen so aus dem schönsten Schlaf zu
schrecken!« Sagte es, als wäre alles andere eine unerhebliche
Selbstverständlichkeit, über die kein weiteres Wort zu verlieren sei.
Eilsamer als sonst setzte er sich an den Tisch und mischte die Karten. Da er
uns aber doch ansah, daß wir ihn fragen wollten, konnte er nicht anders.
»Ach, der alte Kasten! Losbringen tu ich ihn auch
nicht!« minderte er sein schönes verkommenes Schloß herab und
erklärte rundheraus: »Mein Loch ist mir gut genug! Ich will
mir den Schützengraben schon gar nicht erst abgewöhnen, es kracht
sowieso bald wieder« Das, so wollte es mir vorkommen, war
wieder seine Melancholie, die hilflose Trauer über die Unabwendbarkeit des
Schlechten und Bösen. Quelle: Gelächter von
aussen. Aus meinem Leben 19181933. München: List, 1994. Oskar
Maria Graf Werkausgabe Band X. Seiten 441-43. Das Schlößl
gibt es nicht mehr. |