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Graf
Oskar Maria Graf: Unruhe um einen Friedfertigen
Roman. Mit einem Nachwort von Hans Dollinger. München: Süddeutscher, 1975. Gebunden, 533 Seiten –
Oskar LinksOskar Literatur

Bisher kannte ich nur das ausgezeichnete Hörspiel aus dem Jahre 1984 (siehe Oskar Hörspiel, Oskar Links und Oskar Literatur). Der Roman kann auf über 500 Seiten noch mehr Kraft entfalten.
Die breit angelegte und spannende Handlung will ich hier nicht nacherzählen. Man kann sie überall in Literaturlexika und im Web finden und nachlesen.
Graf zeigt das lange Leben des Schusters Julius Kraus in seiner Dorfgemeinschaft in Auffing. Viele Nebenfiguren schnitzt der Autor charakterlich ausgezeichnet dazu.
• Kraus will sein Leben ohne zu starke Anteilnahme an den Händeln, den Intrigen oder gar der Politik machen. Es misslingt, weil man sich nicht einmal auf einem oberbayerischen Dorf dem Lauf der Zeit entziehen kann. Der Friedfertige wird am Ende gelyncht. Krausens Einstellung  erinnert an das heute oft gehörte und ebenso verderbliche: „Wer nichts zu verbergen hat, hat nichts zu befürchten“ (Oskar Links).
• Neben einigen anderen verkörpert Kraus den Dörfler, der sich um wenig schert, außer dem, was der Brauch ist: siehe seine aufgesetzte Religiösität und seine Neigung den Jesuiten gefällig zu sein.
• Julius Kraus fällt außerdem in vielen Punkten aus dem Klischee des Juden heraus, ist ihm sogar entgegengesetzt. Auch das schützt ihn nicht vorm blinden Hass des Mobs.
• Über Heiner Geißlers bösen Ausspruch, der Pazifismus der 30er Jahre habe Auschwitz erst möglich gemacht, ärgerte ich mich schon immer (Oskar Links). Ein Körnchen Wahrheit liegt schon darin, wie Graf am friedfertigen Kraus zeigt. Trotzdem gehört die Sympathie des Autors seiner Hauptfigur.
• Kraus zieht sich zurück, während sein Sohn in die USA auswandert und dort sein Glück macht; genauer gesagt: er macht Geld. Sein Vater erbt es – aber er verschenkt es!
Erfolgt die Meinungslosigkeit und Schwäche zur Stellungnahme aufgrund der Vorerlebnisse des Schusters in Galizien? Oder ist es einfach sein Charakter?
Graf musste sich nicht verstellen um diesen Roman in volkstümlicher Umgangssprache zu schreiben. Er wird damit leicht lesbar (zumindest für Oberbayern Graf). Trotzdem gibt er manchen Personen eigene Stimmlagen. Auch der Erzähler bedient sich einer ungekünstelten Sprache und verwendet ohne Scheu seltene Wörter oder heute ungebräuchliche starke Beugungen. Personennamen erhalten meist einen Artikel. "Der [!] Kraus ging wieder in die Kuchel [!] zurück, schloff [!] in seinen noch feuchten, derben Stiefel und ..." (S. 212). Auch ganz profane Sachverhalte vermag Graf kernig zu benennen. Auch hierzu ein Beispiel: "Ganz in der schwimmenden Ferne zackte sich das Gebirge" (S. 127).
Die Lesefreude wird durch Abwechslung hochgehalten.
• Dokumentarische Absätze nageln den Roman in der deutschen Geschichte fest. Insgesamt begreift der Leser nach dem Zuklappen des Buchs, wie der Nationalsozialismus ganz allmählich seine krakigen Hände auch aufs Dorf erstrecken konnte. Auch die Roaring Twenties auf dem Lande werden eindrücklich beschrieben (15. Kapitel).
• Öfters flicht Graf kurze ausgezeichnete Landschafts- und Jahreszeitenskizzen ein, meist nur drei Zeilen, seltener fünf, wie hier:
"Der Tag war wie mit zartem, gelbem Gold überzogen. Die Wiesen mit den Heuhaufen schienen geruhig zu schlafen. Unbewegt breiteten sich die Weizen- und Kornfelder aus. An den Apfelbäumen glänzten die noch grünen Äpfel. Am blassen Himmel schwammen einige Wölkchen." (S. 368)
• Gelegentlich dachte sich Graf auch eigene Wörter aus oder verwendete sie in fremden Zusammenhang: "Ganz in der schwimmenden Fern zackte sich das Gebirge" (S. 127) – "fischgeschwind" (S. 137). Das ist griffig, kernig und passend.
• Wenn ich es recht erinnere kommt nur ein nicht-fiktionaler Ortsname vor (München wird nicht genannt; Berlin: ich bin mir unsicher): Traunstein, die Stadt wo die Gerichtsangelegenheiten verhandelt werden. Trotzdem läßt sich der Roman gut in der oberbayerischen Heimat Grafs verorten.
• Geradezu eine Kurzbeschreibung des gesamten Romans liefert der Erzähler hier:
"Die Welt ging ihren Gang, das Leben lief unbarmherzig weiter und schleifte ihn mit wie jeden seinesgleichen. Zum Nachdenken war keine Zeit. Nicht einmal ausweichen konnte man" (S. 205).
Leitmotivtechnik
• Ein wichtiges Thema des Romans ist das Schicksal, besonders die Äbhängigkeit der kleinen Leute vom Wirken der Mächtigen in der Stadt und Regierung. Schuster Kraus hat dafür ein Wort: "A-bopa". Graf könnte es – entsprechend der bairischen Neigung französische Wörter zu übernehmen – von "embonpoint"/ "Wohlbeleibtheit, Körperfülle; Bäuchlein, Spitzbauch" (Fremdwörter-Duden, 1966), typische Eigenschaften von Amtspersonen, haben. (Gerhard Mersmann 1986, S. 89, und Ulrich Dittmann 2005, S. 116; beide siehe Oskar Literatur.)
Im Roman wird das A-bopa oft aufgegriffen und erläutert, so beispielsweise:
"A-bopa, damit meint man alles, was einem rechtschaffenen Menschen das Leben verbittern kann ... Mit einem Wort, die ganzen Widerwärtigkeiten vom Staat, von den Ämtern vom Gericht und der Polizei, – das ist A-bopa ..." (S. 15).
• Das zweite wiederholte Motiv ist die vorsichtige Haltung des Schusters. An vielen Stellen des Romans ergibt sie sich ganz natürlich. Julius Kraus will sich aus allem heraushalten, "auf nichts einlassen" (S. 72), auch noch, als der braune Wahn überhand nimmt. Und so erhält Unruhe um einen Friedfertigen mit der Leitmotivtechnik weitere Parallelen zu Richard Wagner: Die Meistersinger von Nürnberg. Hauptperson dort der Schuster Hans Sachs mit dem Lehrbuben David. Im dritten Akt hebt Sachs zum berühmten Wahnmonolog an:
Wahn! Wahn!

Überall Wahn!

Wohin ich forschend blick
 ....
Julius quält und schindet sich nicht über Gebühr, doch Wahn umgibt auch ihn.
Kurioses
Elias Canetti dachte sich für seinen ersten Roman Die Blendung Siegfried Fischer, genannt Fischerle, ein Schachgenie, aus. Vierzig Jahre später entriss Robert Fischer, USA, den Schachweltmeistertitel aus den Händen der Russen.
• In Unruhe um einen Friedfertigen vermittelt der fanatische Nazi Silvan für seinen Vater einen einschlägigen Anwalt in München. Graf benamst ihn Übelacker (S. 320).
Rudolf Übelacker
(* 1936), Ex-Bundesvorsitzender des Wittikobundes und im Bundesvorstand der Sudetendeutschen Landsmannschaft, wird dem stark rechten Lager zugerechnet. Noch heute gibt es mehrere Münchner Rechtsanwälte Übelacker (keine Verbindung mit dem Roman beabsichtigt; nur eine kleine Kuriosität).
• Metzger Jakob Hingerl, Wirt von Schloss Weylarn (S. 231). Nahe Wasserburg am Inn in Albertaich bei Obing gibt es das Gasthaus Hingerl (GrafGasthaus - Pension - Hingerl in Albertaich).
Stimmen zu Unruhe um einen Friedfertigen
Thomas Mann: "Selten ist die kleine Welt so gültig für die große eingestanden"
(Helmut Pfanner: "Oskar Maria Graf in Amerika", S. 125, in: Heinz Ludwig Arnold, Hg.: Oskar Maria Graf. München 1986, S. 120-130)
Kurt Kesten: "Graf hat es hervorragend verstanden am Beispiel des Untergangs dieses Dorfes die ganze deutsche Katastrophe zu enthüllen", Aufbau 13:50, 12. Dezember 1947, S. 15
Heinrich Mann: "Der Verfasser steht auf eigenem Boden, »da feit si nix«. Nun ist Realismus etwas Sicheres, realistische Romane wird es immer geben, dafür bleibtn sie oft mittelmäßig. Dieser nicht. Seine intensive, gesteigerte Wirklichkeit gelangt mehr als einmal zu alleräußersten Romanszenen, ich fand mich in der – nicht mehr häufigen – Kunst der Meister",
6. Februar 1948 in einem Brief an Wieland Herzfelde, zitiert nach Georg Bollenbeck: Oskar Maria Graf. Reinbek 1985, S. 149, Oskar Rezension.
Ulrich Dittmann, Literaturwissenschaftler, Graf-ologe: "Die Spannung zwischen Stadt und provinziell-bäuerlichem Umland hat keinen authentischeren Zeugen als OMG, ...".
Das OMG-Journal. Nachrichten der Oskar-Maria-Graf-Gesellschaft
8:10, 10. September 2009, S. 2.
Dittmann bezog sich dabei nicht direkt auf Unruhe um einen Friedfertigen, aber es passt genau.
Rezeption
• 1947 Unruhe um einen Friedfertigen erscheint in deutsch im New Yorker Verlag Aurora
• 1948 Sowjetische Besatzungszone
• In Westdeutschland hielt man den Roman für problematisch. Man mutete ihn den Lesern erst 28 Jahre nach Erscheinen zu (Dittmann 2005, S. 113). Auch viele andere Bücher zur deutschen jüngsten Vergangenheit von Exilautoren hielt man in der BRD für nicht opportun (Dittmann 2005, S. 114).
• 1975 Süddeutscher Verlag, München; Hans Dollinger, Hg.
• "Grafs Buch fehlt dort, wo man Meisterwerke vermutet, in dem Standard-Nachschlagewerk für literarische Texte, in Kindlers Literatur-Lexikon, das eine Art Gegenwartskanon wichtiger Literatur repräsentiert", vermerkte Ulrich Dittmann 2005 (S. 108).
Zu ergänzen ist: in der Neuausgabe des KLL hat sich die Situation um keinen Deut verbessert
(Oskar OMG in Kindlers Literatur Lexikon)
Exil versus Innere Emigration
Zufällig las ich unmittelbar vor Unruhe um einen Friedfertigen Werner Bergengruen: Der Großtyrann und das Gericht (Oskar Rezension). Damit drängten sich Überlegungen zu Exil und Innere Emigration auf. Siehe dazu: Friedrich Denk: Die Zensur der Nachgeborenen. Zur regimekritischen Literatur im Dritten Reich, Oskar Links. Graf jedenfalls roch den Nazi-Braten schon früh und landete nach einigen Stationen in den USA. Nur zu Besuchen kam er noch nach Deutschland; das hat viele Gründe. Jedenfalls trat Graf in New York (und bei einem späteren Deutschlandbesuch auch im Münchner Theater; was ihm schlimm angekreidet wurde) immer mit der Lederhosn auf. Wilfried Schoeller, Literaturkritiker, Professor für Literatur und Graf-Kenner, meinte mal, das wäre im Vollzug des Diktums von Thomas Mann: "Wo ich bin ist die deutsche Kultur".
Hörspiel
Hörspiel in zwei Teilen nach dem Roman von Oskar Maria Graf
Produktion des Bayerischer Rundfunk und des Südwestfunks, 10./11.6.1984; Dauer: 144 Min.
Regie: Ulrich Heising, Bearbeitung: Sebastian Goy
Mitwirkende: Walter Schmidinger, Irm Hermann, Günther M. Halmer, Willy Harlander; Musik: Biermösl Blosn.
Nicht verwechseln mit der Hörbuchausgabe, gelesen von Hans-Joachim Hegewald, 13 Kassetten!
Unruhe um einen Friedfertigen ist ein grossartiger Roman, rundum gelungen und wird anscheinend völlig unterschätzt (im KLL ist er nicht aufzufinden). Man kann ihn als Unterhaltungsroman bester Prägung empfehlen, aber auch als geschichtliches Drama, Aufklärung über die Zeit vom Ersten Weltkrieg bis zu Hitlers Machtergreifung und als Ausgangspunkt für wichtige Themen, die nicht alle in der obigen Besprechung aufgeführt werden konnten.
Zählt zu den wichtigen Romane des 20. Jahrhunderts.
Links
Oskar Oskar Maria Graf
GrafBild der Erstausgabe Unruhe um einen Friedfertigen von 1947
GrafTanjev Schultz: "Beängstigend großartige Zeit- und Milieuschilderung", Das Parlament 12-13, 2004.
GrafAurora-Verlag, New York, in dem 1947 Unruhe um einen Friedfertigen in deutsch erschien
GrafHörspiel-Besprechung bei Perlentaucher
GrafHörspiel über die Umbrüche im frühen 20. Jahrhunderts
GrafHans Dollinger, * 5.2.1929, Biberach an der Riß
GrafWilfried F. Schoeller
Oskar Friedrich Denk: Die Zensur der Nachgeborenen. Zur regimekritischen Literatur im Dritten Reich
Oskar „Wer nichts zu verbergen hat, hat nichts zu befürchten“
Oskar Zitate Heiner Geißler, CDU
Erfolg Heinz Küpper: Simplicius 45
Literatur
Ulrich Dittmann (2005): "Annäherung an ein Meisterwerk. Oskar Maria Grafs »Unruhe um einen Friedfertigen«". Ulrich Dittmann, Hans Dollinger, Hg.: Jahrbuch 2005 der Oskar Maria Graf-Gesellschaft. München: Allitera. S. 106-126
John Margetts (1995): "Zur Stellung des Romans »Unruhe um einen Friedfertigen« unter Oskar Maria Grafs politischen Romanen". Ulrich Dittmann, Hans Dollinger, Hg.: Jahrbuch1994/95 der Oskar Maria Graf-Gesellschaft. München: List. S. 234-250
Gerhard Mersmann (1986): "Die Welt liegt im Detail. Mikro- und Makrokosmisches im Werk Oskar Maria Grafs". In: Heinz Ludwig Arnold, Hg.: Oskar Maria Graf. München: Text + Kritik, 1986. S.86-92
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Graf Graf Oskar Maria Graf: Unruhe um einen Friedfertigen. List 2004. Taschenbuch, 477 Seiten Graf
Oskar Maria Graf: Unruhe um einen Friedfertigen. List 2003. Gebunden, 478 Seiten Graf
Graf GrafOskar Maria Graf: Unruhe um einen Friedfertigen. 2 CDs. Der Audio Verlag, 2002. Hörspiel, 144 Min. Mitwirkende: Walter Schmidinger, Irm Hermann, Günther M. Halmer, Biermösl Blosn 
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 29.9.2010