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Klinger
Hans Klinger: Gestorben wird erst später ... Ein deutscher Lebenslauf
St. Michael (A): Bläschke, 1984. 257 Seiten – Hans LinksHans Literatur
estermann
Josef Estermann
© Johann Klinger
mit freundlicher Genehmigung
Josef Estermann, dessen Lebenslauf hier beschrieben wird, tritt rasant als junger Erwachsener ins Buch: er kämpft bei den Roten zu Zeiten der Räterepublik 1918 in München und entkommt zum ersten Mal knapp einem frühzeitigen Lebensende.
Hans Klinger stellt in seiner Biografie eines aufrechten Wasserburgers aus dem 20. Jahrhundert diesen als Geschobenen dar. Zwar macht er sich zeitlebens die richtigen Gedanken, kommt – im Gegensatz zu vielen Bürgern (und wohl auch dem Autor in der damaligen Situation, siehe dessen andere Werke) – zu den richtigen Schlüssen, aber er hat keinen politischen Ehrgeiz, vielleicht fehlte ihm auch der Machttrieb. Stattdessen wird er mehr als einmal in seinem Leben das Opfer der Umstände und Intrigen. Doch wenn es darauf ankommt ist auf ihn zu zählen. Das gilt nicht nur im politischen Bereich sondern auch gegenüber Familie und Kameraden.
Es gibt einige vom Autor spannend geschilderte Entscheidungspunkte im Leben Estermanns. Ewig wird er in den Annalen geführt werden als beherzter Retter Wasserburgs am Kriegsende April und Mai 1945 und dann für kurze Zeit als 1. Bürgermeister.
Durch Verleumdung wird er als Spitzel der Gestapo verdächtigt. Wenn der Lebenslauf stimmt (Hans Klinger versichert im Vorwort: "diese Geschichte ist wahr und in jeder Phase belegbar", S. 5), dann ist der Vorwurf lächerlich. Ganz sicher war sich der Autor aber nicht, denn er läßt die letzte Klärung des Vorwurfs offen. Weiteren Aufschluß gibt die Arbeit Fabian Pleiziers, siehe unter Hans Links.
Manche geschichtliche Einschätzung des Autors ist zweifelhaft. So bezweifle ich die "Weitsicht" Josef Stalins, die ihm Klinger zuschreibt. Dieser habe schon 1931 auf die (wirtschaftliche?) Niederlage der Nazis gesetzt (S. 88). 1931 waren die Nazis noch weit von der Macht entfernt und es hätte auch anders laufen können.
Im "Endkampf" der Wehrmacht billigt der Autor den Soldaten die Berufung auf den Fahneneid und die "eingeschworene Frontkämpferehre" zu (S. 187). Die extrem hirnlosen Morde dieser Fanatiker an der Zivilbevölkerung und der FAB (siehe Hans Hintergrund) sind der verbohrten Devise des Kampfs bis zum letzten Mann anzulasten. 
Hintergrund
Die Freiheitsaktion Bayern (FAB): eine Widerstandsbewegung in Südbayern in den letzten Kriegstagen des Zweiten Weltkriegs (6. Kapitel "Fasanenjagd")
KlingerBr online (mit Video) – KlingerKulturreferat der Landeshauptstadt MünchenKlingerWikipedia
KlingerWiderstand und Terror: Ein Ende mit Schrecken
Bernhard Steinberger
Bei einer Mitgliederversammlung der KPD im Stechl-Keller Ende 1945 muß sich Josef Estermann vor den Genossen verantworten. Nach der Versammlungseröffnung erhält "Steinberger, der von Joseph vor etlicher Zeit als Leiter des Wirtschaftsamtes berufen worden ist" das Wort (S. 225). Er erhebt als Anstachler starke Vorwürfe gegen Estermann (S. 226). Zur nächsten KPD-Versammlung nennt die Rederliste Bernhard Steinberg (ohne "er"; S. 228).
Bernhard Steinberger (17. September 1917 München – 16. Dezember 1990 Berlin) hat ein bewegtes Leben hinter sich.
"Im September 1945 wird Steinberger nach München repatriiert und übernimmt im Auftrag der KPBayern bald die Leitung des Wirtschaftsamtes B im Landkreis Wasserburg/Inn, später (Mai 1946) wird er Kreissekretär der KPWasserburg/Inn und leitet außerdem die Abteilung Wirtschaft und Kommunales in der Landesleitung der KP Bayern" (Jahn 2003, S. 742; siehe Hans Literatur).
1947 geht Steinberger in die DDR und die folgenden mehr als vierzig Jahre werden noch bewegter, gehört er doch zum Dissidentenkreis um Wolfgang Harich.
"Harich wird mit seinen Ideen und seinem rhetorischen Talent rasch zur zentralen Figur eines Diskussionszirkels beim Berliner Aufbau-Verlag, zu dem Verlagsleiter Walter Janka, der Philosoph Manfred Hertwig und der Wirtschaftswissenschaftler Bernhard Steinberger gehören." harich"Vor 50 Jahren: SED-Philosoph Wolfgang Harich wird verurteilt. Weg vom Stalinismus", WDR 9.3.2007
9.3.1957 "In Ostberlin werden Wolfgang Harich, Bernhard Steinberger und Manfred Hertwig wegen »Bildung einer konspirativen staatsfeindlichen Gruppe« zu hohen Zuchthausstrafen verurteilt; gegen die der selben Vergehen bezichtigten Walter Janka, Heinz Zöger, Gustav Just und Richard Wolff werden im Juli des Jahres ebenfalls Zuchthausstrafen verhängt." harichDer Kalte Krieg
Man lese weiter bei Jürgen Jahn (Hans Literatur) und unter den Hans Links.
Die SS-Grenadier-Division „Nibelungen“ zog sich die Division Anfang Mai über Wasserburg (S. 207) und den Chiemsee nach Traunstein zurück. Endlich, am 8. Mai 1945 ergab sie sich in Reit im Winkl den amerikanischen Truppen. harich38. SS-Grenadier-Division „Nibelungen“
Persönliche Anmerkung
In den 70-er Jahren des letzten Jahrhunderts kam ich in den Tegernseer Bergen mit einem älteren Bergsteiger ins Gespräch. Er kannte Josef Estermann vom Kriegsende her und wurde nicht müde ihn zu loben. So strahlte Estermanns Rechtschaffenheit auch einmal über mir.
Fazit
Ein faszinierender Lebenslauf und zugleich ein Gang durch die Geschichte Bayerns im 20. Jahrhundert, Schwerpunkt erste Hälfte. Für Wasserburger wegen den zahlreichen lokalen Bezüge eine starke Leseempfehlung.
Vergleichsliteratur
Hans Geschichtswerkstatt Kolbermoor: Jahrbuch zur Geschichte Kolbermoors. Bd. 2. Kolbermoor 2004. 222 Seiten
Hans Egon Günther: Bayerische Enziane. Hamburg: Edition Nautilus, 2005. Gebunden, 249 Seiten
Hans Walter Kolbenhoff: Von unserem Fleisch und Blut. Frankfurt: Fischer, 1978. Taschenbuch, 227 Seiten
Manuel Schwanse: Die Ernährungslage in Bayern 1945 - 1950 unter besonderer Berücksichtigung des Landkreises Wasserburg a. Inn. Stadt Wasserburg am Inn, Hg. 2016. Magisterarbeit an der Ludwig-Maximilians-Universität, München. Broschiert, 108 Seiten
Links
Hans Hans Klinger
KlingerDr. Ludwig Scheidacher: "150 Jahre Altstadtkindergarten 2007", mit dem Schreiben des Bürgermeisters Josef Estermann an das Institut der Englischen Fräulein: Wiedereröffnung des  städtischen Kindergartens am 17.9.1945, Stadtarchiv Wasserburg
KlingerFabian Pleizier: "Die Entnazifizierung in Wasserburg am Inn am Beispiel des Kriegskreisleiters Kurt Knappe. Ein lokalhistorischer Beitrag zur Teilnahme am regionalen und lokalen Wettbewerb", 2005 (pdf)
Bernhard Steinberger
KlingerWiderstand gegen den NationalsozialismusKlingerWikipedia
Literatur
Jaromír Balcar: „»Sand im Getriebe« – Ein Sozialdemokrat als Landrat von Wasserburg“, S. 150-152. In: Jaromír Balcar: Bayern im Bund: Politik auf dem Land: Studien zur bayerischen Provinz, 1945 bis 1972
Jürgen Jahn: „Erinnerung an Bernhard Steinberger“. In: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2002. Berlin: Aufbau, 2002.
Jürgen Jahn: „Geraubte Jahre. Der Lebensweg des Bernhard Steinberger“. Utopie kreativ 153/154 (2003). S. 741-750; online unter 2 Adressen: Klinger1 - Klinger2 (pdf)
Hans Klinger: „Der unheilige Josef. Estermanns wirre Wege“, Wasserburger Zeitung, 16. / 17.11.1982 und 29.11.1982
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Klinger KlingerHans Klinger: Gestorben wird erst später... Ein deutscher Lebenslauf. St. Michael (A): Bläschke, 1984. Broschiert, 257 Seiten Balcar
Jaromír Balcar: Bayern im Bund: Politik auf dem Land: Studien zur bayerischen Provinz, 1945 bis 1972. München: Oldenbourg, 2003. Gebunden, 597 Seiten Klinger
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