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Baumgartner
Hans Baumgartner: Momentaufnahmen. Literarische Bonsais
Wasserburg: Wasserburger Bücherstube. Broschiert, 109 Seiten – Hans LinksHans Literatur
Oft liest man, dass die Aufmerksamkeitsspanne der Zeitgenossen kürzer wird; Fernsehen und Schnitte in Filme belegen es. Andrerseits feiern aber lange Romane seit Jahren grosse Erfolge. Die ersten fünf Bücher der aktuelle SPIEGEL Bestsellerliste Belletristik (Hardcover 52/2014) haben folgende Seitenzahlen: 432 + 1216 + 560 + 528 + 480, durchschnittlich also 643 Seiten. Der darin vertretene Ken Follet und die Krimis werden – so sagt man mir – echt gelesen. Kurzgeschichten gehen nicht – so sagt man ebenfalls –, so dass manche Autoren / Verlage wenn überhaupt Kurzgeschichten, dann nur irgendwie zu einem Roman zusammengebastelt herausbringen.  Literaturwissenschaftler, Psychologen  u.a. müssen dieses auf den ersten Blick Widersprüchliche erklären.
Dabei sind gute Kurzgeschichten bestens für den Menschen von heute geeignet: man liest sie an einem Stück, muss sich weder Personen noch Handlungsstränge merken und hat dann Zeit für anderes.
Die Momentaufnahmen, die der Wasserburger Autor Hans Baumgartner hier vorlegt, sind Kürzestgeschichten, haben also wenig Chancen auf dem Buchmarkt. Diese Besprechung möchte das aufbessern, denn Momentaufnahmen, Untertitel: Literarische Bonsais, sind es wert gelesen, wieder gelesen und verschenkt zu werden.  
Die netto kaum hundert Seiten kommen im Format und Aussehen der Reclamreihen daher. Das suggeriert Beständigkeit. Dieser Fingerzeig wird durch die Inhalte voll bestätigt.
Der Autor hat die Kürzestgeschichten in drei Abteilungen gegliedert: sie sind mit Sprüchen anderer Autoren markiert.
  • „Man braucht nicht viel Besonderes zu sehen. Man sieht so schon viel.” (Robert Walser: Kleine Wanderung)
  • „Das wunderbare Utopien liegt oft dicht vor unseren Füßen, aber wir sehn mit unsern Teleskopen darüber hinweg.” (Ludwig Tieck: Peter Lebrecht)
    [Vergleiche dazu aber ziemlich gegensätzlich: „Der Blick des Forschers fand
    Nicht selten mehr, als er zu finden wünschte.” Tempelherr in Gotthold Ephraim Lessing: Nathan der Weise]
  • „Es ist eigentlich alles erwähnenswert” (Franz Hohler: Der Autostopper)
Die Richtung ist klar: Baumgartner will zeigen, dass man im Alltäglichen oft das Besondere übersieht. Ein Kind lächelt über dem fließenden Inn über den fließenden Inn. Nimm Dir auch mal Zeit eine Minute lang über das Geländer der Wasserburger roten Brücke zu schauen!
Keinesfalls bedeutet der Grundton der Geschichten, dass alles Banale besonders oder erwähnenswert ist, wie es heute üblich ist, jeden Krampf auf Facebook der Welt mitzuteilen oder im 51-er Bus in München jemand anzurufen um mitzuteilen, dass man jetzt gleich zur Oettingenstraße kommt.
Ganz im Gegenteil. Wer die Geschichten aufmerksam liest, wird selbst merken, was stattdessen gemeint ist.
Man kann kaum die besten Miniaturen nennen, jede(r) wird andere für gut oder sehr gut halten. Trotzdem: ganz stark sind „Verstecke”, S. 38, und natürlich beim Autor als erfahrenen Berggeher: „Bergsteigen”, S. 61. Hundsgemein ist „Osterspaziergang”, S. 44. Andere, wie „Früher und heute”, S. 78, muss ich wohl mehrmals lesen: diese Momentaufnahme erfordert bei mir eine längere Belichtungszeit.
Noch ein letzter Tipp: Überschriften mitlesen und beachten ist oft hilfreich.
Ich gebe noch drei Nicht-Baumgartner Beispiele um die Richtung anzudeuten.
  • Vor Jahrzehnten faszinierte mich das Buch aber auch das Umschlagbild zu Siegfried Sterner: Die Kunst zu wandern (siehe Hans Literatur). Das Foto zeigt einen scheinbar unscheinbaren Waldweg, der aber einen unheimlichen Sog entwickelt. 
  • Beim zweiten Buch zog mich der Untertitel an: Appalachian Trail: Wilderness on the Doorstep. Man braucht nur vor die Tür zu gehen und findet Abenteuer genug. Lange bevor es den Rummel um den Jakobsweg gab, zog ich deshalb durch deutsche Wälder und folgte auf Teilstücken dem abenteuerlichen Appalachian Trail, der im Osten der USA von Maine bis Georgia führt.
  • In Paul Auster: „Auggie Wren's Christmas Story” geht der Erzähler Auggie Wrens Photoalbum durch: Tausende von Fotos, Tag für Tag um exakt 7 Uhr fotografiert an der Ecke Atlantic Avenue und Clinton Street, New York City. Während der Betrachter die Seiten und Fotos überfliegt ermahnt ihn Auggie: „You're going too fast. You'll never get it if you don't slow down”. Er hatte recht. Der Erzähler erkennt: „If you don't take the time to look, you'll never manage to see anything”. 
    Hans Rezension: Paul Auster: „Auggie Wren's Christmas Story”
Ein letzter Exkurs
Neben den Kurzgeschichten sind im angelsächsischen Sprachraum auch kürzeste Geschichten beliebt. Es gab sógar Wettbewerbe dafür. Ernest Hemingway brachte eine ganze Welle ins Rollen: Kurzgeschichten mit exakt sechs Wörtern. Seine Vorgabe:
„For sale: baby shoes, never worn.”
war kaum zu übertreffen. Hier zwei Sechs-Wörter-Stories die Hemingway das Wasser reichen können:
„Longed for him. Got him. Shit.” (Margaret Atwood)
„Slow lane. Fast lane. Hard shoulder.” (Alex Hansen)
Siehe dazu unter Hans Literatur und Hans Die kürzesten Geschichten
Die Buchbesprechung wurde jetzt fast so lang wie das Büchlein selbst. Allen Lesern wird nun klar sein: Momentaufnahmen besorgen und immer wieder drin Lesen!
Links
Hans Baumgartner: BaumgartnerAutor –  Hans auf Lesekost
BaumgartnerWasserburger Bücherstube
BaumgartnerBuchvorstellung: Momentaufnahmen – literarische Bonsais, Wasserburger Stimme, 24.11.2014
BaumgartnerUnterhaltsamer Abend mit "Momentaufnahmen" und Musik, OVB, 2.12.14
Hans Literarisches zu Wasserburg am Inn
Hans Kurzgeschichtenanthologien, –sammlungen
Hans Die kürzesten Geschichten
Hans Rezension: Paul Auster: „Auggie Wren's Christmas Story”
Literatur
Baumgartner
BaumgartnerHans Baumgartner: Momentaufnahmen. Literarische Bonsais.
Wasserburg: Wasserburger Bücherstube. Broschiert, 109 Seiten

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Sterner Sterner Siegfried Sterner: Die Kunst zu wandern. Wann wie und womit Wandern zum sinnvollen Erlebnis wird. Düsseldorf, Wien: Econ, 1975. Gebunden, 215 Seiten Sutton
Ann Sutton, Myron Sutton: Appalachian Trail: Wilderness on the Doorstep. Lippincott Williams & Wilkins, 1967. Gebunden, 180 Seiten Sutton
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 25.12.2014