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Kerr
Charlotte Kerr: Die Frau mit dem roten Mantel
München: Piper, 1992. 278 Seiten – kerr Autor Dürrenmatt – Zitate von kerr Friedrich Dürrenmatt
Die Journalistin, Schauspielerin, Produzentin und Regisseurin Charlotte Kerr (Wikipedia: "Entgegen anderslautenden Angaben war sie keine Tochter des Berliner Theaterkritikers Alfred Kerr"), lernte 1983 den Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt kennen. Sie heirateten 1984.
In Die Frau mit dem roten Mantel schildert Charlotte Kerr diese außergewöhnliche Beziehung bis zum Tode Dürrenmatts im Dezember 1990.
Das Werk gibt dabei nicht nur Aufschluß über den alternden Fritz Dürrenmatt, sondern auch über sein Spätwerk und über das Schaffen der Filmerin Charlotte Kerr. Daraus ergibt sich, daß es für mich, der weder das eine noch das andere kennt, stellenweise nichtssagend blieb. Andrerseits verwendet Kerr recht unterschiedliche Darstellungsformen: Werkberichte, Reiseeindrücke, Erlebnisschilderungen, Notizen Dürrenmatts, Gedichte, Interviews, Dialoge. Dadurch wird es sehr abwechslungsreich. Am besten gefielen mir Episoden, die gerade nicht direkt mit Dürrenmatt oder Kerrs Beruf zu tun hatten: das gelungene Interview (S. 84-85), der Hubschrauberflug um Eiger und Matterhorn (S. 167-68), die Schilderung ihrer Depression (S. 173-76), die Fahrt nach und Umkehr in Yverdon (S. 196-203). Wendet sich die Autorin aber Dürrenmatt und seinem Schaffen zu, fällt sie in einen journalistischen Notizzettel-Stil, in dem Wortgruppen aneinandergereiht werden. Dazu ordnet sie die unterschiedlichen biografischen Absätze nicht, sondern präsentiert sie zeitlich chaotisch (eine Eigenschaft Dürrenmatts), was erneut die Rezeption für den Nicht-Dürrenmatt-Kundigen erschwert.
Obwohl die Dürrenmatts wohl eher ein Leben abseits des Literaturbetriebs und der High Society geführt haben, blinkt dies doch (wohl auch wegen Kerrs Beruf als Filmemacherin) ständig durch. Da fliegen sie oder einer von beiden von heute auf morgen nach München zu einer Theatervorstellung oder nach Spanien um in einer Jury einen Film zu beurteilen. Typisch für den Filmmacher-Jargon scheint mir zu sein: "Am kleinen Finger der rechten Hand trage ich einen wesentlich kleineren, unauffälligen Cabochon-Sternsaphir. Er ist mein Talisman. Ich habe ihn gekauft, als ich vollkommen pleite war, ...Ich ging hinein, probierte ihn an, er paßte, ich kaufte ihn mit meinem letzten Geld" (S. 113-14). Nun, wenn der Normalverbraucher vollkommen pleite ist, hat er kein Geld mehr für ein kleines Bier, schon gar nicht für einen Cabochon-Sternsaphir.
Randnotiz 1: Es ist bemerkenswert, wie bekannte Atheisten von den Klerikalen vereinnahmt werden. Da wird der Atheist Dürrenmatt doch glatt kirchlich beerdigt und Pfarrer Marti "wird klare, einfache Worte finden für den gotteskämpferischen Atheisten Dürenmatt" (S. 24-25). Ähnlich beim Gottes-Skeptiker Rudolf Augstein.
Randnotiz 2: "und dann und wann ein weißer Elefant" (S. 24 und 27) ist von Rainer Maria Rilke und zwar aus dem Gedicht "Das Karusell".
Wer die Spätwerke Dürrenmatts kennt oder zu den Filmen Charlotte Kerrs etwas erfahren will, ist mit diesem Buch gut bedient. Für andere ist es nur stellenweise amüsant und lesenwert.
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Charlotte Kerr Charlotte KerrCharlotte Kerr. Die Frau im roten Mantel. München: Piper, 2002. Broschiert, 278 Seiten

Charlotte Kerr
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 16.9.2016