| Friedrich Dürrenmatt: Der Verdacht. Ein
Kriminalroman In: Gesammelte Werke. Band 4. Romane. Zürich: Diogenes, 1996. S. 119-265 |
| Kommissär Bärlach hat Visite
von seinem Freund und Arzt Hungertobel. Ein Foto im "Life"-Magazin erregt die
kurze Aufmerksamkeit des Arztes und damit ich Bärlachs. Es geht um die
große Ähnlichkeit des berühmt-berüchtigten KZ-Arztes Nehle
und Emmenberger, der eine Privatklinik für Reiche unterhält.
Bärlach wittert einen neuen Fall und läßt sich in Emmenbergers
Klinik einweisen. Nun wird der Kriminalroman zum Thriller. Deshalb wird nicht mehr verraten. Ich mag keine Action-Thriller, die mir zu geistlos und meist auch wenige folgerichtig sind. Der Verdacht ist ein Spannungsthriller, wobei Dürrenmatts Text durch die Dialoge Emmenberger mit Bärlach (oder genauer: desse Monologe) für den Tiefgang sorgen. Es geht um die Begründungen ethischer Normen (wenn sie keine haben ist Emmenberger fein heraussen) und um die Verantwortung und Bestrafung. Wenn die Nazi-Täter Tiere waren (S.123), können sie nach unseren Rechtsnormen nicht bestraft werden!? Wenn der Satz stimmt: "Alle Menschen sind gleich" (S. 153), wie soll man dann einige verurteilen? Dürrenmatt führt einen Zwerg als dressierten Täter ein, von dem mir lange nicht klar war: Mensch oder Affe; erst auf S. 262 wird dieses Rätsel gelöst. Bereits 1948 brachte Fredric Brown dieses Motiv in The Dead Ringer (Zwerge sterben halb so schwer) in die Literatur ein ( Obwohl ich hintereinander Der Verdacht, Der Richter und sein Henker und eben Der Verdacht gelesen hatte, gab es keine Abstumpfung, im Gegenteil: ich fand Der Verdacht Primus inter pares. |
| Erläuterungen | |
| Life Magazin, S. 123 | Life wurde ab 1936 von Henry Luce, Herausgeber von Time, wöchentlich als unterhaltendes Nachrichtenmagazin publiziert. Es erschien in New York City und entwickelts sich als Pionier des Fotojournalismus. 1972 wurde es eingestellt.Von 1978 bis 2000 erschien es als Monatsheft. |
| KZ Stutthof, S. 123 | In Deutschland wurden ab März
1933 politische Gegner (Kommunisten, Sozialdemokraten u.a.) in polizeiliche
»Schutzhaft« genommen. Erste Konzentrationslager waren bei Dachau
und um Berlin. Die Mehrzahl der seit Kriegsausbruch Neuinhaftierten waren
Angehörige besetzter Länder, so auch im KZ Stutthof bei Danzig und
Satellitenlagern in Ost- und Westpreußen. Brigitte Jäger-Dabek: KZ Stutthof |
| Chile, S. 127 | Viele Nazis flüchteten nach dem 2. Weltkrieg nach Südamerika, oft mit Hilfe des Vatikans. Es liegt eine Ironie darin, daß Fritz Emmenberger in Der Verdacht 1932 nach Chile auswanderte und 1945 nach Deutschland zurückkehrte (S. 128). |
| The Lancet, S. 132 | Britisches medizinisches Journal, seit 1823. Begründer und erster Herausgeber Thomas Wakley, der als radikaler Reformer galt. Das Journal spielte eine ausserordentliche Rolle bei fallbeschreibungen und medizinischen und klinischen Reformbewegungen; eines der angesehensten Medizinjournale. The Lancet |
| Moliere, S. 136 | Molière, eigentlich Jean-Baptiste Poquelin,
getauft Paris 15.1. 1622 17.2. 1673 Paris; französischer
Dramatiker, Schauspieler, Theaterdirektor; |
| Balzac, S. 136 | Honoré de Balzac, 20.5.1799 Tours
18.8. 1850 Paris; |
| Hagia Sophia, S. 136 | ehemalige Sophienkirche in Istanbul, das bedeutendste Bauwerk der byzantinischen Kunst, eine Verbindung von Langhausbau und kuppelgewölbtem Zentralbau; 360 vollendet, nach dem Brand 404 in 415 neu geweiht; nach Zerstörung unter Kaiser Justinian 532 wurde sie 537 von Anthemios von Tralleis unter Mitarbeit von Isidor von Milet neu errichtet (c) Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus AG, 1999 |
| Berner Münster, S. 136 | spätgotisches Münster (1421-1598) |
| SS, S. 137 | Schutzstaffel, 1925 entstandene Sonderorganisation zum Schutz Hitlers u.a. NSDAP-Funktionäre; als Hauptbeteiligte des nationalsozialistischen Terrors eine verbrecherische Organisation |
| Coniotomie, S. 144 | Die schwierige Intubation beim Erwachsenen Coniotomia |
| Gulliver, S. 146 | Swifts »Travels into Several Remote Nations of
the World« (1726), später unter dem Titel »Gulliver's
Travels« (deutsch: »Gullivers Reisen«), besteht aus vier
Büchern. In jedem der vier unternimmt Lemuel
Gulliver eine Reise: zu den Lilliputanern; nach Brobdingnag, dem
Land der Riesen; auf die Insel Laputa, deren bewohner geistesabwesend scheinen;
ins utopische Land der Houyhnhnms, behäbige, rationale Pferde.
Jonathan Swift, 30.11. 1667 Dublin 19.10. 1745 Dublin (geistig umnachtet); Pseudonym: Isaac Bickerstaff |
| Ahasver, S. 146 |
Der Jude Gulliver wird als Ahasver
dargestellt: "Ich arbeite unsichtbar" (S. 148); "Ich bin gestorben. Die Nazis
haben mich erschossen" (S. 150); "der riesenhafte Ahasver" (S. 156); "... der
ich verflucht bin, alles zu überstehen" (S. 157); Gulliver: "... vor dir
sitzt ... das Wrack meines Leibes und meiner Seele weitergeschwemmt durch die
Strudel unserer Zeit ..." (S. 162); Gulliver: "... aus der Gesellschaft
gestoßen, du von Natur und ich, weil ich zu den Toten gehöre. Leb
wohl, Kommissar, es geht auf eine nächtliche Reise in die große
russische Ebene, gilt, einen neuen düsteren Abstieg in die Katakomben
dieser Welt zuwagen, in die verlorenen Höhlen jener, die von den
Mächtigen verfolgt werden" (S. 265). |
| Kaftan, S. 147 | sowohl ein langärmeliger, vorn offener, langer Überrock, besonders in Vorderasien, als auch ein langer, geknöpfter Oberrock der orthodoxen Juden. |
| Kännel, S. 149 | Dachrinne |
| die neun Höllen, von denen Dante singt, S. 152 | Dante Alighieri,
Mai 1265 Florenz 14.9.1321 Ravenna, schrieb die »Divina Commedia« (deutsch »Die
Göttliche Komödie«), entstanden etwa 1311-21). Darin wird der
Dichter durch das Inferno (Hölle), Purgatorio (Läuterungsberg) und
Paradiso (Paradies) geleitet. Die Hölle besteht aus neun
Höllenkreisen, ein Vielfaches der Dreieinigkeit. Vergleiche Die neun Höllen tauchen auch in Fantasiespielen und moderner Fantasy wieder auf, so in Marion Zimmer Bradley: The Mists of Avalon, in der fiktiven Welt Darkover ist Zandru der Herr der neun Höllen. |
| Syllogismus, S. 153 | Form des deduktiven Schlusses. Aus zwei Prämissen folgt die Konklusion. Standardbeispiel: Beispiel: Alle Menschen sind sterblich. Sokrates ist ein Mensch. Konklusion: Sokrates ist sterblich. |
| Korinther dreizehn, S. 160 | "Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung und Liebe, diese drei. Am höchsten aber steht die Liebe." 1 Kor 13,13 |
| Don Quijote, S. 182 | Held des Romans »Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha« von Miguel de Cervantes Saavedra (2 Teile, 1605-15), wird als erster Roman der Literaturgeschichte angesehen |
| Märit, S. 182 | schweizerisch für Markt |
| Schlufi, S. 182 | Gauner, Trottel, Depp |
| Weggli, S. 182 | Schweizerisch für eine Semmelart |
| Räppli, S. 182 | Schweizerisch für die Münzeinheit Rappen |
| Rembrandts Anatomie, S. 210 | Rembrandt, 15.7.1606 Leiden 4.10.1669 Amsterdam; schuf 1632 das große Gruppenbild »Die Anatomie des Dr. Tulp« (Den Haag, Mauritshuis) |
| »Ritter, Tod und Teufel«, S. 210 | Albrecht Dürer, 21.5.1471 Nürnberg 6.4.1528 Nürnberg, schuf 1513 den Kupferstich »Ritter, Tod und Teufel« |
| »Laßt jede Hoffnung fahren, die ihr mich durchschreitet«, S. 219 | aus Dantes Divina Commedia (siehe |
| "C'est ça", S. 223 u.v.a. | "So ist es" |
| Matthäi am Letzten S. 230 | Redensart: bei jemandem ist Matthäi am
Letzten Jetzt ist aber Matthäi am letzten!; bezeichnet Situationen mit Weltuntergangsstimmung oder zumindest das Ende; kommt von den letzten Worten des Mattäus-Evangeliums: "Seht, ich bin mit euch alle Tage bis ans Ende der Welt." Mt 28, 20 . Vergleiche: Alexander Spoerl: Matthäi am letzten. Roman um einen Weltuntergang; |
| Pestalozzi, S. 230 | Johann Heinrich Pestalozzi, 12.1.1746 Zürich 17.2.1827 Brugg, schweizerischer Pädagoge und Sozialreformer |
| Punkt des Archimedes | Archimedes, um
285 v.Chr. Syrakus 212 Syrakus, griechischer Mechaniker und
Mathematiker; "Gib mir einen Punkt, wo ich hintreten kann, und ich bewege die
Erde." |
| Schragen, S. 259 | Sägebock, Totenbahre |
| SBB, S. 261 | Schweizer Bundesbahn |
| Minotaurus, S. 261 | auch Minotauros: Mißgeburt mit Stierkopf und Menschenleib |
| Alraunwurzel, S. 262 | Wurzel des Nachtschattengewächses Mandragora. Sie hat menschenähnliche Gestalt und soll als »Zaubermittel« Glück, Reichtum, Liebe bringen. (c) Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus AG, 1999 |
| Argos, S. 262 | mehrfache Bdeutung: riesiges, starkes Ungeheuer mit zahlreichen Augen; Sohn des Zeus und der Niobe; der älteste Sohn des Phrixos und der Chalkiope; Erbauer des Schiffs »Argo« |
| Odyß, S. 262 | damit ist wohl Odysseus, König von Ithaka und Held des Epos von Homer, gemeint |
| "Liebet eure Feinde wie euch selbst", S. 263 | :"Liebet eure Feinde wie euch selbst", wird gerne als Bibelzitat wiedergegeben, steht dort aber nirgends. "Liebet eure Feinde; segnet, die euch fluchen" Mt 5,44 (Bergpredigt); "Liebet eure Feinde; tut denen wohl, die euch hassen." Lk 6,27 |
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| Friedrich Dürrenmatt: Der
Verdacht. 4 Audio-CDs mit Franziskus Abgottspon, Franz Mattner, Daniel
Reinhard. Steinbach Sprechende Bücher, 2001
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| Wolfgang Pasche:
Interpretationshilfen Friedrich Dürrenmatts Kriminalromane.
Stuttgart: Klett, 1997. Broschiert
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