Email zurück zur Homepage eine Stufe zurück
Muschg
Adolf Muschg: Eikan, du bist spät
Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2005. Gebunden, 315 Seiten – Muschg AutorMuschg LinksMuschg Literatur
Ich falle ausnahmsweise mit der Tür ins Haus und schließe mich zwei Rezensionen an:
"Ein Meisterwerk ist es nicht geworden, dafür ist «Eikan, du bist spät» zu konstruiert, zu geil und zu verklemmt." muschgEdith Krebs, WOZ Die Wochenzeitung, 05.05.2005
"Adolf Muschg erzählt von einem Cellospieler, von den Geheimnissen der Musik und von den unaufgeräumten Ecken unseres Seelenhaushalts. [...] Auf jeden Fall: ein wunderliches Buch." muschgJochen Jung, Die Zeit, 17.03.2005 Nr.12
Beim letzten Zitat lese ich "wunderlich" im Sinne von: man muß sich wundern, daß ein renommierter Autor so ein schwaches Werk veröffentlicht.
Andreas Leuchter erhält vom Schulkameraden Roman Enders nach Jahrzehnten Post: ein schwieriges Werk für Cello solo. Er übt und übt und will es in Paris aufführen. Unterwegs trifft er Sumi, seine derzeitige japanische Freundin. Sie verläßt ihn später sang- und klanglos.
Als Juror eines Musikwettbewerbs trifft er Sumi Fujiwara in Japan wieder. Sie war – ohne daß er es wußte – selbst eine begnadete Cellospielerin. Muschg schildert sie ähnlich entrückt, wie Thomas Bernhard den Glenn Gould in Der Untergeher (muschg Rezension):
"Ich kam als Journalist und glaubte ganz ordentlich Cello zu spielen, bis ich Frau Fujiwara hörte. Danach quälte ich das Instrument nicht länger." S. 180
In Japan kommt es zur Episode ... nein, das ist ein Crux: vieles erfährt der Leser aus dritter Hand: der Autor läßt es eine Romanfigur erinnern.
"Susumu erzählte von dem alten Abt Eikan, der sich jeden Morgen früh – sehr früh – im Garten des Klosters erging, um zu meditieren. Als er eines Tages verschlafen hatte, sah er zu seiner Bestürzung, daß schon einer da war, der unter Kirschbäumen wandelte und sich, als er Schritte hörte, gelassen umdrehte. Eikan, du bist spät, sagte er über die Schulter, und in diesem Augenblick wurde der Abt erleuchtet." S. 189
Genau genommen also vierte Hand: in der Erzählung Susumus sagt ein Mönch: "Eikan, du bist spät". Am Zitat sieht man eine Unart: wörtliche Rede ohne Anführungszeichen. Das wird besonders peinlich und schwierig für den Leser, wenn die wörtliche Rede nach dem Einschub "sagte er" in indirekte Rede übergeht.
Thema des Romans ist das Verhältnis der Geschlechter, der Dialog (Nicht-Dialog: in Japan stellt Lubomir die telefonische Verbindung zu Sumi her, die Pfeife Andreas nimmt das Handy nicht; S. 209) zwischen Mitteleuropa und Fernost. Innerhalb dieses interkulturellen Dialogs stellt sich der Leser die Frage, warum Japan die europäisch-klassische Musik so umfassend übernahm. Japan ist auch eine Hochburg des Jazz, also wohl allgemein empfänglich für fremde Kulturen. Eine ähnliche Frage stellt sich in Richard Powers: The Time of Our Singing (Muschg Rezension); der Protagonist dieses Romans ist ein afro-amerikanischer klassischer Konzertsänger. Dieses Thema wäre einer näheren Beleuchtung durch Adolf Muschg wert gewesen. Stattdessen zielt Muschg wohl auf das unterschiedliche Dialogverhalten.
Ich interpretiere es so, daß sich Andreas gegenüber Sumi falsch verhalten hat: sie reist ohne Aussprache ab (für mich waren kaum Spannungen erkennbar) und er hätte ihr – wenn er sie denn geliebt hätte – nach Japan nachfahren sollen. Er hat sie aber nicht geliebt (soll vorkommen), was verständlich ist, da es schon peinlich ist, wie schnell die Frauenbekanntschaften Andreas die Beine breit machen oder den Leder-Mini hochziehen (S. 226). Ein Beispiel: Auf dem Weg nach Paris trifft Andreas im Zug Jacqueline mit ihrer Tochter. Es ergibt sich eine flüchtige Bahnbekanntschaft. Später fällt ihm ihre Adresse wieder in die Hände. Er ruft sie – betrunken, um die Episode zu krönen – an, setzt sich in ein Taxi, läßt sich von Basel (?) nach Lausanne kutschieren und ihn erwartet unterm Morgenmantel "eine nach Zimt duftende Haut" (S. 137-138). Dann die Überkrönung der hanebüchenen Geschichte: erst am helllichten Tag, mitten im Akt: "Oui, oui, oui! Das erste gesprochene Wort" (S. 139).
Nebenbemerkung: Adolf Muschg kann keine erotischen Szenen schildern, ja, noch nicht einmal Beziehungen charakterisieren. Zur Beziehung Andreas – Vera schreibt er: "Die Gratwanderung hatte am Bett nicht ganz vorbeigeführt, doch für einmal glaubte er nichts falsch gemacht zu haben" (S. 74). Geschrauberter geht es kaum. Zu seiner Ehrenrettung: einige der Episoden im Buch bringt Muschg gekonnt. So wird es amüsant, als sich bei der Reise nach Paris herausstellt, dass Sumi kein Visum hat (S. 71ff).
Der Stil Muschgs ist allgemeinmoralisierend und räsonnierend (S. 118, 3. Absatz). Er ist nicht frei von Stereotypen (algerischer Taxifahrer, "der an krimineller Energie nichts zu wünschen übrigließ"; S. 77).
Muschg setzt dem Leser nicht nur verhaltenspsychologische Unwahrscheinlichkeiten (siehe oben, Erotik) vor, sondern sein Andreas Leuchter hörte im Jahr 2001 zum ersten Mal von einem mobilen Telefon (S. 150).
Anmerkungen
"Dieu me pardonnera. C'est son métier" (S. 84) sagte nicht Voltaire, sondern es sind die letzten Worte von Heinrich Heine: "Gott vergibt mir. Es ist sein Job". The Wordworth Dictionary of Quotations. 1996
[Flöte als Thisbe:] "Tide life, tide death, I come without delay." Shakespeare: A Midummer Night's Dream, V. 1 – "Sei's lebend oder tot, ich komme, wenn ich kann." (S. 92-93).
"In Deutschland nährt man sich, der Franke nur kann essen" (S. 95) stammt von
[Leon:] "Hier nährt man sich, der Franke nur kann essen." Franz Grillparzer: Weh dem, der lügt, II. 1.
Unwahrscheinlichkeiten
Muschgs Roman wimmelt von Unwahrscheinlichkeiten, einige benannte ich schon. Weitere:
  • Roman und Andreas trennen sich als Feinde, haben sich viele Jahre nicht gesehen. Roman schickt dem Cellisten Andreas eine unspielbare Cellosuite und der übt sie ein und führt sie auf. Ein "normaler" Andreas hätte den Brief weggeworfen.
  • Sumi ist die langmonatige Freundin und Geliebte Andreas' und eine exzellente Cellistin. Trotzdem übt sie offensichtlich nie, denn Andreas erfährt erst Jahre später von ihrer Virtuosität. Wo gibt es eine Weltspitzencellistin, die nicht täglich mehrere Stunden übt?
  • Auf die sexuallen Unwahrscheinlichkeiten (Beischlaf auf dem Friedhof; Geliebte als Prostituierte in Pariser Kaschemme anbieten; Stein in Scheide einführen) will ich nicht eingehen.

Der Roman Eikan, du bist spät ist überroutiniert geschrieben. Ich hatte den Eindruck: Muschg fand es an der Zeit wieder mal was zu schreiben, das tat er dann und glaubte der Pop-Trashwelle genügen zu müssen. Ab Seite 290 wurde es für mich völlig diffus.
Ich empfehle dieses Buch niemand. Wenn es ein Roman um eine Männerfreundschaft sein soll, empfehle ich stattdessen: Fred Uhlman: Muschg Der wiedergefundene Freund; wenn es um ein Liebesverhältnis mit einer Japanerin oder zahlreichen Deutschsprachigen gehen soll: dazu gibt es Tausende bessere Romane. Und wenn es um Musik gehen soll, empfehle ich Richard Powers: Muschg The Time of Our Singing oder die Romane von Maarten 't Hart: Muschg Ein Schwarm RegenbrachvögelMuschg Die NetzflickerinMuschg Das Wüten der ganzen Welt. Wer die in Eikan, du bist spät oft gespielten Cellosuiten Bachs kennenlernen will, dem empfehle ich die CDs mit Heinrich Schiff: Muschg Johann Sebastian Bach: Die Suiten für Violincello.
Muschg Anfang
Autor
Adolf Muschg * 13.5.1934 als Sohn eines Volksschullehrers in Zollikon (Kanton Zürich); studierte Germanistik, Anglistik und Philosophie in Zürich und Cambridge.
1970 – 1999 Professor für Germanistik in Zürich. Derzeit Präsident der Akademie der Künste Berlin, Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung Darmstadt; wohnt bei Zürich.
Links
Adolf Muschg bei muschgSuhrkampmuschgWikipedia
muschgProf. Adolf Muschg: "Dulden heißt beleidigen", Die Zeit
Literatur
Bei Amazon nachschauen  
Muschg MuschgAdolf Muschg: Eikan, du bist spät. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2005. Gebunden, 315 Seiten - Suhrkamp Erscheinungsdatum: März 2005 ISBN:
Muschg Anfang

Muschg
Email zurück zur Homepage eine Stufe zurück
© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 29.7.2007