| Thomas Hürlimann: Fräulein
Stark Zürich: Ammann, 2001. Gebunden, 191 Seiten |
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| Der Onkel des Ich-Erzählers ist
Stiftsbibliothekar, Prälat und Privatgelehrter. In seinem Bibliotheksreich
verbringt der vermutlich 10-13 Jahre alte (Vorname und Alter las ich nie)
Schüler Katz die Sommerferien. Im Herbst wird er in eine kirchliche
Schule, wohl ein Gymnasium, kommen. Er hilft bei den zahlreichen Arbeiten der
anscheinend recht lebhaften Bibliotheksnutzung mit. Seine Hauptaufgabe ist die
Ausgabe der Filzpantoffel an die Bibliotheksbesucher: der kostbare Boden des
Saales soll geschützt werden. Katz findet Gefallen am Lesen, Riechen und Schauen. Schon beim Lesen ist er von "scharf riechenden Pfeffermagazinen, dämmrigen Opiumhöhlen und wüsten Hafenkaschemmen" begeistert (Lesen-Zitat, siehe Zurecht vermutet man, dass dieses unkeusche Treiben wider das "Sechste" in der Umgebung auffliegen muss. Fräulein Stark, Haushälterin des Stiftsbibliothekars und schwer vorstellbar: Analphabetin (es wird ungenügend begründet mit ihrer Appenzeller Herkunft; es erinnert an die andere literarische Analphabetin in Bernhard Schlink: Der Vorleser, Manche Themen reißt Hürlimann nur kurz an, ohne dass mir die Bedeutung klar wurde. So interessiert den Onkel "der fromme Wahnsinn". Er liebte es "wie ein Scheich auf dem Diwan zu liegen und in jene Paläste einzusteigen, die ein wahnsinniger Wüstenvater in den Sand gewundert hatte" (S. 126). Seine Neffe eifert ihm nach. Ist dies metaphorisch zu verstehen oder bevorzugen beide orientalische Geschichten? Wie soll sich der Leser den "frommen Wahnsinn" vorstellen? |
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| Die Novelle gewinnt durch den Prälaten, der trotz übersteigerter Vertiefung in seine Folianten (Motto: nomina ante res), mit (oder auch trotz?) ausgiebigen Wirtshausbesuchen menschlich bleibt. Fräulein Stark ist durch zahlreiche widersprüchliche Charakterzüge bemerkenswert. Als des Lesens Unkundige arbeitet sie in der berühmten Klosterbibliothek; sie fürchtet die Sünde, zieht aber den 12-Jährigen beim zu Bett gehen aus. Den Prälaten versteht sie geschickt zu beeinflussen. Man vermutet ein Verhältnis mit dem Prälaten, doch untermauert dies der Text nicht. Sie ist es, die am Ende der Novelle einen Kiosk an der Bibliothekspforte durchsetzt und den Buben liebevoll verabschiedet. Trotz allem bleibt die Stark nur eine Person im Personendreieck mit dem Onkel. | |
| Stil Das Reich der Bibliothek wird durch den Autor und den Onkel hochstilisiert: "Bücherarche", "Bücheratlantis", "barockes Raumschiff", "Bücherkirche" wird die Bibliothek genannt. Ähnlich vielfältig vermag Hürlimann das Reich der weiblichen Reize zu beschreiben. Das geschieht dezent und trotzdem knistert es. |
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| Zusammenfassung Amüsant zu lesende Novelle, die in vergnüglicher Perspektive das alte Thema der Pubertät aufnimmt. Den eifrigen Bücherleser erfreut das Lob der Wörter und Bibliotheken. Die Konfrontation des Katholizismus mit Geschlechtlichkeit und Judentum finde ich ohne Seitenhieb oder Häme dargestellt. Lesenswert; ob man in fünfzig Jahren noch von Fräulein Stark spricht, bezweifle ich. |
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| Anmerkungen | |
| Wiborada von St. Gallen (S. 28; S. 158-159) lebte
als Zurückgezogene (Reklusin) im Kloster St. Gallen; Märtyrerin
2. Mai 928 (?) in St. Gallen. Sie gilt als Schutzpatronin der
Pfarrhaushälterinnen (Fräulein Stark!), Köchinnen, Bibliotheken
und Bücherfreunde. Siehe unter |
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| Diodorus Siculus (S. 34; S. 43), griechisch Diodoros, griechischer Historiker, geboren in Agyrium (jetzt: Agira) auf Sizilien, nach 21 v. Chr. gestorben. Er verfasste die »Historische Bibliothek«, eine Geschichte des Altertums bis 54 v.Chr. (15 von 40 Bücher erhalten). Von ihm stammt der Begriff Psychesiatreion (Seelen-Apotheke), der über dem Bibliotheksportal geschrieben steht. | |
| Stiftsbibliothek St. Gallen (passim) vom irischen
Gallus gegründet; 614 Gründung der Stiftsbibliothek;
größte Klosterbibliothek in Deutschland mit 1.000 Bänden im
Hochmittelalter; der Barocklesesaal stamm aus der Neuzeit und ist heute als
Buchmuseum zugänglich. Über dem Portal der Bibliothek steht
Psychesiatreion (Seelen-Apotheke) nach dem Vorbild einer
ägyptischen Tempelbibliothek; siehe "Vorlesung Bibliotheksgeschichte"
unter |
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| Derrières, erotischer poetischer Ausdruck für Gesäss; Hürlimann: "schön pralle Hintern" (S. 52) | |
| Apostel Paulus (S. 126) Hier traut der künftige Klosterschüler seiner Erinnerung zurecht nicht. Von einem Paul-Joseph Holzer gibt es eine Dissertation zum Korintherbrief des Apostel Paulus: Der Mensch und das Weltgeschehen nach Koh 1, 4-11, die aber von 1981 ist. Dagegen: Paul Feine: Der Apostel Paulus. Das Ringen um das geschichtliche Verständnis des Paulus. Gütersloh, 1927 |
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| Vorwurf des Antisemitismus | |
| Marcel Reich-Ranicki löste in der
TV-Sendung "Literarisches Quartett" eine Diskussion über ntisemitische
Klischees in Thomas Hürlimanns Fräulein Stark aus. Er bemängelte
ein Zusammentreffen von jüdischer Herkunft, krummer Nase und triebhafter
Sexualität. Zudem rügte MRR, dass die Buchkritiker dies nicht einmal
gemerkt hatten. Ich kannte den Vorwurf und einen Teil der Debatte, ging daher nicht mehr unvoreingenommen an die Lektüre. Über der Sippe der Katz liegt eine nur angedeutete Besonderheit. Dies erfährt man (nur?) durch das naive Fräulein Stark. Ihr fällt die Nase auf, sie bemängelt seine heimlichen Blicke unter die Röcke und sie betont immer wieder das unselige Erbe des "Geschlechts der Katzen". Der Autor lässt sie allerdings beim ebenfalls jüdischen Onkel auflaufen. Den Familiennamen "Katz" wählte Hürlimann wohl weniger um das Judentum hervorzuheben, sondern um den Drang des Knaben zu betonen, durch Blicke und Spiegel bis zum Dunklen (vulgär: Katze) vorzudringen. Sonderbar ist freilich, dass der Klosterjüngling den kleinen Katz endgültig aus sich vertreiben will (S. 126). Er empfindet Starks Andeutungen doch als Mangel. Dass sich Juden vor der Dusche zu drücken versuchen (S. 187), spielt auf die stereotypische Schmutzigkeit der Juden an. Antisemitische Äußerungen gibt es auch am Stammtisch im Lokal "Porter". All dies war in den 1950er und 1960er noch in weiten Teilen der Bevölkerung verankert (ich las, die Novelle spielt 1964). Jahrhundertelange Verächtlichmachung der Juden lassen sich nicht in wenigen Jahren ausrotten. Hier schildert Hürlimann jedoch reale Zustände in klösterlicher Umgebung. Allenfalls könnte man ihm vorwerfen, die jüdischen Klischees allzu nebenbei einfließen zu lassen. Ärgerlich ist allenfalls, dass er alle Katz mit provokanten Nasen ausstattet (S. 62). Ansonsten geißelt der Autor speziell den christlichen Antisemitismus (der nach 1945 zum Anti-Judaismus umbenannt wurde). Der Prälat verzückt sich jeden Nachmittag unterm Kreuz und verflucht die Juden: "o ihr Juden, ihr Juden, warum habt ihr das getan!" (S. 140-141). Hürlimann schildert es intensiv.
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| Thomas Hürlimann:
Fräulein Stark. Zürich: Ammann, 2001. Gebunden, 191 Seiten
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