| Max
Frisch: Der Mensch erscheint im Holozän. Eine
Erzählung In: Gesammelte Werke Band 7. 1976-1985. Frankfurt: Suhrkamp, 1998 [1979]. S. 205-300 – |
| Der
Mensch erscheint im Holozän gehört zum
Spätwerk Max Frischs in dem es ihm oft um Altern,
Sterben und Tod ging. Siehe dazu die Monografie von Cornelia
Steffahn ( |
| Vorbemerkung an potentielle Leser Obwohl die Erzählung Der Mensch erscheint im Holozän stellenweise fesselt und einen Sog entwickelt, ist es doch eine Erzählung, die ihre Dynamik aus den Überlegungen nach der Lektüre gewinnt. Insofern kann man das Nachfolgende ruhig lesen: es sollte die Neugier wecken und kann eigentlich nicht zuviel verraten. Jeder wird den Text anders interpretieren. Das deutet Frisch schon im Titelzusatz an: es ist "Eine Geschichte". Das kann sich auf die Leser beziehen: für jeden eine andere und besonders kann es sich auf die Interpretation der Welt beziehen, die man aus Erzählung ableitet. |
| Der 74-jährige Witwer Geiser sitzt in einem
Tessiner Bergdorf fest. Schon dieser banale Sachverhalt ist unter den Rezensenten strittig. Geiser sitzt nicht wirklich fest, • er unternimmt einen waghalsigen Ausflug ins andere Tal, • er hat seine Erinnerung an Verwandte und eine Besteigung des Matterhorns • er bildet sich die Naturkatastrophe nur als Möglichkeit ein. Die Vertreter der dritten Option können auf die Stimmen im Dorf verweisen: "Die Auskünfte im Dorf sind widersprüchlich, andere behaupten, es sei gar kein Hang gerutscht" (S. 207). Wie so vieles, lässt der Autor auch dies offen. |
| Doch nehmen wir die zahlreichen Anzeichen für
bare Münze, dann hat eine langer Regen mit Gewitter einen
Erdrutsch
ausgelöst. Das Hochtal ist von der tiefer liegenden "Welt"
abgeschnitten. Der Bus verkehrt nicht mehr (später dann doch
wieder?), der Strom fällt des öfteren aus. Geiser
richtet sich mit dem, das er in seinem Berghaus hat, auf eine
längere Zeit ein. Er listet seine Vorräte (S.
210-211) und seinen Lesestoff (S. 212-213; Robert
Jungk und Robert
F.
Scott siehe Anders als die Langweilerin in Die Wand von Marlen Haushofer ( Andrerseits belegt Geisers planvolle Rückkehr, dass ihm in seinem Berghaus an nichts mangelt oder dass er, aufgrund seines nachlassenden Gedächtnisses den Mangel nicht mehr bemerkt. |
| "Erosion
ist ein langsamer Vorgang" (S. 245). Das gilt
für die Alpen wie für Alterserosion des menschlichen
Hirns. Man kann sich kaum vorstellen, wie aus den Alpen ein Bayerischer
Wald werden wird, doch James
Trefil ( |
| Schließlich erleidet Geiser einen Sturz oder
Schlaganfall (S. 283). Er hat unter anderem
Gedächtnisprobleme, erinnert sich aber ganz genau an seine
Matterhornbesteigung (S. 289ff). Diese schildert er sehr anschaulich.
In einer Wand hat man als Amateur oft das Gefühl, die Wand
drängen einen hinaus (S. 292). Am Gipfel hat er eine
ähnliche Empfindung wie beim Streben nach Wissen (siehe
unten): am Gipfel ist man nicht unbedingt enttäuscht wie Herr
Geiser (S. 290), aber man denkt bereits an neue Aufgaben. In seiner Verwirrtheit wirft Geiser den Feuersalamander ins Feuer (S. 286). Seine Tochter Corinne findet ihn hilflos vor. Am Ende verschwimmen Geisers Erinnerungen, sein Gedächtnis kreist. |
| Der Erzähler ist zwar nicht Herr Geiser
selbst, bleibt aber dicht an ihm dran. Der Leser erfährt nicht
mehr, als Geiser wissen kann und oft nicht einmal das. Die anderen
Dorfbewohner treten nur indirekt und aus der Positions Geisers auf. Der zettelhafte Charakter der Erzählung erleichtert das Lesen nicht. So gewinnt Der Mensch erscheint im Holozän seine Brisanz (mit einigen Ausnahmen) nicht beim Lesen, sondern nach der Lektüre beim Nachdenken über das, was man eigentlich gelesen hat. |
| Themen |
| Als Der Mensch erscheint in Holozän 1979
erschien, machten sich viele Intellektuelle, später auch
zahlreiche Bürger die oder ähnliche Gedanken, die
Frisch seinem Protagonisten nahelegt: • Vergänglichkeit des einzelnen Menschen und der Welt (siehe Erosion weiter oben) • Bedrohung der Welt durch den Menschen • Abhängigkeit des Menschen von der Technik (Nachrichtenübermittlung, Kühltruhe, Wasser- und Stromversorgung) • Was kann man glauben? besonders an Untergangsszenarien? |
| In existenziellen Situationen (es ist diskutabel, ob
Geiser
in einer
solchen steckt) denken die Menschen oft über philosophische
oder
religiöse Fragen nach: über
Gott und die Welt. So auch Geiser,
verstärkt durch das
Vorhandensein der Bibel. Eine sowohl religiöse als auch
ontologische Überlegung stellt sich Geiser sehr früh
(S. 212)
mehrmals: Gibt es Gott, wenn es keinen Menschen gibt, der sich eine Welt ohne Schöpfer nicht denken kann? Im Endeffekt läuft dies auf die allgemeinere Frage hinaus: Gibt es die Welt überhaupt, wenn ich nicht mehr bin? Die Grundentscheidungsfrage zwischen Realismus und Idealismus. Sehr richtig bemerkt er einmal: "Katastrophen kennt allein der Mensch, sofern er sie überlebt; die Natur kennt keine Katastrophen" (S. 271). Gut und Böse gibt es in der Natur nicht. Der Mensch interpretiert das aus seiner Sicht. Geiser stellt sich auch immer wieder geologischen Überlegungen über Ursprung und Entstehung des Menschen. Dazu: Die Vorfahren des Menschen entstanden vor ca. 7 000 000 Jahren, wahrscheinlich in Afrika; der Homo erectus vor ca. 1 Mio Jahren; der Neandertaler vor ca. 200.000 Jahren und der Homo sapiens sapiens vor 70.000 Jahren. Das Holozän begann vor etwa 11.700 Jahren mit der Erwärmung des Klimas. Der Mensch war – nach heutigen Erkenntnissen – da schon lange da. |
| Glaube "Herr Weiser [sic!] glaubt nicht an Sintflut" (S. 219). Dazu zitiert Geiser aus der Genesis; Frisch läßt aber den bestimmten Artikel weg. Vielleicht glaubt Geiser ganz allgemein den Katastrophenszenarien nicht. |
| Wissen Schon Aristoteles, ach was, schon Platon und die Vorsokratiker, wussten, dass der Mensch nach Wissen strebt. Und zwar nicht, oder jedenfalls nicht nur weil es nützlich ist. Wissenssuche kann glücklich machen und liegt in der Würde des Menschen. Deshalb ist es auch in Geisers Situation nicht verfehlt, dass er die Lexika und Naturkundebücher wälzt. Andrerseits ist nicht abwegig, wenn er sich trotzdem fragt, was er sich vom Wissen verspricht (S. 281). Die Natur schert sich aber wenig darum, was die Menschen wissen: weder die Ameisen noch die Saurier oder gar das Holozän (S. 296). |
| Autobiografisches |
| Max Frisch ist zum Zeitpunkt des Erscheines dieser
Erzählung 68 Jahre alt. Wie bei Geiser hat er zeitlebens
Probleme mit dem linken Augenlid. Er war Ehrenbürger im Bergdorf Berzona im Onsernone-Tal (Kanton Tessin), in dem er viele Jahre arbeitete. Es gleicht in vielem dem Tal, in dem Geiser wohnt. |
| Endzeitbewußtsein
und Todesnähe
ergänzen sich auf verschiedenen Ebenen: alter Herr Geiser
– Dorf im Hochtal – Island als Insel –
Erde und gar Universum. Eine kopflastige Erzählung, die schon
während der Lektüre anregt was nachzuschauen im
Lexikon und die nach dem Lesen Stoff für Diskussionen
bietet. |
| Links |
| Vergleichsliteratur |
| Yasunari Kawabata: Ein Kirschbaum im Winter [Yama-no-oto] |
| Gerhard Polt: 's Lawinderl |
| Stefan Zweig: Die Schachnovelle
– |
| Literatur |
| Donahue, Neil H.: "Age, Beauty and Apocalypse. Yasunari Kawabata's The Sound of the Mountain and Max Frisch's Der Mensch erscheint im Holozän". Arcadia 28:3 (1993) S. 291-306 |
| Kaiser, Gerhard
"Endspiel im Tessin: Max Frischs unentdeckte Erzählung »Der
Mensch erscheint im Holozän«". Schweizer
Monatshefte für Politik, Wirtschaft, Kultur 82/83
(2002/2003), S. 46 - 52. |
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| Max Frisch:
Der Mensch erscheint im Holozän. Frankfurt:
Suhrkamp,
2001. Gebunden, 142 Seiten |
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Robert Jungk: Heller als tausend Sonnen. Das Schicksal der Atomforscher. München: Heyne, 1990. Broschiert, 411 Seiten | ![]() |
| Robert
Falcon Scott: Journals. Captain Scott's Last Expedition.
Max
Jones, Hg. Oxford: Oxford University Press, 2006. Taschenbuch,
592 Seiten |
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| Robert F.
Scott: Letzte Fahrt. Lenningen: Edition
Erdmann,
1996. Gebunden |
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| James S.
Trefil: Physik in der Berghütte. Reinbek:
Rowohlt,
1994. Taschenbuch |
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