| Jeremias
Gotthelf: Die schwarze Spinne Text online, Projekt Gutenberg – |
| Jeremias Gotthelf (eigentlich: Albert Bitzius) hatte ab 1831 eine Pfarrstelle im Emmental. Obwohl man von Inhalt und Thematik auf einen stockonservativen Gemeindepfarrer folgern könnte, setzte sich Gotthelf für die Verbesserung des Erziehungswesens und der sozialen Verhältnisse ein. Dafür wurde er 1845 als Schulkommisär im Bezirk entlassen. |
| In Die
schwarze Spinne (erschienen 1842 in Bildern und Sagen aus der Schweiz)
greift Gotthelf auf bewährte Motive und Themen zurück. Die Erzählung besteht aus einer Rahmenhandlung und zwei Binnenerzählungen, die sich – getrennt durch einen Zeitsprung von 200 Jahren – inhaltlich ergänzen. |
| Inhalt |
| In einem freundlichen, aber engen Tal findet eine
Tauffeier statt. Sie wird ausgiebig romantisch und idyllisch
geschildert. Doch einige Stichwort zur Reinlichkeit, Blutflecken,
traditionelle Sitte und Ehre weisen auf die dramatische
Spinnengeschichte hin und setzen sie gleich vom Beginn weg in Bezug zur
geschildeten Zeit. Jemand fällt am Neubau des Bauernhofs ein
eingebautes, altes, schwarzes Fensterkreuz auf. Der Grossvater wird
bedrängt zu erzählen, wie es dazu kam. Die Vorfahren standen und der Vorherrschaft und Knechtschaft der Ritter im Schloss, das sich Hans von Stoffeln von den Bauern hatte bauen lassen. Als Hans von Stoffeln, Komtur des Teuschen Ordens, binnen eines Monats noch 100 Buchen als Schattengang gepflanzt und gebaut haben will, verzweifeln die Bauern. Sie beginnen damit merken aber, dass sie es nicht schaffen können. Da bietet ein grüner Jäger mit einer roten Feder am Hut seine Dienste an. Er will die Forderung des Schlossherrn erfüllen, zur Belohnung will er ein ungetauftes Kind. Die Bäuerin Christine, die Lindauerin, zeigt sich beherzt. Sie tadelt die Bauern, die den ungerechten und unmöglichen Auftrag so widerspruchslos hinnahmen. Sie geht mit einigem Vorbehalt und Raffinesse den Handel mit dem „Grünen“, niemand anderes als der Teufel, ein. Der grüne Jäger besiegelt den Vertrag mit einem Kuß auf ihre Wange. Beim ersten geborenen Kind ist der inzwischen eingeweihte Pfarrer schnell: er tauft das Kind. Auf Christines Wange entsteht ein schwarzer Fleck, der sich allmählich zu einer Spinne entwickelt. Auch beim zweiten geborenen Kind wird der Teufel ausgetrickst und um seinen Lohn gebracht. Der rächt sich durch Viehsterben und aus Christenes Wangen sprossen viele Spinnen. Beim dritten geborenen Kind geht der Vater betont langsam zum Pfarrer: Christine will den Vertrag erfüllen. Dramatisch entwickeln sich die Ereignisse und der Tod greift auch aufs Schloss über. Schließlich kann die Spinne in einem Loch im Fensterpfosten gefangen und eingesperrt werden. Im Tal kehrt wieder Frieden ein. Die zweite Binnenerzählung springt über einen langen Zeitraum, im die Leute im Tal friedlich lebten. Dann brachten „fremde Weiber“ Hochmut und Hoffart ins Tal, um Gottes Gebote kümmerte man sich nicht. Nachdem die Spinne zweihundert Jahre eingesperrt war ließ Christen, Sohn eines Weibes aus der Ferne, ein neues Bauernhaus bauen. Das alte blieb. Schließlich befreite ein Knecht – „man wußte nicht woher er kam“ – am heiligen Abend die Spinne aus dem Loch. Sie wütet fürchterlich: viele im Dorf werden getötet. Christen betete, damit Gott das Unheil beende. Doch es ging weiter. Das Drama spitzt sich zu, als erneut eine Geburt anstand. Christen gelang es die Spinne wieder in ihrem Loch einzusperren, doch er stirbt dabei. Der Fensterpfosten mit der Spinne wird später in ein enues Haus mit übernommen. Die Rahmenerzählung und die gesamte Erzählung endet mit der Tauffeier. |
| Jeremias Gotthelf hat einige Botschaften: |
| Wer gottgefällig lebt kann friedlich leben. Wer sich mit dem Bösen verbindet kann dies nicht. Schweres Unglück ist die Folge. Dieses kann nur beseitigt und das Böse damit besiegt werden, wenn Menschen ihre Leben opfern. Dazu mehr in den folgenden Anmerkungen. |
| Biblische Motive |
| Das Menschenopfermotiv
stammt aus der Bibel, wo es mannigfach vorkommt. Um Gott gefällig zu
sein oder um den Gottesgehorsam zu prüfen verlangt Gott oft
Menschenopfer. Manche Bibelgläubige weisen darauf hin, dass
Menschenopfer aufs Alte Testament beschränkt seien. Doch sie übersehen
das größte in der Bibel beschriebene Menschenopfer, Gottes Sohn, ist
zentrles Thema im Neuen Testament. Und zumindest in Sage und Literatur
zieht es bis in die Neuzeit durch. Die Lösung der Konflikte geschieht in Die schwarze Spinne durch mehrere Selbstopfer (überspitzte zeitgenössische Formulierung: Selbstmordattentate). Weitere Motive aus der Bibel ist die Verbindung besonderer Tiere mit dem Bösen. In der Genesis ist es die Schlange, durch die Jahrhunderte traten die Spinnen hinzu. Des grüne Jäger Augen glitzern wie Schlangenaugen. Selbst Gotthelfs Sprache ähnelt oft der Bibel. In Die schwarze Spinne sind es vornehmlich Frauen (oft aus der Ferne), die das Unglück bringen. Damit wird Christine zur biblischen Eva. Ohne die übrigen im Dorf zu befragen (Gotthelf hat es geschickt konstruiert, dass dies gerade unmöglich ist und dass Christine es nachholen will), schließt sie den teuflischen Pakt. Christine stellt damit das moderne Frauenbild dar: eine Frau, die selbständig entscheidet und sich nicht den Männern unterordnet. Gotthelf lehnt es durchweg ab und stellt ihre Charakterzüge entsprechend dar: furchtlos, zornig, lehnt sich das Hergebrachte auf, usw. Christine verwandelt sie sich dann in die schwarze Spinne, sie verfällt nicht nur dem Teufel, sie wird selbst zum Teufel. Merkwürdig ist es, dass die beiden Hauptfiguren (neben dem „Grünen“) Christine und Christen heißen. |
| Aberglaube, Glaube und Prophezeiungen |
| Die Leute im Tal sind durchtränkt von Aberglaube, Vorausahnungen und bedeutungsvollen Zeichen. Der Tauftag ist Christi Himmelfahrt, der Tag an dem Engel auf einer Leiter zum Himmel auf- und niedersteigen. Die Mutter darf nicht mit zur Taufe, denn zuhause könnte etwas Krummes geschehen und sie könnte gar übel krank werden oder gar sterben. Die Taufpatin darf nicht nach dem Namen des Kindes fragen, sonst „werde dieses zeitlebens neugierig“. |
| Teufel |
| Im Märchen wird der Teufel oft ausgetrickst. In allen
Künsten wird er gegenständlich dargestellt. Die Rolling Stones führten den Teufel in „Sympathy for the Devil” (1968) wie folgt ein: „Please allow me to introduce myself / I’m a man of wealth and taste. / I've been around for a long, long year / Stole many a man's soul and faith.” In die Die schwarze Spinne kommt – wie vielen solcher Texten – das faustische Vertragsmotiv hinzu. Bemerkenswert: der Teufel hält sich an die Abmachung, seine Vertragspartnerin Christine, die Lindauerin, hat schon beim Vertragsabschluss den Hintergedanken des Betrugs. Das Einlassen mit dem Bösen ist auch in sehr modernes Motiv in Thriller, Krimis und anderen Romanen. Wer sich mit dem Bösen (Mafia, Gangster, ...) einlässt hat – im zeitgenössischen Jargon – ein Problem. Der Kampf dagegen oder auch nur der Ausstieg aus den Fängen des Bösen endet oft tödlich, siehe dazu beispielhaft: Denis Johnson: Nobody Move, |
| Moralische Verantwortung durch Handlungsunterlassung |
| Die Beurteilung einer unterlassenen Handlung versus einer aktiv durchgeführten ist seit Jahrhunderten Gegenstand der ethischen Diskussion. In der aktuellen Bioethik ist es ein beherrschender Topos. Auch in Die schwarze Spinne spielt die Unterlassung mehrfach eine wichtige Rolle: „als Christine mit dem geraubten Kinde herauskam [...] aber keiner hatte Mut, die Tat zu hemmen“. Christine ist die Frau der Tat. Zur gleichen Zeit will Hans, der Ehemann bei der dritten Niederkunft, die Handlung hinauszögern. Das beschreibt Gotthelf grossartig. Wenn vom Dualismus Gut / Böse, Gott /Teufel die Rede ist gilt es auch zu überlegen, wie die Grundsituation in der Erzählung entstand. Die Bauern wurden von Hans von Stoffeln in eine schier ausweglose Lage gezwungen. Die Hilfe kam von seiten des Bösen. Das Gute glänzt durch Abwesenheit. So geschieht der Einbruch des Teuflischen als im stillen Tal der Friede bereits gestört ist. |
| Struktur |
| Auffallend ist der Kontrast zwischen der Rahmenhandlung: so friedvoll kann es sein, wenn alle brav sind, und der zweifachen Binnenerzählung, die von Unglück und Tod nur so strotzt. Das verbindende Motiv ist die christliche Taufe. Trotzdem damit die böse Vergangenheit der guten Gegenwart gegenübergestellt wird, gewinnt der Leser den Eindruck, dass Gotthelf und der Grossvater davor warnen, wieder in so gottferne Zeiten zu fallen. Nur wenn das menschliche Handeln gottgefällig ist wird man vor Not und Missgeschick bewahrt. Das Weltbild der Aufklärung, das kommende Weltbild der Moderne verneint wiederum Gott. Der Autor hilft Gott indem er den warnenden Finger hebt. |
| Konflikte |
| Viele Konflikte der Erzählung wurden bereits
angesprochen. Trotz dem durchgängigen Bezug auf die Vergangenheit und
der Störung durch den Einbruch des Bösen, in der Erzählzeit: die
drohende Störung durch ein modernes Menschenbild, der nur durch
Besinnung auf alte Werte und Traditionen begegnet werden kann, sind
viele der Konflikte topaktuell. Diese Verstrickung durch die Zeiten wird durch vielerlei Objekte und Symbole unterstrichen: Haus und Hausneubauten mit dem Fensterpfosten als Faustpfand der Vergangenheit, an dem nicht gerührt werden darf; Taufe; die Spinne als zeitloses Wesen, das die Jahrhunderte überdauert. Der Gegensatz zwischen Gut und Böse (siehe C.S. Lewis: The Screwtape Letters unter |
| Die
Rahmenerzählung kommt uns heute etwas zu heimelig und behäbig daher.
Dafür hat die Binnenerzählung Rasanz und – wie ich oben verdeutlichte –
aktuellen Konfliktstoff. Daher hat Die
schwarze Spinne auch nach über 150 Jahren wenig von ihrem
Giftstoff verloren. Unbedingt lesen! |
| Links |
| Die
schwarze Spinne |
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| Literatur |
| Boeschenstein, von Hermann (1939): "Gotthelf oder Keller?". Germanic Review 14. 118-125 |
| Braungart, Wolfgang (1987): "Aufklärungskritische Volksaufklärung. Zu Jeremias Gotthelf". Fabula 28:3/4. S. 185-226. |
| Donahue, William Collins (1994): "The Kiss of the Spider Woman: Gotthelf's »Matricentric« Pedagogy and Its (Post)war Reception". German Quarterly 67:3. S. 304-324 |
| Rankin, Jamie (1990): "One Level Removed: Narrative Framing as a Didactic Device in the »Rahmennovellen« of Jeremias Gotthelf". Colloquia germanica 23. S. 253-271 |
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