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Enzensberger
Hans Magnus Enzensberger: Josefine und ich. Eine Erzählung
Frankfurt: Suhrkamp, 2007. Taschenbuch, 147 Seiten – Hans Magnus LinksHans Magnus Literatur
Joachim, ein Wirtschaftswissenschaftler, trifft 1990 zufällig eine alte und veraltete Dame. Sie lädt ihn zum Tee ein und daraus werden regelmässige wöchentliche Treffen mit mehr oder weniger geistreicher Konversation.
Wenn man Josefine oder den Tagebuchschreiber Joachim liest hört man Hans Magnus Enzensberger reden, der gerne englische („it rings a bell“), französische („petits fours“ = Feingebäck) oder lateinische Sentenzen einbringt.
• Gerne mal deutet Josefine/Enzensberger auch nur an, damit der intellektuelle Leser gefordert wird, wie  bei Jupiter und Ochse (S. 35), das auf „Quod licet Iovi, non licet bovi.“ – Was Jupiter erlaubt ist, ist dem Ochsen nicht erlaubt verweist. Die Zuschreibung zu Terenz ist übrigens nirgends belegt.
• „Il faut être absolument moderne!“ (S. 87; „Man muss unbedingt modern sein!“ Arthur Rimbaud: Saison en Enfer). Ich kenne den Zusammenhang nicht. Ich weiß also nicht, ob Rimbaud das als Forderung aufstellte oder ob er die Fortschrittshörigkeit geißeln wollte. Joefine fasst den Befehl als solchen auf und kritisiert ihn.
Ähnlich häufig spielt der Autor sein Wissen aus, durch Anspielungen auf den Berliner Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel und dessen Weltgeist. Nun eignet sich Hegel wie kaum ein Philosoph nicht dazu Schlagworte abzuliefern: man muss ihn sehr genau kennen um darüber mitreden zu können. Alles andere ist Gewäsch.
• Zum Gewäsch zählen auch so Platitüden wie – auf derselben Seite – „Gehen Sie ja nie zum Arzt, wenn es sich vermeiden läßt!“ Das ist ähnlich informativ wie: „Lassen Sie sich nicht begraben, bevor sie tot sind“ oder wie „Im Zweifelsfall entscheide man sich für das Richtige“ von Karl Kraus, das schon wieder so witzig ist, dass es als Bonmot durchgeht.
• Da dürfen Anspielungen auf die Bibel nicht fehlen, beispielsweise die Lilien auf dem Felde (S. 57), die Lk 10,38-42 als auch in Mt 6,26-29 eine Rolle spielen. Sie dazu das wunderbare Gedicht von Sarah Norcliffe Cleghorn: "Behold the Lilies" (Hans Magnus Links).
• „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei“ (S. 115)
Dann sprach Gott, der Herr: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein bleibt. Ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht. 1 Mose 2:18
Übrigens: eine der Bibelstellen, an denen klar dasteht, dass nicht gut war, was Gott machte. Gott schuf daraufhin die Tiere und erkannte wieder seine/die Unzulänglichkeit („Aber eine Hilfe, die dem Menschen entsprach, fand er nicht.“ 1 Mose 2:20) und schuf erst dann als Hilfe die Frau! Viele Frauen haben das inzwischen vergessen Enzensberger.
So kann man vermuten (und die spätere Lektüre von Besprechungen bestätigt es), dass Josefines Thesen und Phrasen vom Autor stammen. Dazu hätte er einen Essay schreiben können, doch dann stünden seine teilweise grotesken Thesen zur Diskussion. Hier hat man sie zu schlucken.
Einiges gelingt freilich. Josefine denkt nicht nur altmodisch, sie lebt auch so. Dabei wird manches schon während der Treffen entlarvt (ihre Ablehnung des profanen Fussballs wird konterkariert durch ihre TV-Fussballsitzungen bei Dienerin Fryda) oder am Ende. Sie mosert im Bildzeitungsstil über den Sozialstaat, lebt aber – wie sich nach ihrem Tod herausstellt – auf Kosten der Rente ihrer Dienerin.
Da die Thesen Josefines aber bei weitem nicht so provakant sind wie uns der Autor glauben lassen möchte (nach Thilo Sarrazin ist so ziemlich alles wieder auftischbar) muss er die Protagonistin anderweitig political incorrect machen. Er lässt sie drei Gauloises in der Stunde rauchen. Einen schwächlichen Einwand Joachims wischt sie mit Verweis auf ihr Alter, das Unbelehrbarkeit erlaubt, weg (S. 12).
Bei soviel Gelehrsamkeit bleibt es nicht aus, dass Joachim/Enzensberger ein schwerer Fehler unterläuft, den Volker Weidemann in der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung nachweist. Unter dem 7. November (1990) schreibt Joachim er hätte sich statt des Besuchs bei Josefine lieber „das Achtelfinale der Champions League angesehen“ (S. 37). Tagebuchschreiber Joachim konnte aber am 7. November noch nichts von der  Champions League wissen, da es die noch nicht gab. Bayern München spielte am 6. November 1990 auswärts gegen den Armeeklub Sofia im Achtelfinale des Europapokals der Landesmeister. Bayern München gewann 3:0. Das Heimspiel war zuvor 4:0 für Bayern München ausgegangen. Joachim sieht Teile der Fussballübertragung am 6. November doch noch bei Fryda, der Dienerin und zwar gerade als „das entscheidende Tor gefallen“ war (S. 41). Es ist das Geheimnis Enzensbergers, welches der drei Auswärtstore das entscheidende war, wenn man schon mit einem Heimsieg und 4 Toren Vorsprung in Sofia angetreten war.
Ach ja, anmerken muss ich es doch. Warum Tagebuchaufzeichnungen als Erzählung erklärt werden bleibt mir schleierhaft.
So vernichtend wie die Kritiker in den Medien („gelangweilt“ – Frankfurter Rundschau; „fahler Abklatsch“ – Neue Zürcher Zeitung; „schwer erträgliches Gehabe“ – Süddeutsche Zeitung; „Klischees“, „Platitüden“ – Die Zeit; „papierene, diskurssüchtige“ Protagonistin Josefine als „Pappkamerad von Enzensbergers Gnaden“, – Die Tageszeitung; Josefine als „Thesenpuppe und Zitatenautomat“ – Deutschlandradio) urteile ich nicht. Die Lektüre war einigermassen anregend, aber sie hinterließ nichts. Zumindest las ich Kafkas Erzählung „Josefine die Sängerin oder Das Volk der Mäuse“ mal wieder. Die Josefine aus Enzensberger Tagebuch bleibt eine „Ohrenbläserin“ (S. 147) – da rein, dort hinaus –, die Halbwahrheiten von sich gab (S. 56-57).
Links
EnzensbergerGabriele von Arnim: Der Autor als alte Dame, Deutschlandradio 21.07.2006
EnzensbergerKai Köhler: „Zum Tee bei Herr und Knecht - Hans Magnus Enzensberger erzählt von einer Sängerin“, literaturkritik.de 8, August 2006 
EnzensbergerPerlentaucher
EnzensbergerVolker Weidemann: „Tante Hans Magnus bittet zum Tee - Enzensberger macht sich so seine Gedanken. Aber warum muß er sie einer Prosafigur in den Mund legen?“ Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Nr. 24, 18.06.2006, S. 29 
Enzensberger Sarah Norcliffe Cleghorn: "Behold the Lilies"
Enzensberger Franz Kafka
Enzensberger Franz Kafka: "Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse"
Enzensberger Zitate Terenz
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Enzensberger EnzensbergerHans Magnus Enzensberger: Josefine und ich. Eine Erzählung. Frankfurt: Suhrkamp, 2007. Taschenbuch, 147 Seiten Enzensberger
Hans Magnus Enzensberger: Josefine und ich. Eine Erzählung. Hörverlag, 2006. Audio CD Enzensberger
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