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Reemtsma
Jan Philipp Reemtsma: Im Keller
Reinbek: Rowohlt, 2008. Broschiert, 221 Seiten – Jan Philipp LinksJan Philipp Literatur
Jan Philipp Reemtsma (JPR) ist Soziologe, Philologe und Mäzen. Er gründete 1984 das Hamburger Institut für Sozialforschung (HIS) und die  Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur. Vom 25. März bis zum 26. April 1996 wurde er spektakulär entführt. Darüber berichtet und reflektiert er in Im Keller (1997).
In einer kurzen Einleitung berichtet JPR über sein Zurücktreten in das Leben außerhalb des Kellers, in dem er 33 Tage gefangen halten worden war.
Hier legt er auch dar, warum er so schnell nach der Entführung einen Bericht veröffentlichte (S. 17) und wie er ihn aufgefasst wissen will: nicht literarisch, nicht fiktional (S. 46)
Im Hauptteil berichtet JPR über die 33 Tage im Keller. Dabei trennt er über die Tage als Entführter (darüber schreibt er in der dritten Person) und dem Leben danach (im Ich-Stil). Das hat den Vorteil journalistischer Genauigkeit, doch ob es ganz glücklich ist, bezweifle ich.
Als vielseitig interessierter Intellektueller reflektiert er schon in diesem zweiten Teil. Gerade seine Briefe nach außen nimmt er zum Ausgangspunkt oft sehr aufschlussreiche Abschweifungen.
Verschlüsselte Botschaft – Problem auf der Informatik
Ein paar Mal versteckt JPR in seine Briefe verschlüsselte Botschaften, die aber nicht immer "ankamen". Seine These: Man kann nicht sagen, einem einigermaßen komplexen Text sei keine verschlüsselte Botschaft enthalten. Man kann nur sagen, man habe noch keine gefunden (S. 93).
Schachproblem
Kann man nur aus den Zügen des Weißen die vollständige Partie rekonstruieren? nennt JPR eine klassische Frage (S. 120). Er war Mäzen von Arno Schmidt, ist Vorstand der von ihm gegründeten Arno-Schmidt-Stiftung und Mitherausgeber des Gesamtwerks von Arno Schmidt. Diese Frage wird bei Arno Schmidt in: Dichtergespräche im Elysium – 10. Gespräch. Ein Zwischenspiel aufgeworfen (siehe Marius Fränzel, Jan Philipp Links).
Schachnovelle
Neben dieser expliziten Berufung aufs Schachspiel ist noch ein impliziter Bezug zu Stefan Zweig: Schachnovelle vorhanden. Dr. B. aus der Schachnovelle gerät in die Gefangenschaft der Gestapo und überlebt, weil er sich ein Schachbuch klauen kann und die Partien darin nachspielt und auswendig lernt. JPR erhält erstaunlicherweise kunterbunte Literatur in den Keller gebracht. Damit kann er das grosse Problem der Langeweile bekämpfen. Da diese Literatur recht wahllos eingekauft wurde (JPR versucht Zusammenhänge aufzuzeigen: S. 89) verzichte ich darauf, sie aufzulisten. Hier kann man sie nachlesen: S. 87-88; S. 158.
Dilettantismus
JPR beschreibt den Dilettantismus der drei Entführer (S. 133-134).
Moralischer Terror
JPR reflektiert auch in diesem Hauptteil bereits. Der Wunsch an Verwandte und Bekannte ihm zu helfen – den diese kaum ablehnen können – grenzt an moralischen Terror (S. 142).
Reflexion
Im dritten Teil reflektiert JPR über vieles im Zusammenhang mit seiner Entführung.
Während der Gefangenschaft kam JPR auf die kuriose Idee der Selbstübergabe (S. 141-142) und reflektiert sie im dritten Teil (S. 201).
Ich auf dem Prüfstand
Neben einigen Besinnungen auf Ludwig Wittgenstein ist die Diskussion um das "Ich", ausgehend von einem Zitat Augustinus, erhellend (S. 197-199).
„Noli foras ire, in te ipsum redi, in interiore homine habitat veritas; et si tuam naturam mutabilem inveneris, transcende et te ipsum“. Aus: Augustinus: De vera religione
Gehe nicht nach draußen, gehe in dich: im Inneren des Menschen wohnt die Wahrheit; und wenn du deine Natur in ihrer Unbeständigkeit erkannt hast, überschreite auch dich selbst.
JPR verweist darauf, dass das Projekt René Descartes im Innern den unwandelbaren Punkt als Archimedischen Punkt zu suchen, gescheitert ist. Viele philosophischen Überlegungen und neurophysiologische Befunde zeigen, dass es den Homunculus (Jan Philipp Links) nicht gibt.
Stockholmsyndrom
Das Stockholmsyndrom spricht JPR kurz mit einem Entführer an. Im Zusammenhang mit der schon erwähnten Idee der Selbstübergabe kam es ihm in den Sinn. Ich glaube nicht, dass JPR davon betroffen war.
Einiges Bemerkenswertes
• Ich hatte den Eindruck, die Reemtsma-Entführung läge schon viel weiter zurück als erst 1996. Vielleicht weil inzwischen einer der Entführer Thomas Drach um vorzeitige Entlassung eingereicht hat (die abgelehnt wurde; inzwischen ist Drach in ein weiteres gerichtliches Verfahren verstrickt)
• Medien, mal positiv (Stillschweigen während der Entführungszeit), mal negativ (Erdichtetes wird unverfroren als Bericht gedruckt). Es stellt sich die Frage nach dem Recht der Öffentlichkeit auf Information und deren Grenzen.
• JPR enthält sich weitgehend jeder moralischer Bewertung der Entführer und ihrer Taten. Nirgends klingt er wehleidig, selbst dann nicht, wenn er die Entführer um Erleichterungen bittet.
Jan Philipp Reemtsma machte aus seiner Entführung das Beste unter den vorgegebenen Umständen und sein Bericht darüber ist in weiten Teilen gut lesbar und intellektuell anregend. Allerdings gehen mir die detaillierten Berichte oft zu weit. Ein Beispiel: Dass JPR sich beim Essen von Raviolo mit Tomatensauce bekleckert (S. 164) ist nicht wirklich interessant und literaturwürdig. Der sachliche und nicht nachtragende Ton (nur das Verhalten der Medien nach der Freilassung wird zurecht bezweifelt) unterstreichen den beabsichtigten nicht-fiktionalen Charakter des Buchs.
Man lernt in Im Keller Jan Philipp Reemtsma als Mensch, Familienmensch und Intellektuellen kennen. Alles sehr zu seinem Vorteil.
Links
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Reemtsma ReemtsmaJan Philipp Reemtsma: Im Keller. Audio CD. Hoffmann und Campe, 1998.

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