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Frank P. Meyer: Normal passiert da nichts
Saarbrücken: Conte, 2012. Broschiert, 418 Seiten – Frank LinksFrank Literatur
Rafael kommt (etwa 1999) aus Antwerpen in eine Wohngemeinschaft (WG) in Primstal, Saarland, zu Mike und Gabriel. Er ist der einzige mit einem Job als Pizzaentwickler. Das gibt schon den skurrilen Grundton des Romans vor. Die anderen WG-Bewohner und mancher im Freundeskreis schlagen sich dank mannigfaltiger Quellen (Mütter, Freundinnen, Schmuggel) durchs Leben.
Gabriel ist der ewige Student, der an einer Arbeit über das Bergwerksunglücks in Luisenthal 1962 sitzt. Er hat ein persönliches Interesse, denn sein Vater kam damals ums Leben. Doch – wie sich im Laufe der Nachforschungen herausstellt – die Sachlage war 1962 komplizierter.
Um die Finanzen zu stablisieren beschließt der Freundeskreis eine Mensa zu überfallen. Normal passiert da nichts. Aber die Ereignisse überstürzen sich.
Dem schelmenhaften Geschehen in WG und Primstal unterliegt eine ernste, verworrene Familiengeschichte. Am Ende stellt sich heraus, dass ziemlich viele Protagonisten untereinander verwandt sind.
Die Lebenskünstler in der WG sind sattsam aus der Untergrundliteratur bekannt. Auch hier wird gefeiert, getrunken, ins Bett gekrochen und in den Tag hinein gelebt. Das liest sich locker, ist von manchem Witz aufgehellt und als es zu routinemäßig wird, wechselt die Erzählstimme. Nur dank dieser Technik blieb ich mit der Lektüre bei der Stange. Der Autor ist zu sehr in seine zahlreichen amüsanten Episoden verliebt und gibt sie alle zum Besten. Die Primstaler Kirmes und der Charmeur Schuckebaby samt Samtjackettheorie (S. 271-277) sind für sich recht gefällig, doch in ihrer Häufung und Breite ermüdend.
Dem wird ausführlich das Geschehen in Luisenthal 1962 gegenübergestellt. Dabei trug sich eine Vertauschungsepisode zu, die enorm aufgebauscht wird. Gabriel sieht im seitdem abwesenden Jakob Heck gar seinen Hauptfeind (S. 200).
Am Ende des Romans hat der Autor dann zwei Probleme: er muss
  • die Verwandtschaftsverhältnisse durch lange indirekten Reden in der Vergangenheit erläutern,
  • die sich überstürzenden Ereignisse beim Mensaüberfall entwirren.
Beides überforderte ihn oder zumindest mich als Leser. Der breite Erzählfluss über fast 300 Seiten (nur unterbrochen von dem breit ausgewalzten Drama Luisenthal 1962) steht im Missverhältnis zum Höhepunkt der beiden Erzählfolien: WG und Familiendrama.
Das Thema der nichtsnutzigen ewigen Junggesellen, die endlich ins Leben treten, ist zudem schon ziemlich ausgelutscht. (Das mag für einen Leseanfänger anders sein.) Frank P. Meyer setzt einige neue Akzente, mehr nicht.
In den besten Momenten wird es in Normal passiert da nichts turbulent und bizarr wie bei James Sallis: Drive oder Josh Bazell: Beat the Reaper. In vielen wurde ich an Maarten 't Hart: Das Wüten der ganzen Welt erinnert, ohne dass es die Klasse oder den Tiefgang jenes Romans erreicht. Am besten passt es zu Hannu Raittila: Canal Grande und da gebe ich im Vergleich sogar  Normal passiert da nichts den Vorzug.
Der Versuch zwei Genre (moderner Schelmenroman & historische Verstrickungen, die bis in die Gegenwart reichen) zu verbinden gelang nicht ganz. Vor allem wurden die Gewichte zu ungleichmässig verteilt. Wer aber dem Lob für Hannu Raittila: Canal Grande zustimmte (ich meine: darauf hereinfiel Meyer) wird mit Normal passiert da nichts besser bedient.
Links
MeyerFrank P. Meyer – Normal passiert da nichts @ Conte Verlag
Vergleichsliteratur
Meyer Josh Bazell: Beat the Reaper [dt. Schneller als der Tod]
Meyer Maarten 't Hart: Das Wüten der ganzen Welt
Meyer Hannu Raittila: Canal Grande
Meyer James Sallis: Drive [dt.: Driver]

Literatur
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Meyer MeyerFrank P. Meyer: Normal passiert da nichts. Saarbrücken: Conte, 2012. Broschiert, 418 Seiten
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