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Maron
Monika Maron: Flugasche
Frankfurt: Fischer, 1986. Taschenbuch, 243 Seiten – Monika LinksMonika LiteraturMonika Sekundäres
Luise, Chefredakteurin bei der Illustrierten Woche, einer DDR Zeitschrift, schickt die Journalistin Josefa Nadler nach B. (Bitterfeld, siehe Monika Links). Josefa ist vor Ort schwer erschüttert über die marode Lage in Bitterfeld. Seit Jahren zugesagte Neuerungen wurden nie realisiert.
Sie muss sich entscheiden: Reportage im Sinne der Partei, das heißt, sie müßte Potemkinsche Dörfer beschreiben, oder ehrliche Beschreibung der schlimmen Zustände in Bitterfeld.
Die Begegnung mit dem polnischstämmigen Heizer Hodriwitzka und einem rothaarigen Arbeiter geben den Ausschlag: sie schreibt eine ehrliche Reportage. Neben diesen beiden Arbeitern ist der politisch therapierte Redaktionsangestellte Jauer die gelungenste Nebenfigur.
Ihr Lebensgefährte Christian rät ihr zwei unterschiedliche Berichte auszuarbeiten. Sie reicht die ehrliche Reportage ein. Gleichzeitig schreibt sie an den Ministerrat der DDR, mit der  naiven Idee: es kann nicht sein, dass der Ministerrat davon etwas weiß, sonst würde er etwas dagegen unternehmen. (Nach dieser Idee verfuhren auch zahlreiche Deutsche nach 1945: Adolf Hitler wußte von den Gräueltaten der Nazis nichts, sonst hätte er sofort eingegriffen.) Die Idee der sauberen Partei wird, trotz offensichtlich gegenteiliger Anzeichen, aufrecht erhalten.
Es kommt zum Eklat. Josefas Vorgesetzte und ein Parteifunktionär versuchen ihr Brücken zu bauen um noch gimpflich davon zu kommen. Sie wankt zwar (will den Brief an den Ministerrat zurückerhalten), aber letzlich bleibt sie ihrer Linie treu. Dabei nimmt sie bewusst in Kauf, dass sie ihren vergleichsweise guten Journalistenjob verliert.
Josefas Dilemma
Josefa Nadler steht vor einem schwierigen Dilemma:
  • wenn sie einen ehlichen Bericht abliefert, gerät sie ins Visier der Partei und wird ihren Job verlieren;
  • wenn sie – wie erwartet wird – einen geschönten Bericht schreibt, stempelt sie sich selbst als Mitwirkende des politischen Schwindels (um es harmlos auszudrücken).
Dieses Dilemma erinnert an das des Nobelpreisträgers Boris Pasternak (siehe Monika Links).
Der Roman ist gut konstruiert, auch wenn der plötzliche Wechsel von der Ich-Erzählerin Josefa zur Erzählstimme im 1. Teil (S. 93) etwas unvermittelt und an dieser Stelle für mich nicht ganz nachvollziehbar ist. Der Wechsel an sich passt: während der erste Teil persönlich gefärbt ist (Familienhintergrund der Erzählerin), überwiegt im zweiten Teil die Parteimaschinerie; wenngleich auch im zweiten Teil die persönlichen Konflikte noch eine große Rolle spielen.
Ein Vorzug des Romans liegt darain, dass es die Autorin hervorragend versteht die politische Auseinandersetzung mit der privaten Situation einer nach Selbständigkeit strebenden Frau zu verbinden. Zudem gewinnt man einen Eindruck von den Lebensverhältnissen in der DDR: Szenen aus dem Privatleben, teils ausgelagert in die Kneipe; schluddriger Arbeitsalltag, wenn man es sich erlauben kann; man arrangiert sich und hört Ende der 70-er Jahre in der DDR „Why don't we do it in the road” aus dem berühmten weißen Album der Beatles (S. 37).
Der dialektischen Disput zwischen Luise und Josefa (S. 78-86) las sich für mich heute überholt. Gerade dieser Abschnitt wurde aber von einer anderen Leserin des Romans als Schlüsselstelle positiv hervorgeheben. (So verschieden kann man gute Literatur lesen.) Die Dispute mit Christian gaben mir mehr. So beklagt sie gegenüber ihm, dass die Revolutionen der deutschen Geschichte nach SED-Lesart schon stattgefunden hat. Jetzt ist alles erstarrt: „Wir dürfen noch den Staub beiseite kehren, der dabei aufgewirbelt wurde. Eure Revolution ist die Verteidigung der Errungenschaften, sagen sie und machen uns zu Museumswächtern” (S. 101-102). Hier wird in einem Satz der Zustand in der DDR und ein Hauptgrund fürs Scheitern prägnant beschrieben.
Der Roman ist nicht frei von Betroffenheitsgesülze und Sinnkrisengeschwafel (wenn auch in geringen Dosen). Viele eingeschobene Träume und Tagträume werden von Literaturwissenschaftler analysiert, mich als Leser langweilten sie, da sie immer die Handlung bremsen und zu beliebiger Interpretation einladen.
Stilistisch häufen sich in der ersten Hälfte des Romans Konjunktivsätze und indirekte Reden. Es schlich sich manch gewolltes Bild ein, das als solches erkannt wird. Nur zwei Beispiele:
  • „Die weiße Wintersonne, abgeblendet durch ungeputzte Fensterscheiben, fängt sich im Kaffeelöffel” (S. 31). Der Satz hebt gut an, stürzt aber durch die Spiegelung im Kaffeelöffel für meinen Geschmack ab.
  • „Die Platzordnung während der Redaktionssitzung wird streng eingehalten, und obwohl ich zu spät komme, ist mein Platz neben Luise noch frei” (S. 42). Das muss man zweimal lesen um es wohlwollend als gerade noch korrekt durchgehen zu lassen. Wenn die  Platzordnung streng eingehalten wird ist nicht verwunderlich (das wird durch das „obwohl” suggeriert), dass der Platz frei ist.
Der zweite Teil des Romans läßt die Leser mitzittern: Wie wird sich Josefa entscheiden? Sie bleibt standhaft und ist ihren Job los.
Monika Maron schob einen kurzen versöhnlichen (ironischen ?) Abschnitt nach (S. 244).
Flugasche ist aus vielerlei Gründen auch heute ohne DDR noch lesenswert.
  • Die Konflikte zwischen den Bedürfnissen zwischen den Menschen und der Industrie/Wirtschaft bestehen weiterhin und werden auch in der Demokratie größenteils contra Menschen entschieden.
  • Den Bürgern wird auch heute Sand in die Augen gestreut: entweder werden glatte Entscheidungen gegen Natur und Mensch schön geredet oder es wird nach dem römischen Motto „Panem et circensis” (nach Juvenal) von den wirklichen Problemen abgelenkt.
  • Vorab-Zensur ist in Demokratien zwar verpönt, aber sie findet ihren Weg durch die Schere im Kopf, die in Deutschland in den letzten Jahrzehnten immer schärfer wurde. So ist augenblicklich (Mai 2014) jeder Journalist „draussen” – freie Meinungsäußerung hin oder her –,
    * wenn er ein gutes Haar an Wladimir Putin, Präsident der Russischen Föderation, läßt;
    * wer vor den Grauen der NS-Dikatatur im Vergleich mit der Gegenwart warnt, begibt sich auf dünnes Eis und kann mit einer einzigen Bemerkung seine Karriere vernichten.
Wie der Einzelne dabei seinen Weg findet ohne zermahlen zu werden, das ist auch heute Stoff über den es sich nachzudenken lohnt. Josefa hat gezeigt, dass es auch in schwieriger Situation wichtig ist, sich nicht zu verkrümmen.
Übrigens: Josefa deckt sich in vieler Hinsicht mit der Autorin Monika Maron selbst.
Links
Bitterfeld
Stadt in Sachsen-Anhalt und ein Zentrum der chemischen Industrie.
  • Bitterfeld war eine wichtige Zelle des  des Volksaufstands vom 17. Juni 1953 gegen die SED-Diktatur.
  • 25. April 1959 Autorenkonferenz im Kulturpalast des Elektrochemischen Kombinats Bitterfeld: es wurde beraten, wie die Werktätigen zu Kunst und Kultur gelangen können: Bitterfelder Weg
  • 11. Juli 1968 Explosionsunglück im Chemiekombinat Bitterfeld mit zahlreichen Toten und Verletzten. Teile des Werks wurden zerstört.
  • Bitterfeld wurde zum „Aushängeschild” für die Umweltzerstörung in der DDR.
MaronBitterfeld
MaronElektrochemisches Kombinat Bitterfeld
MaronBitterfelder Weg
MaronChemieunfall in Bitterfeld

MaronMonika Maron
Maron Monika Maron: Endmoränen
Maron Boris Pasternak überlistet Stalin
Literatur
Hsin Chou (2006): „Von der Differenz zur Alterität. Das Verhältnis zum Anderen in der Fortschreibung von Identitätssuche in den Romanen “Die Überläuferin” und “Stille Zeile sechs” von Monika Maron”. Diss. Albert-Ludwigs-Universität, Freiburg.
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Antonia Grunenberg (2001): „Der Traum als Heilmittel gegen die verordnete Infantilität -
"Flugasche" von Monika Maron”. In: Antonia Grunenberg (2001): Aufbruch der inneren Mauer. Politik und Kultur in der DDR 1971-1990. Edition Temmen. S. 209–215
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Lennart Koch (2001): Ästhetik der Moral bei Christa Wolf und Monika Maron: Der Literaturstreit von der Wende bis zum Ende der neunziger Jahre. Frankfurt: Peter Lang.
Birgit Konze (2002): „Das gestohlene Leben. Zur Thematisierung und Darstellung von Kindheit in der DDR im Werk von Monika Maron im Vergleich mit Werken von Uwe Johnson, Irmtraud Morgner und Thomas Brussig”. In: Gilson, Elke, Hg. (2002): Monika Maron in Perspective.
‘Dialogische’ Einblicke in zeitgeschichtliche, intertextuelle und rezeptionsbezogene Aspekte ihres Werkes. Amsterdam, New York: Rodopi. S. 181-203.
Alison Lewis (2002): „'Die Sehnsucht nach einer Tat': Engagement und weibliche Identitätsstiftung in den Romanen Monika Marons”. In: Gilson, Elke, Hg. (2002): Monika Maron in Perspective. ‘Dialogische’ Einblicke in zeitgeschichtliche, intertextuelle und rezeptionsbezogene Aspekte ihres Werkes. Amsterdam, New York: Rodopi. S. 75–91.
Rita Morrien (2010): „'Und jetzt […] werde ich mit dem Kopf durch die Wand gehen'. Variationen eines Themas: Opferstrategien und Täterphantasien im Werk Monika Marons”. Zeitschrift für Germanistik 20:3. S. 599–617.
Alexandra Schichtel-Gewehr (1998): Zwischen Zwang und Freiwilligkeit: Das Phänomen Anpassung in der Prosaliteratur der DDR. VS Verlag für Sozialwissenschaften, 1998. Broschiertz, 256 Seiten
Gisela Shaw (2003): „Living Without Utopia: Four Women Writers’ Responses to the Demise of the GDR”. In: William Niven, James Jordan Hg. (2003): Politics and Culture in Twentieth-Century Germany (Studies in German Literature Linguistics and Culture). Rochester, NY: Camden House. S. 163–183.
Stuart Taberner (2004): „Review: Monika Maron in Perspective”. The Modern Language Review 99:2. S. 549-550.
Martin Norman Watson (1987/1988): „The Limits to Growth of Ecological Debate in GDR Literature: A Comparative Analysis of Hanns Cibulka’s ‘Swanton. Die Aufzeichnungen des Andreas Fleming’ and Monika Maron’s ‘Flugasche’”. East Central Europe 14-15, S. 275-290.
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Maron MaronMonika Maron: Flugasche. Roman. Fischer, 2012. Taschenbuch, 256 Seiten

Sekundäres
Maron Maron Katharina Boll: Erinnerung und Reflexion: Retrospektive Lebenskonstruktionen im Prosawerk Monika Marons. Epistemata Literaturwissenschaft Bd. 410. Königshausen u. Neumann, 2002. Taschenbuch, 112 Seiten
Maron MaronKarsten Dümmel: Identitätsprobleme in der DDR-Literatur der siebziger und achtziger Jahre. Frankfurt: Peter Lang, 1997. Broschiert Maron
Anne Fuchs, Kathleen James-Chakraborty, Linda Shortt, Hg.: Debating German Cultural Identity Since 1989. Camden House, 2011. Gebunden, 264 Seiten Maron
Maron MaronElke Gilson, Hg.: »Doch das Paradies ist verriegelt ...«: Zum Werk von Monika Maron. Frankfurt: Fischer, 2006. Taschenbuch, 352 Seiten Maron
Elke Gilson, Hg.: Monika Maron in Perspective.
‘Dialogische’ Einblicke in zeitgeschichtliche, intertextuelle und rezeptionsbezogene Aspekte ihres Werkes. Amsterdam, New York: Rodopi, 2002. Taschenbuch, 341 Seiten Maron
Maron MaronAntonia Grunenberg: Aufbruch der inneren Mauer. Politik und Kultur in der DDR 1971 – 1989. Edition Temmen,  2001. Broschiert, 276 Seiten Maron
Ariane Huml, Monika Rappenecker, Hg.: Jüdische Intellektuelle im 20. Jahrhundert: Literatur- und kulturgeschichtliche Studien. Königshausen u. Neumann, 2003. Taschenbuch, 296 SeitenMaron
Maron Maron Max Rössner: Die Romane "Flugasche" und "Stille Zeile Sechs" von Monika Maron: Analyse der Entwicklung des oppositionellen Subjekts im Hinblick auf seine Identitätskrise. Grin, 2013. Taschenbuch, 20 Seiten
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Rebecca Schwarz: Wider jede Zensur: Spuren, Erfahrungen und Zeugnisse in Monika Marons "Flugasche". Grin, 2011. Taschenbuch, 32 SeitenMaron
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 9.5.2014