Email zurück zur Homepage eine Stufe zurück
Stifter
Adalbert Stifter: Bunte Steine
Stifter VorredeStifter EinleitungStifter GranitStifter KalksteinStifter TurmalinStifter BergkristallStifter KatzensilberStifter Bergmilch
Stifter LinksStifter Literatur
In der Sammlung Bunte Steine fasste Adalbert Stifter die Erzählungen Granit, Kalkstein, Turmalin, Bergkristall, Katzensilber und Bergmilch zusammen. Sie erschien 1853 in zwei Bänden. Die Vorrede Stifters und die Einleitung stammen beide aus 1852. Bunte Steine sollte ursprünglich zu Weihnachten 1852 erscheinen (Untertitel: "Ein Festgeschenk für die Jugend"). Stifter kündigte seinem Verleger eine Geschichtensammlung für Kinder an. Alle Geschichten handeln von Kindern (oder von Sonderlingen und Kindern), sind aber für Kinder wohl zu langweilig.
Die Erzählungen entwickeln sich langsam, zeichnen sich durch Naturschilderungen und Wiederholungen aus und haben oft (in den Binnenerzählungen) märchenhafte Züge.
Die Erzählungen hatten ursprünglich diese Titel:
Die Pechbrenner (Granit), Der arme Wohltäter (Kalkstein), Der Pförtner im Herrenhaus (Turmalin), Der heilige Abend (Bergkristall), Wirkungen eines weißen Mantels (Bergmilch). Katzensilber fehlt in dieser Aufzählung: es ist die einzige Erzählung, die Stifter speziell für die Sammlung Bunte Steine schieb.
Vorrede
Stifter meint in der Vorrede, dass seine Kritiker, die ihm vorwerfen, nur das Kleine und Unbedeutende zu achten, bei ihm offene Türen einrennen. Auch in Bunte Steine wird von der anschwellenden "Milch im Töpfchen der armen Frau" (S. 10) schreiben. Es wirkt dieselbe Kraft wie in der Lava des feuerspeienden Bergs.
Ausführlich erläutert Stifter in dieser Vorrede seine Ansichten zum "sanften Gesetz" (S. 12), er nennt es auch das "Rechts- und Sittengesetz" (S. 14).
Bemerkenswert ist die Bemerkung zum Unbeobachtbaren in der Natur. Sie erweist Stifter als wissenschaftlichen Realisten
"Wenn wir, so wie wir für das Licht die Augen haben, auch für die Elektrizität und den aus ihr kommenden Magnetismus ein Sinneswerkzeug hätten, welche große Welt, welche Fülle von unermeßlichen Erscheinungen würde uns da aufgetan sein. Wenn wir aber auch dieses leibliche Auge nicht haben, so haben wir dafür das geistige der Wissenschaft, und diese lehrt uns, daß die elektrische und magnetische Kraft auf einem ungeheuren Schauplatze wirke, daß sie auf der ganzen Erde und durch den ganzen Himmel verbreitet sei, daß sie alles umfließe und sanft und unablässig verändernd, bildend und lebenerzeugend sich darstelle." (S. 11)
Siehe dazu: Stifter Christian Suhm: Wissenschaftlicher Realismus. Eine Studie zur Realismus-Antirealismus-Debatte in der neueren Wissenschaftstheorie.
Einleitung
Hier erläutert Stifter den Titel Bunte Steine. Er beruht auf seiner Sammelleidenschaft als Kind, zeigt auch Stifters grosse Zuneigung zur Natur und wiederum, wie er im Kleinen das Grosse zeigen will.
Granit
In einer Rahmenhandlung wird ein Kind bestraft, da es mit Füssen voll Wagenschmiere ins saubere haus geht. Der Großvater nimmt den Bub bei der Hand, geht mit ihm in die Natur, erklärt ihm einiges und erzählt schließlich die Geschichte einer Familie von Pechbrennern während einer Pestepidemie. Kunstvoll verbindet Stifter die Rahmenhandlung mit der Binnenerzählung. In beiden geht es um Gefahren, die bewältigt werden müssen. Allerdings erlahmt durch die langen Frage-Antwortpassagen die Lesefreude.
Kindlers Literaturlexikon, S. 4102-4103
Stifter Anfang
Kalkstein
Ein Geometer, der namenlos bleibt, erzählt seine verschiedenen Begegnungen mit einem Dorfpfarrer. Er wird mit ihm näher bekannt, so dass ihm dieser seine Geschichte erzählt, Vertrauen gewinnt und ihm sein Testament übergibt. Das sonderbare, entsagungsvolle Leben des Pfarrers erschließt sich dem Ich-Erzähler und damit dem Leser schrittweise und letztlich erst bei der Testamentseröffnung. das Ziel seiner Entbehrungen erreicht der Pfarrer nur indirekt: da seine hinterlassenen Mittel nicht für die geplante Schule ausreichen, springen reiche Gönner ein.
Die Anrührung dieser Erzählung entspringt aus demjenigen, der seine kargen Mittel, ja sein ganzes Leben für etwas einsetzt, was die Reichen der Welt mit der Portokasse erledigen können. Doch wer ist mehr zu bewundern: der Landpfarrer aus "Kalkstein" oder der Millionär, der einen Lehrstuhl finanziert oder einen Kindergarten stiftet (und sich dafür über die gemeindliche Bauregeln hinwegsetzen darf)?
Der Geometer wurde mit dem Landvermesser K. aus Kafkas Das Schloß verglichen. Mir offenbart sich das nicht sofort, man müßte darüber nachdenken. Hervorragende Erzählung, lesenswert.
Kindlers Literaturlexikon, S. 5130-5131
Verfilmung
Kalkstein, Fernsehfilm nach der Erzählung von Adalbert Stifter, Österreich 1982. Pfarrer: Josef Meinrad; Geometer: Karl-Heinz Martell; Regie Imo Moszkowicz.
Stifter Anfang
Turmalin
In Turmalin tritt ein Sonderling in den Mittelpunkt, der, nachdem seine Frau mit einem Künstler fremdging, selbst ohne Nachricht verschwindet. Der Leser trifft ihn später wieder in völlig veränderter Lage. Urspünglich verfügte er in seiner Wohnung über eine einzigartige Sammlung von Bildnissen berühmter Männer. "In Hinsicht des Ruhmes der Männer war es dem Besitzer einerlei, welcher Lebensbeschäftigung sie angehört hatten, und durch welche ihnen der Ruhm zu Teil geworden war, er hatte sie wo möglich alle" (S. 126). Daran fand ich die letzte lakonische Aussage bemerkens- und schmunzelnswert. Es erinnerte mich an Chuck Berry: Sweet Little Sixteen
   She’s just got to have
About half a million
Framed autographs
Her wallet’s filled with pictures
She gets ’em one by one
Chuck Berry: Sweet Little Sixteen. Chicago 29.12.1957, Chess 1683
Wenn ich drei Erzählungen aus Bunte Steine auszuwählen hätte, wären Turmalin, Bergkristall und Katzensilber dabei. Ich verweise dazu auf so schöne Stellen wie diese:
Wir lehnten den Antrag unseres Freundes, uns seinen Wagen zu geben, ab, und sagten, es wäre ein Raub an dieser schönen Nacht, wenn wir in dem Wagen säßen und den freien Raum, der zwischen der Stadt und der Vorstadt ist, durchflögen, statt ihn langsam zu durchwandeln und seine freie erhellte Schönheit zu genießen. (S. 141)
Turmalin wurde, ähnlich wie Katzensilber, von Franz Grillparzer: Der arme Spielmann angeregt und beeinflußt. Naumann 1979, S. 18; siehe Stifter Literatur; Stifter Rezension: Franz Grillparzer: Der arme Spielmann
Mir gefiel Turmalin ausgezeichnet. Hier kommt Stifter nahe an Stifter Edgar Allan Poe und Stifter Franz Kafka.
Der Turmalin ist ein Ringsilikat, das durch Natrium, Magnesium, Eisen und Aluminium zusammengehalten wird. Er kommt in verschiedenen durchsichtigen Farben vor und wird als Schmuckstein verwendet.
Stifter Anfang
Bergkristall
Stifter Rezension zu Bergkristall
Katzensilber
Wieder erzählt Stifter von einem stattlichen Hof in einem "sehr schönen Teile unseres Vaterlandes" (S. 225). Drei Kinder freunden sich mit dem braunen Mädchen an. Dieses Naturkind taucht im Wald auf und entschwindet dorthin wieder. Neben den vielen Motiven, die man in allen Stiftererzählungen findet (hier beispielsweise die grandiose Schilderung eines Unwetters) kommt hier ein Kaspar Hauser Motiv dazu.
Kaspar Hauser, Findelkind, 30.4. 1812 (gab Kaspar an) – 17.12. 1833 Ansbach, tauchte 1828 in Nürnberg auf und gab an, bisher allein aufgewachsen zu sein. Der Rechtsgelehrte und Kriminalist Anselm von Feuerbach (14.11.1775 Hainichen bei Jena – 29.5.1833 Frankfurt am Main; Großvater des Malers Anselm Feuerbachs) nahm sich das Falls an.
Literarische Verwertung in Gedichten (Verlaine, Georg Trakl, ...), Romanen (Karl Gutzkow, Jakob Wassermann, ...) und im Schauspiel (Peter Handke); Filme von Werner Herzog (1974) und Peter Sehr (1994).
Andrerseits erinnert das braune Mädchen an die geheimnisvolle Mignon in Johann Wolfgang von Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre und seinem Gedicht "Mignon" (siehe Stifter Links).
Eingebaut sind diesmal ganz kurze Binnenerzählungen der Großmutter, die sich in der Haupthandlung widerspiegeln. Sie durchsetzen die Erzählung ähnlich wie das Katzensilber sich im Gestein findet. So erzählt die Großmutter von der brauen Magd, die aufgrund einer geheimnisvollen Botschaft auf Nimmerwiedersehen verschwindet.
"...sag der Sture Mure, die Rauh-Rinde sei tot." (S. 230)
Eine ähnliche Botschaft eines Vögleins auf der Drillingsföhre wirkt bereits in der Erzählung Granit (S. 36). Kurz vorm endgültigen Verschwinden des braunen Mädchens greift sie das Motiv auf: "Sture Mure ist tot, und der hohe Felsen ist tot" (S. 292). Ich werde daraus nicht schlau, aber gerade das Mysteriöse reizt an dieser Erzählung.
Die Binnenerzählung über das Wichtelchen, das überraschend einen roten Rock erhält und darauf vor Freude nicht mehr erscheint (s. 230-231), weckte vage Erinnerungen; an ein Märchen? Jedenfalls auch an die SF-Story von Robert Sheckley: "The Necessary Thing", Galaxy Juni 1955 (aus der Sammlung The People Trap, 1955; deutsch: "Was man wirklich braucht", in: Die Menschenfalle, München: Goldmann, 1969). Siehe: Stifter Robert Sheckley.
Auch eine Odysseus-Zusammenfassung in sieben Zeilen (Stifter Homer) gibt die Großmutter zum Besten (S. 241).
Katzensilber wurde, ähnlich wie Turmalin, von Franz Grillparzer: Der arme Spielmann angeregt und beeinflußt (Naumann 1979, S. 18; siehe Stifter Literatur)
Beim nochmaligen Lesen von Katzensilber werde ich darauf achten, wie oft das braune Mädchen Freude bringt und trotzdem darüber vergessen wird.
Der Literaturprofessor und Schriftsteller Roland Koch hat Motive aus Katzensilber und Der Waldbrunnen in einem Roman verarbeitet:
Roland Koch: Das braune Mädchen. München: Droemer Knaur, 1999. 187 Seiten. Stifter Rezension
Siehe speziell dazu: Roland Koch: "Das kalte Gesetz. Zu Stifters »Der Waldbrunnen« und meinem Roman »Das braune Mädchen«", in: Heinz Ludwig Arnold, Hg.: Adalbert Stifter. München 2003.
Für mich ist Katzensilber (neben Bergkristall) die beste Erzählung der Sammlung.
Stifter Anfang
Bergmilch
Im Mittelpunkt dieser Erzählung steht ein Schloß und seine Bewohner, über die die napoleonischen Kriege hinwegfegen. Ein mysteriöser Reiter im weißen Mantel kommt später wieder und es kommt zum Happy-End.
Eine nette Wendung fand ich im Verhalten der Kinder: "Alfred kauert neben der Mutter und fürchtete sich, Lulu stand neben ihm und half fürchten" (S. 311). Es ist selten, dass Stifter Humor aufblitzen lässt und unklar, ob er es denn humorvoll gemeint hatte.
Über die Schrecken des Krieges: die Menschen "meinten, daß nun die Zeiten aus seien, wo man solches beginne, weil man zur Einsicht gekommen: aber sie bedachten nicht, daß andere zeiten und andere Menschen kommen würden, die den Krieg nicht kennen, die ihre Leidenschaften walten lassen, und im Übermute wieder das Ding, das so entsetzlich ist, hervor rufen würden" (S. 312-322).
Links
Stifter Adalbert Stifter
Stifter Rezension: Bergkristall
Stifter Rezension: Stifter reloaded
Stifter Rezension: Roland Koch: Das braune Mädchen
StifterJohann Wolfgang von Goethe: "Mignon" ("Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn")
StifterThorsten Schulte: Mignon – Geschöpf des „Sturm und Drang“ (pdf)
StifterRezension: Netzwerk Memoria (Hrsg.), Stifter reloaded
Stifter Anfang
Literatur

Naumann, Ursula: Adalbert Stifter. Stuttgart: Metzler, 1979. 137 Seiten. Sammlung Metzler M 186.
Kurzbesprechung siehe unter Stifter Sekundärliteratur
"Bunte Steine", in Kindlers Literaturlexikon, S. 1693
Bei Amazon nachschauen   Bei Amazon nachschauen
Stifter StifterAdalbert Stifter: Bunte Steine. München: Goldmann, 2005. Broschiert stifter
Adalbert Stifter: Bunte Steine. Erzählungen. Ditzingen: Reclam, 1994. Broschiert Stifter
stifter
stifterAdalbert Stifter: Bergkristall und andere Erzählungen. Frankfurt am Main: Insel. Taschenbuch, 325 Seiten. it 438
stifter
Adalbert Stifter: Bergkristall und andere Erzählungen. Frankfurt: Insel, 2004. Broschiert, 336 Seiten. it 3070stifter
stifter
stifterNetzwerk Memoria, Hg.: Stifter reloaded. Ein Dutzend bunter Steine. Wien: Picus 2005. Gebunden, 192 Seiten.
Stifter Rezension
 
 
Stifter Anfang

Stifter
Email zurück zur Homepage eine Stufe zurück
© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 24.10.2005