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Mahrendorff
C. S. Mahrendorff: Das dunkle Spiel
Bergisch Gladbach: Lübbe, 2003. Gebunden, 507 Seiten – Mahrendorff LinksMahrendorff Literatur
Beim unmittelbar zuvor gelesenen Roman des Genre historischer Kriminalroman beschrieb ich meine Vorbehalte gegen diese Kategorie (Mahrendorff Bernd Hoffmann: Die Katharer Schriften). Das ähnlich lange Rot ist mein Name war für mich viel zu ausufernd und zog sich hin (Mahrendorff Orhan Pamuk: Rot ist mein Name). Woran liegt es, dass ich Das dunkle Spiel freudig las und immer fühlte, dass die historischen Daten zu Gustav Mahler authentisch sind? Um dies zu beantworten müsste ich lange überlegen. Ich schlage vor: jeder probiert es selbst aus. Zur Vorbereitung und Einstimmung gebe ich ein paar Tipps.
Sehr wichtig: in der Münchner Stadtbibliothek ist Das dunkle Spiel unter Kriminalroman eingereiht. Das trifft nur auf die letzten 50 Seiten (=10%) zu. Die ersten 450 Seiten sind eine romanhafte Biografie von Gustav und Alma Mahler.
Der Ich-Erzähler, der Wiener Nervenarzt Dr. Leonhard Heydinger, begleitet Gustav und Alma Mahler durch einige Jahre in Wien, New York und die Sommerfrischen, die Mahler zum Komponieren aufsuchte. Er fragt zu Mahlers Lebensweg: "Wird er wie Ahasver auf ewig unverstanden durch die Welt irren?" Siehe: Mahrendorff Ahasver, der Ewige Jude. Zu Mahlers Biografie erfindet Mahrendorff die nicht historich verbürgte Geheimorganisation „Die schwarze Hand“, die nationalistisch und antisemitisch gegen Mahler als Direktor der Wiener Hofoper agiert.
Historischer Fakt ist, dass der Antisemitismus gerade in der Metropole Wien, damals Hauptstadt des Vielvölkerstaats der Habsburger Monarchie, blühte. Dort wurden seit 1905 von verschiedenen Sektionen des Alpenvereins und vom Österreichische Touristenklub (ÖTK) Arierparagraphen eingeführt. Die Juden sahen sich 1921 gezwungen, die eigene Sektion »Donauland« zu gründen, um überhaupt noch alpin tätig zu werden. Man lese dazu die Biografie des Neurologen und Alpinisten Viktor Frankl (Mahrendorff Haddon Klingberg: When Life Calls Out to Us: The Love and Lifework of Viktor and Elly Frankl und das aufschlussreiche Mahrendorff Helmuth Zebhauser: Alpinismus im Hitlerstaat).
Mit ruhiger Feder führt der Autor die Figuren seines Spiels ein. Ohne dass ich es richtig merkte entwickelte sich ein biografischer Roman. So um die Kapitel 21 bis 23 (S. 250 bis 300) hatte Das dunkle Spiel für mich einen Durchhänger. Ich wartete auf den Kriminalroman, die Mahler-Biografie war gut geschrieben und bis dahin unterhaltsam, aber nicht das, was ich zwischen den Buchdeckeln erwartete.
Bemerkenswert enthusiastisch trägt Dr. Heydinger und damit wohl Autor Mahrendorff seine Bewunderung für Mahlers 5. Sinfonie vor. Ich pflichte ihm bei. Heydinger liest Mahlers Werke zur Probe vom Notenblatt und kann die entstehenden Werke dadurch vor sein akustisches Bewusstsein bringen. Eine erstaunliche Fähigkeit, die mich schon beim tauben Beethoven umhaute. Dadurch wird Robert Sheckleys SF-Story glaubwürdig: durch den grossen Lärm in der zivilisierten Umfeld mutiert der Mensch zur Taubheit und genießt die Musik visuell, indem er die Pegelanzeiger der Stereoanlage verzückt und verständig beobachtet (Mahrendorff Robert Sheckley).
Ungenauigkeiten
  • Ein Kassenbuch wird entwendet. Es muss ein Kopie sein (S. 134), die von Hand abgeschrieben wurde. Doch bei der Beobachtung des Diebs auf der Strasse liest Heydinger (da muss er dem Dieb aber sehr nahe sein!) auf dem Umschlag "Kassenbuch des k.k. Hofoperntheaters" (S. 129). Wird jemand, der illegal ein Kassenbuch abschreibt und sich hüten muss, nicht erwischt zu werden, auch ein Deckblatt mit der fetten Aufschrift anfertigen? Wohl kaum.
  • Mahler will der erste Sinfoniker werden, der (mit den Sinfonien) die Opuszahl Zehn erreicht (S. 362). Dabei vergisst der Autor "Papa" Joseph Haydn mit seinen 106 Sinfonien.
Fazit
Nach einigen dicken Büchern, die mich nicht überzeugten, befürchtete ich schon eine Lesemüdigkeit bei mir. Doch Das dunkle Spiel zeigte mir, dass es am Werk liegt. Mit Ausnahme des oben genannten Durchhängers las ich die fünfhundert Seiten mit Vergnügen. Wer nur irgendetwas mit Mahler und seiner Musik anzufangen weiß, der lese Das dunkle Spiel.
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Mahrendorff MahrendorffC. S. Mahrendorff: Das dunkle Spiel. Bergisch Gladbach: Lübbe, 2003. Gebunden, 507 Seiten Mahrendorff
C. S. Mahrendorff: Das dunkle Spiel. Bergisch Gladbach: Lübbe, 2005. Broschiert, 508 Seiten Mahrendorff
Schreiber Mahrendorff Wolfgang Schreiber: Gustav Mahler. Reinbek: Rowohlt, 2003. Broschiert, 190 Seiten Seele  
Astrid Seele: Alma Mahler-Werfel. Reinbek: Rowohlt, 2001. Broschiert, 160 Seiten Mahrendorff
Zebhauser Mahrendorff Helmuth Zebhauser: Alpinismus im Hitlerstaat. München: Rother, 1998. Gebunden Mahrendorff Anfang

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