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Mingels
Annette Mingels: Der aufrechte Gang
Köln: DuMont, 2006. Gebunden, 165 Seiten – mingels Linksmingels Literatur
In Der aufrechte Gang probiert Annette Mingels verschiedene Beziehungen aus.
Ruth und Simone sind seit dem Kindergarten befreundet. Im Erwachsenalter gingen sie zunächst getrennte Wege.
Ruth studiert Kunstgeschichte und heiratet den etwa zwanzig Jahre älteren Professor Sven. Dieser ist geschieden und pflegt monatlich den Kontakt zu seinen beiden Kindern. Der Wunsch nach Kinder bleibt zunächst versagt, später stirbt er ab. Beide haben zahlreiche Affären ohne ihr Zusammenleben zu gefährden. Schließlich stirbt Sven binnen eines halben Jahres. Sie trifft Simone wieder, die inzwischen einen Sohn Willy hat, über dessen Vaterschaft Simone Verschiedenes berichtet.
Kurz bevor Willy achtzehn Jahre wird, treten Ruth, Simone und der Jugendliche eine gemeinsame Reise nach England an. Hier überrascht Simone die beiden in flagranti. Damit ist nichts verraten, denn mit dieser Szene beginnt der Roman. Willy übt das Erwachsensein, allerdings nicht ganz im Sinne des Buchtitels. Ruth treibt es zunächst mit einem 20 Jahre älteren, dann mit einem etwa 20 Jahre jüngeren.
Erst allmählich steigt der Leser, von der Autorin retrospektiv an der Hand genommen, in die Beziehung der beiden Freundinnen und ihre jeweiligen Partnerbeziehungen ein.
Eine weitere merkwürdige Beziehung ist die zwischen dem befreundeten englischen Paar, das die drei im Auto besuchen: Peter und Thilda mit Tochter Adelaide. Er ist Atheist, während sie nach der Geburt der Tochter eifrige Verfechterin der Siebenten-Tags-Adventisten (siehe mingels Links) wurde. Neben dem aufrechten Gang in der jeweiligen Beziehung kommt hier mit Thildas Kreationismus der aufrechte Gang nochmals in den Fokus. Thilda bringt drei der üblichen Argumente gegen die Evolution:
nichts in der Evolution ist bewiesen; die Evolutionsketten sind lückenhaft; der Zufall lässt keinen Platz für Gott (S. 119-120; zur Evolution und Kreationismus: siehe mingels Links). Ruth und Peter treffen später die richtige Diagnose: Thilda sucht und findet in ihrer Kirche Sicherheit (S. 156).
Mingels erzählt ruhig und unaufgeregt. Das kommt vor allem der Phase des angekündigten Todes von Sven zugute. Allerdings erfordern einige Stileigenheiten sehr viel Kopfarbeit vom Leser, die er eigentlich der Thematik zuwenden müsste.
Mingels verzichtet auf die Anführungszeichen der wörtlichen Rede. Das ist eine weit verbreitete Unsitte und soll wohl Modernität verbreitet. Dabei zeigt sich, dass diese Satzzeichen kein überflüssiger Klimbim sind. Manchmal weiß man nicht, ob die Rede zu Ende ist, ob man die Gedanken liest und der jeweilige Gesprächspartner davon nichts hört.
Mingels zieht ständig mehrere Sätze, durch Kommata getrennt, in einen zusammen. Damit kann sie viele Sachverhalte in einen Atemzug packen. Darunter leidet aber die Lebendigkeit des Textes.
Trotz der stilistischen Einwände und der kargen direkten Handlung kommt mit der Zeit Fahrt in die Geschichte. Ich las mich ein. Wenn die verschiedenen genannten Beziehungen reizen, der findet kurzweilige Lektüre.
mingels Anfang
Anmerkungen
"mehr denn ganz verheeret, dachte sie immer wieder – wo hatte sie diese Zeile gelesen?" S. 41
Wo Ruth diese Zeilen gelesen hat, weiß wohl niemand; bei wem ist klar:
Andreas Gryphius : Tränen des Vaterlandes (1636): "Wir sind doch nunmehr ganz, ja mehr denn ganz verheeret!" Dieses Sonett gehört zu den am meisten zitierten Antikriegsgedichten; siehe mingels Links.
"Aequo animo audienda sunt imperitorum convicia", S. 77; Seneca: Epistulae morales 76,4
Die Schmähungen der Einfältigen sind mit Gleichmut anzuhören. Siehe mingels Zitate von Seneca d. J.
Links
Annette Mingels, * 1971, studierte Germanistik, Linguistik und Soziologie in Frankfurt am Main, Köln und in der Schweiz.
Sie lebt derzeit in Zürich: mingelsAnnette MingelsmingelsDuMontmingelsPerlentaucher
Rezensionen:
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