| Wolfgang Hildesheimer: Tynset Frankfurt: Suhrkamp, 1992. Broschiert, 268 Seiten – |
| Ein Herr unbestimmten Alters bewohnt
mit seiner Haushälterin Celestina ein Haus, wohl in der Schweiz (siehe Zur Aussenwelt hat er keinen Kontakt mehr, ausser verlässlichen Informationen wie Telefonbuch, Kursbuch, Wettervorhersage und Lawinenbulletin. |
| Tynset erschien 1965, es spielt
in oder nach 1963 (S. 10). Das Haus des Erzählers steht in Poschavio,
Graubünden (siehe |
| Das Prosawerk (Hildesheimer nannte es
bewußt nicht "Roman") steckt voller Symbolik. Das sollte man wissen,
bevor man zum Lesen anfängt. Nur manchmal blitzen Handlungen in den
nächtlichen Ablauf. Ziemlich zu Beginn erinnert sich der Erzähler
einer Telefonaktion, als er noch in Deutschland wohnte (S. 28). Er unternahm
sie eigentlich nur um sich von der Verläßlichkeit des Telefonbuchs
zu überzeugen (S. 31). Dabei ruft er willkürlich Leute an und
verstört sie mit "Es ist alles entdeckt". Die Angerufenen reagieren
ertappt. Das geht soweit, dass sie kurz darauf mit dem Koffer in der Hand das
Weite suchen. Kurz darauf merkt der Erzähler, dass nun sein Telefon
abgehört wird. Hand in Hand mit dem Wiedererstarken der Neonazis ging und
geht in Deutschland eine Überwachung der Bürger ( Hier artikuliert Hildesheimer deutlich seine Abneigung gegen die Wiedereinsetzung alter Nazis in der Bundesrepublik ( Symbolreich ist der Abschnitt über die Hähne Attikas (S. 63ff), die Hartwig Isernhagen einem Vergleich mit Lawrence Durrell unterzieht ( Immer wieder taucht der Vater Hamlets im Haus auf. Die beiden Namen "Hamlet" und "Tynset" ähneln sich. Die wiederkehrenden Motive gegen dem Text die Struktur, die Hildesheimer bewußt einem musikalischen Rondo nachgebaut hat. Markant tritt auch mehrfach die Szene des Treffens des Verteidigungsminister (Vertreter des "neuen" Deutschlands) mit dem Kardinal (Vertreter der sich stets anpassenden Kirche) in die Erinnerung und die Aufmerksamkeit des Lesers (siehe |
| Man geht nicht zu weit anzunehmen, dass der Erzähler sich von der Welt verabschiedet hat, weil er an einem Holocaust-Trauma leidet. Für ihn gibt es nur noch die Nacht. Er sehnt sich nach einem winzigen Ort in Norwegen in menschenleerer Landschaft: "Tynset, mein einziger Plan, das einzig mögliche Ziel, ..." (S. 99). Doch dieses Ziel erreicht er nie. |
| Da ich auf den komplexen Text vor der Lektüre hingewiesen wurde, las ich Tynset mit entsprechend wachen Sinn. Das ist nötig, um falsche Erwartungen (und Enttäuschung) zu vermeiden. Nur dann kann die Erinnerungsprosa richtig gewürdigt werden. Einige Rätsel bleiben. |
| Anmerkungen |
| Ort |
Der Ort der Handlung wird nicht
genannt; kann nur aus einigen Angaben vermutet werden:
|
| Treffen Verteidigungsminister und Kardinal |
| Das Treffen des Verteidigungsministers
mit dem Kardinal (S. 101-105), bei dem der Minister den Ring des Kardinals
küßt, ist teilweise knifflig. Ort: Flugplatz innerhalb einer Landschaft mit zwei Figuren (S. 101; 102) Zeit: 1961 (S. 101) Verteidigungsminister mit kurzen Hals (S. 102) ist Franz Josef Strauss, der auch als Hobbypilot bekannt war. Strauss war Bundesverteidigungsminister 1956 – 1962. Der Kardinal kann schwerlich Joseph Wendel, Bischof von München-Freising, sein, da dieser am 13.12.1960 starb. (Siehe dazu aber die folgende Anmerkung |
| Hildesheimer klärt Der Kardinal ist Joseph Wendel. In der Zeitung von 1961 (S. 101) ist also ein älteres Foto abgedruckt (da Wendel am 13.12.1960 verstorben ist). Hildesheimer 1965, S. 7-8 |
| Rosenheim |
| wird erwähnt S. 126-27; S. 225 |
| Carlo und Maria Gesualdo (S. 130-133) |
| Carlo Gesualdo heiratete Maria
d'Avalos. Maria verliebte sich in Fabrizio Caraffa, Herzog von Andria. Carlo
erfährt davon und lässt die beiden ermorden. Pietro Bardotti (S. 132)
ist Don Carlos Kammerdiener. Das Geschehen wurde von Alfred Schnittke zur Oper Gesualdo
verarbeitet ( |
| Vermischte Anmerkungen |
| S. 17: "Wagnersängerin, ... in
Hamar geboren ...": Kirsten Flagstad, 12.
Juli 1895 Hamar – 7. Dezember 1962 Oslo;
S. 54 u.a.: "Wesley B. Prosniczer" gibt es wohl nicht; ist fiktional S. 77 u.a.: "Nabatäer": ein Verbund antiker nordwestarabischer Nomadenstämme; S. 87: "Jean Gaspard Muller"; vermutlich fiktional S. 96: "Euganeische Hügel": Hügeln vulkanischen Ursprungs südlich von Padua mit dem Regionalpark Parco Regionale dei Colli Euganei. – S. 96: "Villa Barbarigo": bekannt ist der Garten der Villa Barbarigo, einer der bedeutendsten noch erhaltenen historischen Gärten, aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. S. 168: "One Sweetly Solemn Thought", Text: Phoebe Cary, 1852, Musik: Robert Ambrose, 1876. S. 203: "französische Krankheit": Syphilis oder Franzosenkrankheit; S. 229: "Doktor Liguori": ob es sich dabei um Alonso Maria de Liguori, 27.9. 1696 Marianella bei Neapel – 1.8. 1787 Pagani bei Neapel ( S. 251: "... der zerriß Telefonbücher"; damit könnte Felix Graf von Luckner, 9.6. 1881 Dresden – 13. 4. 1966 Malmö ( S. 252: "Schloß Kronborg": ( S. 253: William Blake: "Verdamme Bindungen, segne Lockerung!"; im Original: "Damn. braces: Bless relaxes", aus: The Marriage of Heaven and Hell, Plate 9. |
| Rezeption |
| Reinhard Baumgart: "Schlaflos
schluchzend". Der Spiegel 3. März 1965 (Verriss) Walter Jens, Die Zeit 19. März 1965 (Lob) 1966 Büchner-Preis |
| Links |
| Tynset:
|
| Rezensionen |
|
|
| Wolfgang Hildesheimer |
| Vergleichsliteratur |
| Djuna Barnes: Nightwood –
Heimito von Doderer: Die Wasserfälle von Slunj Hubert Fichte: Versuch über die Pubertät |
| Literatur |
|
| Bei Amazon nachschauen | Bei Amazon nachschauen | |
![]() |
![]() |
|
| Franka Köpp, Sabine Wolf:
Wolfgang Hildesheimer. 1916 - 1991. Books on Demand 2002. Broschiert,
308 Seiten |
||
![]() |
![]() |
|
| Stephan Braese: Die andere
Erinnerung. Berlin: Philo, 2005. Broschiert
Wolfgang Hildesheimer, Edgar Hilsenrath, Grete Weil |
||